Anfang Juli konzentriert sich die Aufmerksamkeit von Investoren, Analysten und Strategen normalerweise auf den US-Unternehmenssektor. Traditionell läutet um diese Zeit Alcoa (ISIN US0138171014) die «Earnings Season», die Berichtssaison, ein. Zwar war die Vorlage des Quartalsberichts durch den weltweit grössten Aluminiumproduzenten auch dieses Mal alles andere als ein Non-Event, doch die Publikation wurde von der Nachrichtenflut zur Griechenlandkrise und zum Börsenbeben in China überlagert.

Zu allem Überdruss legte eine Computerpanne den Handel an der New York Stock Exchange stundenlang lahm, kurz bevor Alcoa-CEO Klaus Kleinfeld den jüngsten Geschäftsgang erläuterte. Immerhin sorgte der frühere Siemens-Chef für ein einigermassen versöhnliches Ende des dramatischen Mittwochs. Zwar blieb Alcoa beim Gewinn hinter den Erwartungen zurück, aber das Unternehmen konnte den Umsatz leicht auf 5,9 Milliarden Dollar steigern. Analysten hatten einen Rückgang erwartet.

Analystenkonsens: Gewinnrückgang wird erwartet

Sonderlich hoch liegt die Latte für die US-Grosskonzerne momentan generell nicht. Der Informationsdienstleister Factset fasst den Analystenkonsens in der Publikation «Earnings Insight» Woche für Woche zusammen. Dabei zeigt sich, dass die Experten für das abgelaufene Quartal zum ersten Mal seit dem dritten Quartal 2012 fallende Gewinne erwarten. Konkret rechnen sie für die Mitglieder des S&P 500 mit einem durchschnittlichen Ergebnisrückgang von 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Per 31. März ging der Konsens noch davon aus, dass die Gewinne im zweiten Quartal lediglich um 2,1 Prozent schrumpfen werden.

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Die stärkste Abwärtsrevision verbuchte der Industriesektor. Vor drei Monaten trauten die Experten der Branche für den Zeitraum April bis Juni noch ein Wachstum von 4,2 Prozent zu. Jetzt rechnen sie mit einem Ergebnisrückgang von 3,8 Prozent. Massgeblichen Anteil an dieser Veränderung hat General Electric (GE) (ISIN US3696041033). Die durchschnittliche Schätzung für den Quartalsgewinn wurde laut Factset um mehr als einen Zehntel auf 34 US-Cent je Aktie gekappt. Ungeachtet dessen legte der Blue Chip in den vergangenen drei Monaten um gut 7 Prozent zu und hängt damit den stagnierenden US-Gesamtmarkt deutlich ab.

GE – Dividende und Aktienrückkäufe treiben den Kurs

Ein Grund für die Outperformance von GE ist die Fokussierung des Mischkonzerns auf seine industriellen Wurzeln. Per 30. Juni hatte die GE-Finanzsparte bereits Verkäufe in einem Umfang von 68 Milliarden US-Dollar angekündigt. Bis Ende Jahr soll das Transaktionsvolumen rund 100 Milliarden Dollar erreichen. «Das Unternehmen plant, einen Teil der Einnahmen aus den Anteilsverkäufen an die Aktionäre weiterzugeben», schreibt Oscar Schenker, Analyst bei J. Safra Sarasin, in einem aktuellen Kommentar.

Neben Aktienrückkäufen könnte dies in Form einer höheren Dividende geschehen. Möglicherweise wird sich Konzernchef Jeff Immelt am 17. Juli bei der Vorlage der Quartalsbilanz zu diesem Thema äussern. Der Sarasin-Experte hält im Vorfeld des Zahlentermins jedenfalls an der Kaufempfehlung für das Dow-Jones-Mitglied fest.

Apple – hohes Wachstum setzt sich fort

Für ein Highlight der US-Berichtssaison könnte einmal mehr auch Apple (ISIN US0378331005) sorgen. Der Computerkonzern informiert am 21. Juli nach Börsenschluss in New York über den jüngsten Geschäftsverlauf. Spannung verspricht dabei allein die Tatsache, dass die Kalifornier erstmals Zahlen für die Ende April eingeführte Apple Watch zeigen werden. CEO Tim Cook stellt für das dritte Quartal der Periode 2014/15 (30. September) einen Gesamtumsatz von 46 bis 48 Milliarden Dollar in Aussicht.

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Hat das Unternehmen das obere Ende dieser Spanne erreicht, würde Apple ein Wachstum von knapp 30 Prozent melden und damit in etwa das Tempo des Vorquartals halten. Mutige Anleger spekulieren darauf, dass Cook die Latte bewusst tief gelegt hat. In diesem Fall könnte der anstehende Zwischenbericht der Apple-Aktie aus ihrem aktuellen Seitwärtstrend helfen.

Facebook muss liefern

Derweil zeigt sich ein anderer prominenter Nasdaq-Titel ziemlich unbeeindruckt von sämtlichen Wirren an den Kapitalmärkten. Mit 89,40 US-Dollar kletterte die Facebook-Aktie (ISIN US30303M1027) Ende Juni auf ein neues Allzeithoch. Immer mehr Analysten trauen dem Social-Media-Krösus dreistellige Notierungen zu. Beispielweise hat Bank of Amerika Merrill Lynch das Kursziel gerade von 95 auf 105 US-Dollar angehoben.

Wenn Facebook am 29. Juli die Resultate für das zweite Quartal vorlegt, dürfte sich der Trend von Anfang Jahr fortsetzen: Während der starke US-Dollar am Umsatzwachstum zerrt, lasten die hohen Investitionen für neue Dienstleistungen auf dem Gewinn. Insofern ist für den Fortgang des Aktienkurses die Entwicklung der Nutzerzahlen von zentraler Bedeutung. Nur, wenn es dem Unternehmen gelingt, sein Netzwerk weiterhin kräftig auszubauen, sind die hohen Ergebnisschätzungen realistisch. Trotz des schleppenden Auftakts gehen Analysten laut Thomson Reuters im Schnitt davon aus, dass Facebook das Jahr mit einem Ergebnis je Aktie von zwei US-Dollar abschliessen wird – das wären 78 Prozent mehr als im 2014.

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Prognose: Wachstum beschleunigt 

Übrigens trauen die Researchhäuser den US-Konzernen insgesamt in den kommenden Monaten eine Wachstumsbeschleunigung zu. Bereits für das vierte Quartal könnten die Mitglieder des S&P 500 nach Angaben von Factset Rekordgewinne melden. Natürlich ist diese Prognose nicht in Stein gemeisselt. Das gilt insbesondere, falls das Griechenland-Drama und der China-Crash weiterhin die Schlagzeilen dominieren sollten.