Am Pariser Autosalon feuerten die anwesenden Hersteller wie gewohnt aus allen Rohren. Vor allem Elektroautos standen am vergangenen Wochenende im Mittelpunkt. Daimler und VW zeigten futuristische Strommobile, Opel und Renault glänzten mit reichweitenstarken Fahrzeugen. Die Branche, so scheint es, hat den Dieselskandal optisch und technologisch überwunden. Allein die Anlegerperspektive zeigt eine andere Welt.

Seit Anfang Jahr haben die Investoren nur wenig Freude an den grossen europäischen Automobilherstellern. Die Aktien des gesamten Segments (gemessen am MSCI Europe Automobiles and Components) haben seit Jahresbeginn über 20 Prozent eingebüsst. Ein Blick auf die Titel der einzelnen Hersteller verdeutlicht die Misere: BMW etwa ist seit Anfang Januar 23 Prozent im Minus, Daimler 19 Prozent und Peugeot 17 Prozent. Auch die Bewertungen der Titel zeigen das geringe Vertrauen der Anleger. Die Kurs-Gewinn-Verhältnisse für die nächsten zwölf Monate reichen von 3 bis 7.

Das Ende des Zyklus ist erreicht

Das schlechte Abschneiden an der Börse irritiert, da sich die meisten Unternehmen mit Blick auf Umsatz und Gewinn im ersten und zweiten Quartal 2016 gut geschlagen haben. Das Geschäft in Europa und im wichtigen Markt China (siehe Grafik rechts) entwickelte sich gut. Zudem bestätigten die Hersteller ihre Jahresprognosen. BMW etwa steigerte im zweiten Quartal den Umsatz um 4,5 Prozent, der Gewinn legte um mehr als 11 Prozent auf 1,94 Milliarden Euro zu. Daimler konnte knapp 4 Milliarden Euro Gewinn ausweisen und lag damit sogar deutlich über den Erwartungen der Analysten.

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Demnach müssten sich jetzt Kaufgelegenheiten an der Börse bieten. Doch Vorsicht, meint dazu Rolf Ganter, Analyst für Automobilaktien bei UBS CIO Wealthmanagement. «Die meisten Investoren gehen davon aus, dass die Automobilindustrie jetzt das Ende ihres Zyklus erreicht hat. Margen und Gewinne könnten auf einem Höhepunkt sein. Das honorieren die Anleger nicht und es fehlt an Schwung», erklärt er. Zudem stehe die gesamte Industrie vor strukturellen Veränderungen.

E-Mobilität im Zentrum

Am Autosalon in Paris waren einige davon gut sichtbar. Die Hersteller setzen auf Vernetzung, autonomes Fahren, Sharing und Elektromobilität. Diese Schlagworte kursieren in der Branche zwar schon länger. Doch die Kunst besteht nun darin, «diese Trends intelligent miteinander zu verknüpfen», wie Daimler-Chef Dieter Zetsche ankündigte. So sind Daimlers Nutzfahrzeuge selbstverständlich miteinander vernetzt und die neue Elektromarke der Stuttgarter, EQ, ist ebenso onlinefähig wie Volkswagens Konzept für die E-Kompaktwagen. BMW präsentierte seine jetzt rundum erneuerte Plattform «Connected Drive».

Opel wiederum probiert in den USA die Möglichkeit aus, das eigene Auto fremden Nutzern bereitzustellen. VW feilt unter einer neuen Marke an Carsharing-Ideen. Für die Kommunikation der Autos untereinander haben die Hersteller ebenfalls viele Ideen. Daimler testet mit seinem Zulieferer Bosch einen Parkplatzservice, bei dem die Sensoren der Fahrzeuge freie Parkplätze finden und diese Information an andere Verkehrsteilnehmer weitergeben. Porsche arbeitet sogar an einer Technik, mit der seine Luxuslimousinen selbstständig einparken, während die Fahrzeughalter beispielsweise ins Kino oder zum Einkaufen gehen. Sind die Autos künftig online und jederzeit zu orten, können sich auch neue Möglichkeiten für Flottenmanagement und Carsharing ergeben.

Investoren sind verunsichert

Gemäss Ganter werfen diese Trends jedoch viele Fragen auf, die die Investoren im Moment eher verunsichern als beruhigen. Klar sei aber, dass die Ausrüstung der Fahrgastzelle eines Fahrzeuges künftig entscheidend für den Erfolg eines Herstellers sein wird. Je mehr Sicherheit und zusätzliche Features wie etwa eine Frontscheibe, die als Screen genutzt werden kann, desto besser. Die Premiumhersteller, aber auch die Zulieferer seien diesbezüglich am besten positioniert. «Für die Hersteller im unteren Segment dürfte dagegen die Luft dünner werden», so Ganters Einschätzung.

Den optimistischen Blick auf die Zulieferer teilt auch Armin Rechberger, Aktienanalyst der ZKB. Er beobachtet seit längerem, dass die Schweizer Industrieunternehmen Georg Fischer, SFS und Autoneum von den Mega-Trends der Automobilbranche profitieren. «Wenn es um Effizienzsteigerung, Sicherheit und Komfort geht, sind die Schweizer Zulieferer gut positioniert. In diesen Bereichen ist mit überdurchschnittlichem Wachstum zu rechnen», erklärt er. Auch seien die Hersteller Georg Fischer und SFS auf den europäischen Markt konzentriert, wo das Geschäft anziehen dürfte.

Auf BMW und Daimler setzen Anleger, die trotz allen technischen Herausforderungen der Unternehmen von den niedrigen Bewertungsniveaus der Aktien profitieren wollen, sind mit den beiden Premiumherstellern BMW und Daimler am besten bedient. Beide Gesellschaften sind technologisch weit gekommen und ihre Pipelines sind mit vielversprechenden Modellen gefüllt. Daimler bietet zudem eine hohe Dividendenrendite von geschätzten 5,4 Prozent (für 2016). Die Aktien Volkswagen sind wegen der weiter bestehenden Gefahr für Bussen zu schwankungsanfällig. Peugeot wiederum muss den Turnaround managen. Unter den Zulieferern sind neben den Schweizer Spezialisten Georg Fischer und Autoneum noch die Reifenspezialisten Michelin und Continental einen Blick wert.