Der VW-Skandal und grossangelegter Emissionsbetrug in weiten Teilen des Autosektors, dann die immer schärferen Umweltgesetze und jetzt auch das noch: Norwegen will mit Benzin und mit Diesel betriebene Kraftwagen aus dem Land verbannen. Zumindest ist diese Meldung Mitte der Woche über die Agenturen gelaufen. Danach soll im hohen Norden ab 2025 Schluss sein mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren. Diese Nachricht ist zwar schnell dementiert und relativiert worden, doch Autos haben seit längerem mit verstärktem medialem und politischem Gegenwind zu kämpfen. Auf den ersten Blick klingt das alles wenig vielversprechend, aber der erste Blick trügt. Denn die geschilderten Probleme sind nur ein kleiner Teilaspekt und im Fall von Norwegen eher reine Nabelschau in einem kleinem Universum. Tatsache ist nämlich: Autos sind gefragt wie nie zuvor. Infolge Finanzmarktkrise vor fünf Jahren waren die Autokunden in vielen Ländern lange mit einem Neu- oder Ersatzkauf zurückhaltend, doch jetzt kommt es zu einem Nachholeffekt mit starkem Rückenwind durch tiefe Benzinpreise, fallende Arbeitslosigkeit in vielen Ländern und auch durch die rekordtiefen Zinsen.

Allen Unkenrufen zum Trotz: Der Automarkt boomt

Und so hat die Autobranche zum ersten Halbjahr eine überwiegend positive Bilanz gezogen. In Westeuropa ist die Zahl der Neuzulassungen in den ersten sechs Monaten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 8,5 Prozent gestiegen, in Osteuropa hat es ein Plus von 17,2 Prozent gegeben und in den USA sind 1,3 Prozent mehr Autos auf die Strassen gekommen. Und dann brummt auch das Geschäft in den Schwellenländern Indien und China. Der Subkontinent weist im ersten Semester ein Neuzulassungsplus von 4,5 Prozent aus, und im Reich der Mitte hat es sogar 12,0 Prozent mehr neue PKWs gegeben.

Auch der Nutzfahrzeugmarkt ist im Aufschwung. In Westeuropa ist die Zahl der Neuzulassungen von Fahrzeugen mit einem Gewicht von mehr als 3,5 Tonnen im ersten Halbjahr um 14,3 Prozent gestiegen, und in den neuen EU-Ländern, insbesondere im Osten, ist es zu einem Plus im Absatzvolumen um 28,7 Prozent gekommen. Und wie das Researchhaus IHS ermittelt hat, ist die Zahl der im ersten Halbjahr produzierten sogenannten Light Vehicles – Fahrzeuge mit einem Gewicht von weniger als sechs Tonnen – in diesem Zeitraum weltweit um 2,2 Prozent auf 45,9 Millionen Fahrzeuge gestiegen. Laut IHS planen die weltweit 20 grössten Autobauer zwischen 2015 und 2020 mit einem Anstieg der Produktion um 22 Prozent auf dann 98 Millionen Fahrzeuge.

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Diesel wächst überraschend stark

Die grosse Überraschung dabei: Trotz VW-Skandal mit Dieselbetrug und Abgasmanipulation waren Dieselmotoren auch im ersten Halbjahr stark gefragt. Während die Zahl der gefertigten Benzinaggregate weltweit nur um 1,6 Prozent auf 35,9 Millionen Stück zulegen konnte, gab es bei Selbstzündern ein Plus von 3,9 Prozent auf 9,7 Millionen Einheiten. Trotz breiter Diskussion um Schadstoffe kommen hingegen Elektromotoren zumindest vorerst nicht aus ihrer Nische. Die globale Produktion lag im ersten Halbjahr lediglich bei 200'000 Stück, entsprechend einem Anteil am gesamten Markt von 0,4 Prozent.

In diesem positiven Nachfrage-Umfeld zeigen sich die Aktien der Schweizer Autozulieferer von ihrer starken Seite. Während der SMI seit dem Jahresstart 10 Prozent an Wert verloren hat und seit März nur seitwärts läuft, zieht es die vier heimischen Auto-Aktien seit sechs Monaten steil nach oben. SFS Group liefert seit März ein Plus von 20 Prozent, Georg Fischer schafft 25 Prozent, Feintool bringt ihren Aktionären einen Kursgewinn von 30 Prozent und Autoneum lässt die anderen mit einem Schub um 40 Prozent ganz deutlich hinter sich zurück. Vor allem seit Juli drücken die Aktien der Autozulieferer aufs Tempo.

Autozulieferer profitieren vom Trend zu Gewichts- und Schadstoffreduktion

Börsianer fragen sich: Ist das eine Blase oder sind da noch höhere Kurse drin? Zuerst einmal: Das Bild mit den heimischen Autozulieferern sollte etwas differenziert gesehen werden. Mit Ausnahme von Autoneum trägt die Autosparte bei den Titeln meist nur einen Teil zum Gesamtumsatz bei. Während Georg Fischer insbesondere mit ihren Leichtbaukomponenten vom Trend zu einem geringeren Gewicht und von der sinkenden Emission profitiert und 37 Prozent der Umsätze im Bereich Automotiv erzielt, sind es bei SFS Group mit Bauteilen beispielsweise für Airbag, Bremsen und Motoren nur etwa 25 Prozent.

Bei Feintool fallen hingegen die Feinschneid- und Umformteile für die Autoindustrie stärker ins Gewicht, und die Produkte des Konzerns aus Lyss sind auch wegen der damit verbundenen Gewichtsreduktion der Fahrzeuge stark gefragt. Autoneum schliesslich ist mit ihren Bauteilen für Lärm- und Wärmeschutz voll auf die Fahrzeugindustrie fokussiert und profitiert ebenfalls vom Trend hin zu Gewichts- und Schadstoffreduktion, aber auch zu mehr Komfort.

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Die Ziele sind teilweise hoch gesteckt

Die vier Unternehmen haben sich teilweise ambitionierte Ziele gesetzt. So will Georg Fischer ihren Umsatz bis 2020 jährlich um 3 bis 5 Prozent steigern, die Erlöse sollen dabei von 3,7 Milliarden Franken im 2015 auf 4,5 bis 5,0 Milliarden Franken in vier Jahren klettern. Bei einer angestrebten operativen Marge von 8 bis 9 Prozent könnte der Gewinn dann von 46 Franken im 2015 geschätzt etwa in den Bereich von 70 oder 75 Franken je Aktie steigen. Während da mittelfristig betrachtet bei moderatem 14er- oder 15er-KGVs weitere Kursgewinne auf über 1000 Franken je Aktie drin sind, bietet der Titel kurzfristig gesehen im Moment keine grössere Kursphantasie.

Etwas höhere Wachstumsziele hat sich Feintool gesteckt. Zugewinne an Marktanteilen, unter anderem durch internationale Expansion, sollen den Umsatz von 508,9 Millionen Franken im vergangenen Jahr auf rund 800 Millionen Franken treiben. Das wäre ein jährliches Umsatzwachstum von rund 10 Prozent. Der Gewinn könnte sich dadurch von 4.51 Franken im 2015 auf über 10 Franken je Aktie mehr als verdoppeln. Anleger mit einem mittel- bis langfristigen Zeithorizont legen sich den Titel deshalb ins Depot, mit einem Kursziel von 150 Franken.

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Kurzfristig besteht wegen der schon vergleichsweise hohen Bewertung mit annähernd einem 20er-KGV fundamental betrachtet keine Kursphantasie. Doch möglicherweise schafft Feintool nun endlich den Sprung über die wichtige psychologische Hürde von 100 Franken. Da könnte das 15-Jahreshoch aus 2015 von 108 Franken schnell drin sein.

Die Aktien sind jedoch nicht mehr ganz günstig

Ähnliche Wachstumsambitionen wie der Spezialist für Feinschneid- und Umformtechnologie hat auch SFS Group. Der Konzern aus Heerbrugg will auf mittlere Sicht in den nächsten drei bis fünf Jahren jeweils um 5 bis 7 Prozent wachsen. Da schon in diesem Jahr ein Gewinnsprung von 2.78 Franken auf mehr als 4.0 Franken je Aktie drin ist, kann das Ergebnis 2020 bei etwa 6.0 Franken je Aktie sein. Allerdings ist auch hier, wie bei Georg Fischer und Feintool, schon viel Wachstum in den aktuellen Börsenkurs eingepreist, und so sind die kurzfristigen Kursperspektiven bei dieser Aktie eher nur moderat. Mittelfristiges Ziel: 100 Franken.

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Etwas mehr Spannung bietet Autoneum. Beim Hitze- und Lärm-Dämmspezialisten verspricht unter anderem der Produktionsstart neuer Werke in den USA in diesem Jahr und ab 2017 in Mexiko weiteres Wachstum. Zudem hat es bereits im ersten Halbjahr wegen Belieferung mit neuen Automodellen in Europa und wegen der Fertigung von Bauteilen für japanische Fahrzeughersteller einen Umsatzschub um 7,6 Prozent gegeben, und im Gesamtjahr ist mit einem ähnlichen Wachstumstempo zu rechnen.

Auch wegen der geplanten verstärkten Expansion in den Schwellenländern mit einem angestrebten Emerging-Market-Anteil an den Gesamtumsätzen der Gruppe im 2020 von über 20 Prozent soll der Umsatz bei Autoneum von 2,2 Milliarden Franken in diesem Jahr dann auf 2,6 Milliarden Franken klettern. Bei einer angepeilten operativen Marge vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von 12 Prozent scheinen in vier Jahren Gewinne im Bereich von 25 Franken je Aktie möglich zu sein. Nach dem Ausbruch aus dem Aufwärtstrendkanal könnten bei dieser Aktie kurzfristig 300 Franken drin sein.

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