Welche Veranlagung hat ein Mensch? Wer erkrankt an Krebs und wer nicht? Welche Gene geben Eltern an ihre Kinder weiter? Dank einer neuen Generation von DNA-Sequenzierungstechnologien (Next Generation Sequencing, NGS) können diese Fragen heute in modernen Forschungseinrichtungen beantwortet werden.

Die Entschlüsselung eines menschlichen Genoms dauert je nach Gerät etwa drei Tage. Dann herrscht Gewissheit. «Unsere Tests sind zu 99,7 Prozent sensitiv und zu 99,9 Prozent spezifisch», sagt Ryan Taft, Forschungsdirektor von Marktführer Illumina in San Diego, und meint damit die Fähigkeit der Tests, Risikopatienten zu erkennen, Gesunde als gesund zu identifizieren.

Illumina dominiert

Mit einem Anteil von über 75 Prozent dominiert Illumina den Sequenzierungsmarkt, was auch Biotech-Investoren nicht entgangen ist. Die Hightech-Laborcomputer des amerikanischen Biotech-Unternehmens stehen weltweit in allen wichtigen klinischen, pharmazeutischen und akademischen Forschungslaboren. Die Zahl der installierten Geräte beträgt über 7500.

Illumina ist es gelungen, die Tests nicht nur schneller und präziser zu machen, sondern auch die Kosten zu senken. 2001 kostete die Sequenzierung eines menschlichen Genoms noch über 100 Millionen Dollar und dauerte Wochen. Heute sind es weniger als 1000 Dollar. Erst dieser Umstand ermöglichte es Forschern wie Ryan Taft, das menschliche Genom heute so zu verstehen, wie es am Anfang der Jahrtausendwende noch undenkbar war.

Klatsche für Roche

Vor vier Jahren war sogar Roche an einer Übernahme von Illumina interessiert und bot nach mehreren Verhandlungsrunden zähneknirschend 6,8 Milliarden Dollar für die US-Gesellschaft. Doch die kleine Illumina bot dem Riesen die Stirn und erklärte, alleine besser zurechtzukommen als in den Händen von Roche. Heute ist Illumina an der Börse mit über 20 Milliarden Dollar bewertet und längst erwachsen. Eine Klatsche für die Basler, die sich ebenfalls im Sequenzierungsmarkt breitmachen wollen und nun auf Kooperationen und kleinere Akquisitionen angewiesen sind.

Die Forscher in San Diego arbeiten dagegen schon an der nächsten Vision: Die Illumina-Technologie, welche in der Forschungswelt längst erfolgreich angekommen ist, muss auch im klinischen Alltag anwendbar werden. Bald schon sollen Patienten zu ihrem Arzt gehen und dort nur noch Medikamente erhalten, die ganz genau auf sie persönlich und ihre genetische Veranlagung zugeschnitten sind. «Die Idee ist, dass Ärzte weltweit Zugang zu den DNA-Codes der Patienten erhalten und diese auf ihrem PC in der Praxis abrufen und abgleichen können», erklärt Ryan Taft. In der Onkologie oder im weitläufigen Feld der Infektionskrankheiten würde dies für enorme Fortschritte sorgen. Denn anhand der DNA-Daten könnte vorhergesagt werden, ob ein Medikament bei einem Patienten wirkt oder eben nicht.

350 Millionen unbestimmte Fälle

Taft und ein Team unter der Leitung des renommierten Genforschers David Bentley beschäftigen sich zurzeit mit der genetischen Bestimmung von seltenen Krankheiten, die vor allem in der Kindermedizin Ärzte und Angehörige vor viele Rätsel stellen. «Rund 350 Millionen Menschen weltweit leiden an Krankheiten, die wir bisher nicht erklären, geschweige denn heilen können», sagt Taft.

Mit den modernen Methoden des Next Generation Sequencing sollen die Daten des gesamten Genoms der Patienten gesammelt und weltweit verglichen werden; so das Projekt, das allerdings noch am Anfang steht. «Es wäre ein enormer Gewinn für die Medizin und die Betroffenen, wenn wir mehr über die Mutationen der Gene und damit auch die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten dieser seltenen Krankheiten wissen würden», erklärt Taft im Gespräch mit der Handelszeitung.

Ein 20-Milliarden-Markt in Sicht

Immer öfter wenden sich verzweifelte Eltern an Taft und Illumina. Nur schon ein kurzer Einblick in diese Arbeitswelt macht rasch deutlich, wie wichtig der Einbezug der Sequenzierung in den klinischen Alltag wäre. Auch für Anleger würde sich damit ein riesiger zusätzlicher Markt erschliessen. Illumina selbst schätzte anlässlich einer Investorentagung, dass sich der adressierbare Markt für NGS auf über 20 Milliarden Dollar verzehnfachen könnte. Vor allem wegen der Anwendungen in der Onkologie und der reproduktiven Medizin. «Das ist der Kick, auf den jetzt alle warten», meint auch Stefan Blum, Portfoliomanager bei Bellevue Asset Management.

Möglicherweise würde dann auch Platz für weitere Anbieter entstehen. Denn dass eine für die Menschheit so wichtige Technologie in den Händen eines einzelnen Unternehmens liegt, erfüllt viele mit Angst und Bewunderung. Medizinern und auch den grossen Pharmaherstellern gefällt die Dominanz von Illumina nur bedingt.

Konkurrenz ist zwar in Sicht, doch die Anbieter, die das gut beschützte Monopol aufbrechen könnten, lassen sich an einer Hand abzählen. Einer davon ist das deutsch-niederländische Biotech-Unternehmen Qiagen, das auf Probenvorbereitungen und Testtechnologien in der molekularen Diagnostik spezialisiert ist. Die Gesellschaft mit Sitz in Hilden, Deutschland, versucht den Eintritt in den klinischen Bereich mit einem neuen Gerät namens GeneReader, das seit gut einem Jahr auf dem Markt ist. Im Gegensatz zu Illumina will Qiagen damit eine einfache Komplettlösung bieten, die auch von Laboranten bedient werden kann.

Konkurrenten in Lauerstellung

In den USA versuchen Thermo Fisher und Quest Diagnostics in Zusammenarbeit mit IBM den Eintritt in den klinischen Sequenzierungsmarkt. Angeblich war Thermo Fisher, der mit einem Umsatz von 16 Milliarden Dollar als weltweit grösster Laborausrüster gilt, diesen Sommer an einer Übernahme von Illumina interessiert. Laut Gerüchten lag ein Angebot von 30 Milliarden auf dem Tisch.

Das Nagen der Mitstreiter am grossen Sequenzierungskuchen bekommt Illumina ansatzweise zu spüren. Die Umsatzzahlen zum dritten Quartal lagen deutlich unter den Erwartungen der Analysten. Der Aktienkurs brach nach einer vorzeitigen Gewinnwarnung Anfang Oktober mehr als 20 Prozent ein. Gemäss den Analysten von Goldman Sachs stagniert der Verkauf an die akademischen Kunden, und die Onkologieanwendungen brauchen noch Zeit bis zur Marktreife. 

Illumina verteidigt Patente

Doch bis 2020 sollte Illumina die Marktführerschaft im boomenden Sequenzierungsmarkt deutlich halten können. Dies auch, weil die Gesellschaft aus San Diego ihre Patente sehr gut verteidigt. Allein gegen Qiagen sind gegenwärtig sieben Patentklagen hängig.

Aus Anlegerperspektive sind die Aktien von Illumina nach grösseren Rückschlägen wie im Oktober ein Kauf. Zwar sind die Titel mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis 36 für die nächsten 12 Monate hoch bewertet. Doch angesichts der aussichtsreichen Positionierung des Unternehmens ist die Bewertung gerechtfertigt. Ebenso einen Blick wert sind jene von Qiagen. Dank neuen Geräten und ihrer Strategie könnte Qiagen der Eintritt in einen Wachstumsmarkt gelingen, was den Aktien auf die Sprünge helfen könnte. Aufgemischt werden dürfte der Markt, wenn Roche ihre Diagnostiksparte abspaltet, worüber immer wieder spekuliert wird.

Anzeige