Bankaktien erlitten in den vergangenen Tagen wieder einmal einen Rückschlag – inbesondere europäische Institute. Die Enttäuschung darüber, dass EZB-Chef Mario Draghi zwar die Erwartungen erfüllte, darüber hinaus aber keine noch umfangreicheren Anleihenkäufe ankündigte, sorgte für Abgabedruck. Am Tag der EZB-Sitzung vor einer Woche waren unter den zehn grössten Kursverlierern im Euro Stoxx 50 mit UniCredit, Intesa Sanpaolo, Société Générale, ING, Santander und BBVA gleich sechs Finanzwerte zu finden.

Spannend und volatil dürfte es in diesem Sektor auch in den kommenden Wochen zugehen. Denn noch im Oktober werden die EZB und die Bankenaufsichtsbehörde Daten zu den Bilanzchecks und Stresstests veröffentlichen, denen sich die Branche unterziehen musste. Ob die Ergebnisse Vertrauen schaffen oder neue Angst schüren werden, bleibt abzuwarten. Immerhin haben die Kreditinstitute im Vorfeld intensiv versucht, die Eigenkapitalquoten zu erhöhen, und sie stehen jetzt im Durchschnitt solider da als zuvor.

Banken – das Image ist belastet

Grundsätzlich optimistisch für den Sektor sind die Analysten von Nomura. In der Vergangenheit hätten sich Europas Banken ähnlicher Überprüfungen erfolgreich unterzogen, und im Grossen und Ganzen könnten sie den Stresstests und Bilanzchecks optimistisch entgegensehen. Neues Vertrauen könnte im Übrigen auch die europäische Bankenunion bringen, in der die EZB die Aufsicht über 128 Banken im Euroraum übernehmen soll.

Anzeige

Eine nicht zu vernachlässigende Gefahr stellen aber die neuerlichen Spannungsanzeichen in Griechenland dar, vor allem aber müssen die Banken mit einem generellen Ansehens- und Vertrauensverlust klarkommen. Wie schlecht es in dieser Hinsicht um die Branche bestellt ist, zeigt sich an einer Umfrage der weltweit tätigen Markenberatung «Prophet». Demnach sind etwa in Deutschland rund drei Viertel der Befragten der Meinung, Banken seien nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht und handelten kaum im Sinn ihrer Kunden. Zudem können sich die Befragten etablierte Unternehmen oder Marken sehr gut als Alternative für ihre täglichen Bankgeschäfte vorstellen. Diese Haltung eröffnet neuen Anbietern Chancen für einen Markteintritt, und mittel- bis langfristig könnte beispielsweise das elektronische Bezahlsystem von Apple zu einer echten Konkurrenz werden. Allerdings sind die Markteintrittsbarrieren für neue Wettbewerber durch die erhöhten gesetzlichen Regulierungsanforderungen gestiegen.

Stresstest und Zinserhöhung – Chancen auf steigende Kurse

Trotz aller Schwierigkeiten haben es sowohl die Bank-Aktienindizes in Europa (DJ-STOXX-600-Bank-Index) als auch in den USA (S&P 500 Banks Index) zuletzt geschafft, mit dem breiten Aktienmarkt mitzulaufen. Es gibt sogar die Chance auf eine beginnende Outperformance. Möglicherweise können positive Ergebnisse des bevorstehenden Härtetests in Europa den Lauf der europäischen Bankwerte sogar beschleunigen. Bei US-Instituten besteht Phantasie in der bevorstehenden Zinswende der US-Notenbank Fed. Denn steigende Zinsen wären hilfreich für die Geldhäuser.

So weist die Credit Suisse darauf hin, dass die Einnahmen aus dem Zinsgeschäft typischerweise mehr als 50 Prozent der gesamten Einnahmen der US-Banken ausmachen. Eine Zinserhöhung würde diesen Ertragspfeiler wesentlich stärken. Hinzu kommen aus einer Zinsanhebung resultierende indirekte Einflüsse wie ein besseres ökonomisches Momentum, eine dadurch erhöhte Trading-Aktivität sowie ein Wachstum bei der Kreditvergabe, was die Einnahmen erhöhen würde. Eine Zinserhöhung bringt nach Einschätzung der Analysten der Credit Suisse aber auch Nachteile wie höhere Abschreibungen auf ausstehende Kredite oder die Tieferbewertung von Obligationenportfolios. Per Saldo gehen die Experten jedoch davon aus, dass die Vorteile auf der Einnahmenseite die Nachteile mehr als kompensieren werden.

Anzeige

Bankaktien: 20 Prozent billiger als im langfristigen Durchschnitt

Als Pluspunkt können die Bankaktien auf der Habenseite zudem eine relativ günstige Bewertung verbuchen. So handelt der US-Bankensektor laut Credit Suisse mit einem erwarteten KGV für 2015 von 11,1. Das ist nicht nur ein Abschlag von rund 20 Prozent zum  Langzeitdurchschnitt der Branche, sondern auch ein deutlicher Discount gegenüber der Bewertung des Gesamtmarkts. Ähnlich lautet das Fazit für Europa und Japan. Angaben der Citigroup zufolge bewegen sich dort die Kurs-Buchwert-Verhältnisse für 2015 im Schnitt bei jeweils 0,9. Hinsichtlich Rentabilität gehen die Experten von J.P. Morgan davon aus, dass sich die historisch tiefen Eigenkapitalrenditen der europäischen Banken ab 2015 spürbar verbessern werden.

Vielversprechende Titel für den Comeback-Versuch

Anzeige

Zu den Favoriten der Anleger könnte sich dabei die niederländische ING Groep N.V. (ISIN: NL0000303600) entwickeln. Das Finanzhaus verbucht Fortschritte bei seinen Restrukturierungsmassnahmen und konnte seine Eigenkapitalquote bereits spürbar verbessern. Nach der Abspaltung des Versicherungsbereichs (EU-Auflagen machten einen Verkauf beziehungsweise einen Börsengang des Versicherungsgeschäfts nötig) wird das Institut wohl als Filialbank mittel- bis langfristig zu seiner alten Stärke zurückfinden. Dann wäre wahrscheinlich spätestens für das Geschäftsjahr 2015 wieder mit einer Dividendenzahlung zu rechnen.  

In den USA stehen die Chancen bei der Bank of America (ISIN: US0605051046) für eine überzeugende Kursentwicklung nicht schlecht. Immerhin dürfte das Institut besonders stark von steigenden Zinsen in den USA und von einer anziehenden Konjunktur profitieren. Mit der Zahlung einer Strafe von 16,7 Milliarden Dollar wurde zuletzt auch eine weitere Unsicherheit im Zusammenhang mit dem Vorwurf des Hypothekenbetrugs im Vorfeld der Finanzkrise aus dem Weg geräumt. Ausserdem hat sich bei der Bank of America der Ergebnismix in den vergangenen Jahren verbessert.  

Anzeige

Hohes Potenzial bei Mizuho Financial

In Japan hinterlässt die Mizuho Financial Group Inc. (ISIN: JP3885780001) einen günstigen Bewertungseindruck. Von der Citigroup wird das Kurs-Buchwert-Verhältnis auf 0,8 beziffert, und das KGV für 2015 auf unter 10. Die letztgenannte Kennziffer soll sich sogar noch weiter verbessern, weil dem Finanzdienstleister, der zu den weltweit grössten der Branche zählt, 2014 und 2015 Ergebnissteigerungen zugetraut werden. Die Analysten von Jefferies halten einen Kursanstieg auf 270 Yen für möglich, was gemessen an der aktuellen Notiz von 195,8 Yen ein deutliches Aufwärtspotenzial verspricht. Die Analysten der Citigroup sind mit einem Kursziel von 320 Yen sogar noch optimistischer. Wer auf eine Kursbeschleunigung der europäischen Bankaktien setzen will, greift zum Index-Tracker auf den Euro Stoxx Banks (ISIN: DE0006418205, Laufzeit endlos).

Anzeige