Das endgültige historische Urteil über die Bedeutung des 14. Juli 2015 steht noch aus. Doch theoretisch hat der Tag das Potenzial für eine hervorgehobene Stellung in den Geschichtsbüchern. Denn da sind die fünf UN-Vetomächte und Deutschland nach einem 13-jährigen Verhandlungsmarathon mit dem Iran endlich zu einer Einigung im Streit über das iranische Atomprogramm gekommen. Ziel der P5+1-Gruppe war, den Bau einer iranischen Atombombe zu verhindern, während der Iran auf ein Ende der Sanktionen des Westens hofft.

Letztere haben dem Land in den vergangenen Jahren arg zugesetzt, wobei die geringeren Ölexporte und der schlechte Zugang zum internationalen Finanzsystem wohl am stärksten belasteten. Zumindest werden die Sanktionen als wichtigster Grund für die zuletzt schwache volkswirtschaftliche Entwicklung im Iran verantwortlich gemacht. So gab es 2012 und 2013 eine schrumpfende Wirtschaft im Land. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Fallen die Sanktionen weg, könnte das Wirtschaftswachstum wieder Gas geben. So geht beispielsweise der internationale Bankenverband IIF für die Jahre 2016/17 für den Iran von einem Wachstum beim Bruttoinlandprodukt von bis zu 6 Prozent aus.

Wirtschaftliches Potenzial und Nachholbedarf, …

Die Prognose klingt vielversprechend, allerdings ist längst noch nicht alles in trockenen Tüchern. Widerstände gegen die Einigung gibt es nicht nur unter konservativen Kräften im Iran, sondern auch in Teilen des US-Kongresses sowie in Israel. Die meisten Auguren gehen derzeit aber davon aus, dass ein effektives Inkrafttreten des Abkommens nicht mehr geblockt wird. Kommt es zu einer Einigung, hätte der Iran einiges an volkswirtschaftlichem Potenzial.

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Wie viel Nachholbedarf es gibt, zeigt sich an einem Vergleich mit Deutschland und mit der Türkei. Obwohl das Land mit 77,7 Millionen Einwohnern (53 Prozent davon sind unter 30 Jahre alt) eine genauso grosse Bevölkerung hat wie die Türkei, war das Bruttoinlandprodukt 2014 mit 404,1 Milliarden Dollar nur halb so hoch wie jenes in der Türkei von 806,1 Milliarden Dollar. Unterstellt man, dass die traditionell im Schnitt gut ausgebildeten Iraner nicht weniger geschäftstüchtig, fleissig und intelligent sind, dann dürfte sich diese Lücke mittel- bis langfristig deutlich verringern, sofern die Entwicklung nicht mehr durch Sanktionen belastet ist.

… aber nur schrittweise ist Besserung zu erwarten

Deren Aufhebung erfolgt aber frühestens und auch nur schrittweise ab dem 14. Januar 2016, sofern der Iran zuvor bis zum 15. Dezember 2015 die Vereinbarungen erfüllt hat. Experten gehen davon aus, dass noch ein bis zwei Jahre vergehen werden, bis Embargo-Vorschriften in einem grösseren Umfang gestrichen werden. Zudem stellen eine hohe Inflation und ein massiver Währungsverfall schwere Bürden dar. Immerhin könnten sich aber die Ölexporte infolge Sanktionslockerung relativ schnell verdoppeln. Das würde wiederum mehr Mittel für Importe und Investitionen generieren.

Der vorhandene Rohstoffreichtum ist das wichtigste Asset, mit dem das Land punkten kann. So verfügt der Iran über die weltweit zweitgrössten Erdgasreserven und die drittgrössten Erdölvorkommen. Dabei trägt Öl im Iran derzeit laut Charlemagne Capital nur 18 Prozent zum Bruttoinlandprodukt bei. Neben Rohstoffen verfügt der Iran über eine relativ breitgefächerte Industriebasis, zu der neben der Öl- und Gasindustrie die petrochemische Industrie, die Landwirtschaft sowie die Metall- und die Automobilindustrie zählen.

Produkte aus der Schweiz sind gefragt

Häufig muss diese Industrie aber wie im Fall der Öl- und Gasindustrie, im Maschinenbau und im Kfz-Sektor oder im Transport- und Gesundheits­wesen erst wieder auf den international üblichen Standard gebracht werden. Das erfordert Investitionen in die Infrastruktur und trotz grosser Konkurrenz, unter anderem aus China und den USA, scheinen auch Unternehmen aus der Schweiz (derzeit ist die Schweiz für den Iran der 17.-wichtigste Importpartner und das 32.-wichtigste Exportland) dafür prädestiniert zu sein, sich ein grosses Stück vom Kuchen abschneiden zu können.

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Produkte aus der Schweiz – das Land belegt Rang 17 unter den wichtigsten Importpartnern des Iran – geniessen jedenfalls ein hohes Ansehen. «Nicht nur bei den Konsumenten im Iran, sondern auch bei den Unternehmen herrscht eine hohe Nachfrage nach ausländischen Produkten», weiss BayernLB-Volkswirtin Verena Strobel. 

Firmen mit starkem Irangeschäft

Aufholpotenzial gibt es mehr als genug, nachdem die Exporte aus der Schweiz in den Iran seit 2008 von 847 Millionen Franken auf 367 Millionen Franken im Vorjahr geschrumpft sind. Bestehende Banden in den Iran haben unter anderem der Nahrungsmittelhersteller Nestlé, das Pharmaunternehmen Roche, der Uhrenhersteller Swatch und das Industrieunternehmen Burckhardt Compression. Interesse an verstärkten Aktivitäten vor Ort zeigen auch der Industriekonzern Sulzer sowie der Automobilzulieferer Autoneum.

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Auf deutscher Seite zeigen beispielsweise der Chemiekonzern BASF und der Gasproduzent Linde schon lange Flagge im Iran. Als Profiteure aus Europa werden Gesellschaften wie Renault, Danone, Airbus, LVMH oder British Tobacco sowie natürlich grosse Ölkonzern wie Royal Dutch Shell, Total und BP gehandelt. Erwähnenswert ist auch der südafrikanische Mobiltelefonanbieter MTN Group, der  49 Prozent an MTN Irancell, dem zweitgrössten Telekomunternehmen im Iran, hält. Allerdings wird bei den meisten der genannten Unternehmen das Iran-Geschäft bis auf Weiteres einen eher kleinen Teil am Gesamtumsatz einnehmen, was mögliche positive Kursreaktionen begrenzen dürfte.

Börse Teheran – tiefe Bewertung, hohe Dividende, …

Stärker begünstigt von einer Lockerung der Sanktionen würden natürlich iranische Firmen. Deshalb arbeiten Fondsgesellschaften wie Charlemagne Capital oder First Frontier Capital zusammen mit lokalen Partnern an der zeitnahen Auflage von Iran-Fonds. Konkret will dabei beispielsweise Charlemagne Capital zusammen mit der Fondsboutique Turquoise Capital rund 70 Millionen Dollar einsammeln. Angelockt werden die Macher nicht zuletzt auch von den Bewertungsrelationen. An der wichtigsten Börse des Landes in Teheran kommen die gelisteten Aktien auf ein KGV von nur 5,5.

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Die Bewertungen sind zwar nicht zuletzt wegen der schwierigen Zugänglichkeit des Marktes traditionell tief, das aktuelle Niveau liegt aber noch einmal 0,5 Punkte unter dem 20-Jahresdurchschnitt. Verlockend hoch sind die Dividendenrenditen, die nicht selten prozentual zweistellige Werte erreichen.

… aber noch keine Aufbruchstimmung am Aktienmarkt Iran

Von einer Aufbruchstimmung war zuletzt  am lokalen Aktienmarkt trotz der Aussicht auf ein Ende der Sanktionen aber noch nichts zu spüren. Nach zuvor sechs Plusjahren fiel der Teheraner Leitindex Tepix im Vorjahr vielmehr sogar um 21 Prozent, und auch in diesem Jahr ist der Index bisher nicht vorangekommen. An der Börse in der Landeshauptstadt ist bei sinkenden Handelsumsätzen im Mai die Marktkapitalisierung sogar erstmals seit mehr als zwei Jahren wieder unter die Marke von 100 Milliarden Dollar gerutscht. Fallen aber die Sanktionen, sollte allein der erwartende Zustrom von Kapital aus dem Ausland steigende Kurse bringen. Auch hier besteht hohes Potenzial, denn die Beteiligungsquote ausländischer Investoren im Iran liegt lediglich bei rund einem Prozent.

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Das grösste Risiko für ein Investment im Land dürfte aber nach wie vor die Sanktionsfront sein. Denn sollte der Iran gegen die Auflagen des Abkommens verstossen, könnten die Sanktionen jederzeit ohne neuen Beschluss des UN-Sicherheitsrates wieder in Kraft gesetzt werden. «Die Unklarheit darüber und die damit verbundene eingeschränkte Visibilität, latente Haftungsrisiken sowie Komplexität dürften die Investitionsbereitschaft ausländischer Investoren noch bremsen», schreibt die Landesbank Baden-Württemberg. Diesen Warnhinweis sollten auch Privatanleger beherzigen und zunächst nur «Spielgeld» einsetzen, dessen (Teil-)Verlust verkraftbar wäre.