Herr Preissler, 2017 stehen richtungsweisende Wahlen in Europa an, die potenziell an den Märkten zu Verwerfungen führen. Wie geht Bantleon mit dieser Situation um?
Harald Preissler*: Zunächst einmal ist die Situation nicht neu. Bereits vergangenes Jahr und auch die Jahre davor gab es politische Grossereignisse, auf die die Märkte heftig reagiert haben mit Kursverlusten im prozentual zweistelligen Bereich. Doch 2016 folgte auf Einschläge, wie der Brexit einer war, sehr schnell eine Erholung ...

... Was schliessen Sie daraus?
Die Marktteilnehmer haben gelernt, dass es nichts bringt, wegen politischer Ereignisse in Panik zu verfallen. Bei der Beurteilung von Finanzmärkten geht es mittel- bis längerfristig nur um die wirtschaftliche Entwicklung. Zieht die Konjunktur an oder schwächt sie sich ab? Das ist kursrelevant. Aktuell, wo die Wirtschaftslage vielerorts robust ist, führt das zu einem gewissen Selbstbewusstsein unter den Investoren und zur Haltung "das kriegen wir schon gebacken".

Ein Ausdruck der gut laufenden Konjunktur in den USA ist das Anziehen der Inflation. Wie viele Zinsschritte wird die amerikanische Notenbank respektive Janet Yellen dieses Jahr beschliessen?
Ich rechne mit drei bis vier Anhebungen um je 25 Basispunkte.

Und Ende 2018 - auf welcher Höhe werden sich die Leitzinsen dann befinden?
Bei 2 bis 2,5 Prozent.

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Hat das Federal Reserve System damit genügend geldpolitischen Spielraum, falls sich bis dann die Wirtschaftsentwicklung erneut abschwächt?
Der Konjunkturzyklus befindet sich doch bereits in einem fortgeschrittenen Stadium. HändlerinEr dauert in der Tat schon sehr lange, der aktuelle Zyklus begann 2009. Das ist beinahe ein Rekord. Aber er ist auch einer der ungewöhnlichsten und eigentlich nicht vergleichbar mit anderen Wirtschaftszyklen der vergangenen Jahrzehnte.

Weshalb nicht?
Normalerweise gehen mit einer Wirtschaftserholung relativ rasch steigende Zinsen einher. Und das führt dann wiederum nach einigen Jahren zu einer Abschwächung der Konjunktur. Doch das geschah dieses Mal nicht, die Zinsen sind tief geblieben und fangen erst jetzt an zu steigen. So gesehen ist der Zyklus nicht reif, sondern er steht erst am Anfang.

Eine Rezession in den USA wird also nicht so bald eintreten?
Es könnte im zweiten Halbjahr 2017 zu einer leichten Konjunkturabschwächung kommen. Aber eine Rezession erwarte ich nicht. Und 2018 werden dann erste Ergebnisse der fiskalpolitischen Massnahmen der Administration Trump sichtbar werden.

Damit könnte sich dieser Konjunkturzyklus bis Ende 2019 erstrecken?
Genau. Dann steigt das Risiko einer Rezession allerdings tatsächlich, weil bis dann die Zinsen auf einem relativ hohen Niveau sein werden und weil sie damit die Kraft aus dem Wirtschaftszyklus saugen.

Zurück zur aktuellen Situation. Bantleon ist bekannt für ihre Expertise im Anleihenbereich - wo befindet sich der «Sweet Spot»?
Den gibt es nicht. Wir können nur steuern, ob wir viel oder ein bisschen weniger Schmerzen ertragen müssen. In den nächsten Jahren wird das Laufzeitmanagement bei Anleihen von überragender Bedeutung sein, wichtiger noch als die Bewirtschaftung von Risikoprämien.

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Glauben Sie an die viel beschworene grosse Rotation aus Anleihen in Aktien?
Sie ist unvermeidlich. Unmittelbar nach der Wahl von Trump war eine solche Absetzungsbewegung in den USA zu beobachten. Aber zuletzt kamen die Abflüsse ins Stocken. In der Spitze stiegen die Renditen der zehnjährigen Treasuries auf mehr als 2,6 Prozent. Das war erst der Anfang dieser Rotation, was wiederum ein Indiz dafür ist, dass auch der Konjunkturzyklus immer noch am Beginn steht. Trotz der tiefen Zinsen konnten mit Anleihen in den vergangenen Jahren beachtliche Rendierzielt werden.

Weshalb also die Anlageklasse wechseln?
Die Situation wird sich in den kommenden Jahren ändern, und Investoren werden merken, wie risikoreich Anleihen sein können. Das Aufwachen steht vielen noch bevor. Bis jetzt lebte es sich ganz gut mit der Devise «so schlimm wird es schon nicht werden». Bei nächsten Zinsschüben kann es durchaus zu Panikreaktionen kommen und zu weiteren Abflüssen respektive Umschichtungen in Aktien. Der Anleihen-Bullen markt ist nun 36 Jahre alt. Es gibt kaum mehr jemanden im Geschäft, der die letztmalige Rotationsbewegung miterlebt hat. Für die allermeisten ist dieses Szenario eine reine Theorieveranstaltung.

Viele Beobachter schätzen den Aktienmarkt bereits als hoch bewertet ein. Hält das Anleger nicht von Aktien fern?
Meiner Ansicht nach werden die Gewinnentwicklung der Unternehmen und die Produktivitäts Rendizuwüchse der kommenden Jahre unterschätzt. Und Produktivitätszyklen dauern in der Regel nicht sechs oder neun Monate, sondern sechs bis sieben Jahre. Unsere Frühindikatoren zeigen, dass wir hier vor einem Schub stehen, der als Folge die Unternehmensgewinne deutlich steigen lässt. Das wird höhere Bewertungen – beispielsweise der Kurs-Gewinn-Verhältnisse – relativieren, respektive rechtfertigen.

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Also geht es am Aktienmarkt so weiter wie in den letzten Jahren?
Ja. Aber sehr wahrscheinlich wird die Aufwärtsbewegung nicht mehr ganz so rasant verlaufen wie in den vergangenen Jahren.

Welche Märkte werden obenauf schwingen?
Die europäischen Märkte haben Aufholbedarf und nach wie vor auch die von vielen Schwellenländern. Die Rohstoffpreise haben sich stabilisiert, und politische Wechsel, beispielsweise in Argentinien und Brasilien, wirken sich positiv auf die Anlegerstimmung aus.

Und wie schätzen Sie die Entwicklung des schweizerischen Aktienmarkts ein – für die grossen Pharmakonzerne war 2016 ein schwieriges Jahr?
Ich mache mir bezüglich Aussichten des Sektors keine grundsätzlichen Sorgen. Die Innovationskraft der Branche ist beeindruckend. Bezogen auf den Gesamtindex Swiss Market Index sehe ich ein Aufwärtspotenzial von rund 10 Prozent. Ob es sogar für eine Bewegung bis 10'000 Punkte reicht, werden wir sehen.

*Der Ökonom Harald Preissler arbeitet seit 1999 für die Bantleon Bank. Er ist Teil der Geschäftsleitung und CIO der auf Anleihen spezialisierten Anlageboutique, die mit rund 45 Mitarbeitern vorwiegend institutionelle Kunden in Deutschland, Österreich, Schweiz, Italien und Spanien betreut.