«The NEXT 100 Years» so lautete das Motto der 100-jährigen Jubiläumsfeier von BMW in dieser Woche. 35’000 Mitarbeiter in der Allianz-Arena, 2000 «Promi»-Gäste in der Olympiahalle und synchron dazu die ganze Welt via Internet nahmen an der spektakulären Party des deutschen Automobilkonzerns teil.

Doch wird es BMW in weiteren 100 Jahren noch geben? Die Chancen stehen gut, denn auch schon zurückblickend meisterte der Konzern keinen leichten Parcours. Gestartet 1916 als Flugzeugmotorenhersteller musste sich BMW kurz darauf im Ersten Weltkrieg beweisen. Danach brauchte es mehrere «Neustarts» und den Grossaktionär Quandt, um letztendlich bis heute zum grössten Premiumhersteller der Welt aufzusteigen. Nun könnte wieder eine Zeitenwende anstehen: Die Digitalisierung nimmt immer mehr Einzug in das Automobil, und infolgedessen möchten sich auch die grossen Tech-Konzerne einen Teil vom lukrativen Auto-«Kuchen» abschneiden. Es wurde bereits spekuliert, Apple könne Interesse an BMW und an deren Aktivitäten im Elektroauto-Bereich haben. Allerdings führt kein Weg an der Familie Quandt vorbei, und diese wird es sich wohl genau überlegen, wen sie in ihr Unternehmen lässt. Zudem hat der Grossaktionär noch nie Verkaufsabsichten gezeigt.

BMW – der Thron wackelt

Um das tatsächliche Potenzial von BMW (ISIN DE0005190003) beurteilen zu können, ist es entscheidend, den operativen Geschäftsverlauf unter die Lupe zu nehmen. Trotz der Schwäche in China läuft es derzeit rund bei den Bayern. Laut BMW-Chef Harald Krüger sind es vor allem Märkte wie England, Spanien, Italien und Frankreich, welche auf das Tempo drücken. Und so kündigte der BMW-Chef für dieses Jahr ein Plus «im oberen einstelligen Bereich» in Europa an. Zudem hat BMW im laufenden Geschäftsjahr neue Rekorde bei Umsatz und Vorsteuerergebnis im Visier.

Den Titel des «weltweit grössten Premiumherstellers», den die Münchner seit 2005 innehaben, können sie aber nur dann verteidigen, wenn sie Gas geben. Erzrivale Daimler ist aufgrund seiner Modelloffensive nämlich zu Jahresbeginn schon an den Bayern vorbeigezogen. Audi, auf Rang drei, ist ebenfalls nur knapp hinter dem Traditionskonzern aus München. «Die drei deutschen Premiumhersteller wollen spätestens 2020 jeweils grösster Premiumhersteller der Welt sein», sagt Analyst Frank Schwope von der Nord LB und fügt hinzu: «Wir gehen davon aus, dass das Rennen um die Führungsposition zunehmend offen sein und dauerhaft ein Dreikampf bleiben wird.»

Daimler schaltet einen Gang höher

An der Börse zeigt die Daimler-Aktie (ISIN DE0007100000) den weiss-blauen Valoren bereits die Rücklichter. Auf Sicht von drei Jahren steht bei den Stuttgartern ein Plus von 46 Prozent zu Buche, BMW schaffte in diesem Zeitraum nur einen Zuwachs von 13 Prozent. Auch bei den weiteren Aussichten liegt die Marke mit dem Stern vorne. Der Analystenkonsens bewertet Daimler mit «outperform», BMW hingegen lediglich mit «neutral».

Vor allem die aktuelle Stärke in China und die laufende Modelloffensive bringt Daimler in die Pole-Position. Allerdings darf BMW nicht abgeschrieben werden. Aus Bewertungssicht macht die Aktie mit einem 2016er-KGV von acht sowie einer attraktiven Dividendenrendite von 4,1 Prozent eine durchaus gute Figur. Zudem stellt CEO Krüger Mitte März seine neue Strategie vor, wobei nicht ausgeschlossen werden sollte, dass es im Jubiläumsjahr zu positiven Überraschungen kommen wird.

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VW sucht Weg aus der Misere, …

Der VW-Konzern (ISIN DE0007664039), der mit seiner Premiumtochter Audi im Bereich der Spitze mitfährt, wäre gut beraten, ebenfalls ein neues Konzept zu präsentieren. Noch lassen die Nachrichten rund um die Abgasmanipulationen in Wolfsburg keine Entwarnung zu. Zum einen hat die Staatsanwaltschaft gerade ihre Ermittlungen gegen VW-Mitarbeiter ausgeweitet, zum anderen wurde bekannt, dass VW bewusst Informationen zum Diesel-Gate zurückgehalten hat. «Die negativen Nachrichten haben in den vergangenen Tagen zugenommen. Mögliche weitere finanzielle Belastungen könnten zu einer stärkeren Dividendenkürzung, als vom Markt angenommen, führen», bemerkt DZ-Bank-Analyst Michael Punzet. Auch lässt sich bis dato nicht sagen, wie hoch die Welle an Schadenersatzklagen werden wird. Experten gehen insgesamt von Kosten von 20 bis 30 Milliarden Euro aus.

Entscheidend dafür, wie es mit dem Konzern weitergehen wird, wird aber die Absatzentwicklung sein. Der Start in das neue Jahr ist trotz des Diesel-Skandals mit einem Absatzplus von 3,7 Prozent im Januar überraschend gut gelaufen. Verkaufseinbussen in den USA und in anderen Ländern wurden durch ein deutliches Plus in China wettgemacht. Verkäufe der Marke Volkswagen PKW brachen aber ausserhalb des Reichs der Mitte um 11,1 Prozent ein. Da es unerwartet gut gelaufen ist, geht Experte Schwope davon aus, dass der «Konzern mit Rabattaktionen nachgeholfen hat». Wird das zum Dauerzustand, würde aber die Gewinnmarge zusammenschmelzen.

… dabei ziehen die Unregelmässigkeiten immer breitere Kreise

Der Verdacht auf Abgas-Schummelei ist mittlerweile auch bei vielen anderen Herstellern angekommen. So wurden Anfang des Jahres drei Werke des französischen Autobauers Renault durchsucht. Auch Daimler ist bereits ins Fadenkreuz geraten. Ein Mercedes-Besitzer in den USA wirft den Stuttgartern vor, dass der Ausstoss von giftigem Stickoxid bei Temperaturen unter zehn Grad die Grenzwerte um bis das 65-Fache überschreite. Eine Sammelklage wurde eingereicht. Auch das ZDF-Magazin «Frontal 21» stellte bei einem stichprobenartigen Test von Mercedes-Benz, BMW und Renault einen erhöhten Ausstoss an Stickoxiden fest. Laut Professor Kai Borgeest vom Zentrum für Kfz-Elektronik und Verbrennungsmotoren der Hochschule Aschaffenburg könnte es sein, dass sich der Skandal durch die gesamte Automobilindustrie ziehen wird. Anleger, die auf Auto-Aktien setzen möchten, sollten also die aktuellen Entwicklungen genau verfolgen.

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