Die Geduld der Börsianer in Taiwan wird seit 15 Jahren auf die Probe gestellt. Der bisherige Rekord des Taiwan Stock Exchange Weighted Index TWSE stammt nämlich vom 17. Februar 2000. Damals wurde ein Schlussstand von 10'202,20 Punkten erreicht. Von dort ging es in nur 19 Monaten auf bis 3493,78 Punkte nach unten.

Danach zeigte sich der taiwanesische Leitindex oft volatil, wobei sich zuletzt, wie allgemein an den Weltbörsen in den vergangenen Jahren, eine Haussebewegung durchgesetzt hat. Am 17. April reichte es im TWSE mit 9973,12 Punkten sogar zu einem neuen 15-Jahreshoch.

Taiwan-Bonds – internationale Investoren steigen ein

Doch aufgegeben, haben die Bullen ihre Hoffnung auf einen Ausbruch nach oben noch nicht. Hoffnung bringen vor allem zwei Dinge. Zum einen wird es von Marktteilnehmern für möglich gehalten, dass internationale Investoren jetzt verstärkt von Obligationen in Aktien umschichten. Zum anderen wird auf eine engere Handelsverzahnung mit den chinesischen Finanzmärkten spekuliert und infolgedessen auf eine grössere Nachfrage nach heimischen Aktien und steigenden Kursen.

Beim ersten Punkt ist der jüngst gefasste Beschluss zu beachten, dass die Investitionen, die von Ausländern am taiwanesischen Anleihenmarkt getätigt werden können, auf maximal 30 Prozent der in Taiwan gehaltenen Vermögenswerte beschränkt sind. Doch immerhin erwarben Ausländer im ersten Quartal taiwanesische Bonds im Volumen von 70 Milliarden Dollar. Nicht gerne gesehen, werden Kaufaktivitäten in diesem Umfang, weil sie den Taiwan-Dollar nach oben treiben. Mit den neuen, strengeren Vorschriften geht nun die Annahme einher, ausländisches Kapital könnte an den lokalen Aktienmarkt umgeleitet werden.

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Verlinkung der Börsen Taiwan und Shanghai bietet Kursphantasie

Phasenweise aus der Reserve gelockt, wurden die Bullen ausserdem von der Aussicht auf eine Handelsverlinkung der Börse in Taiwan mit jener in Shanghai. Aufgekommen war diese Hoffnung, nachdem der chinesische Vice-Chairman der chinesischen Wertpapieraufsichtsbehörde laut der taiwanesischen Tageszeitung «Economic Daily News» von entsprechenden Überlegungen auf chinesischer Seite gesprochen hat. Die Zuflüsse an den Aktienmarkt in Taiwan erreichten daraufhin ein Siebenjahreshoch.

Die mit dieser Handelsmöglichkeit verbundenen Hoffnungen sind  auch deshalb gross, weil es, ob Zufall oder nicht, nach der engeren Verzahnung der Börsen von Shanghai und Hongkong zu einem Kursfeuerwerk gekommen ist. Man darf gespannt sein, was die anstehenden China-Besuche hochrangiger Politiker aus Taiwan in dieser Hinsicht bringen werden. Die Analysten von Nomura rechnen eher damit, dass dieses Thema im Vorfeld der im Januar 2016 bevorstehenden Präsidentschaftswahlen eher vorsichtig angegangen werden wird.

Hohes Wirtschaftswachstum und Risiken

Stimmt diese Annahme, dann hängt die weitere Kursfindung zunächst von den üblichen Einflussfaktoren wie Konjunktur und Marktbewertung ab. Was die Wirtschaft angeht, kann Taiwan für das erste Quartal ein Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent auf der Habenseite verbuchen. Capital-Economist-Volkswirt Daniel Martin kann sich im weiteren Jahresverlauf dank der niedrigen Energiepreise sogar eine zunehmende Dynamik vorstellen. Seine Prognose für das Wirtschaftswachstum beträgt 4,3 Prozent für 2015, und er liegt damit deutlich über der Konsensprognose von 3,6 Prozent. Für 2016 rechnen beispielsweise die Ökonomen der ANZ-Bank mit einem Wachstum von 3,8 Prozent.

Als grössten Risikofaktor für seine optimistische Vorhersage sieht er den Immobilienmarkt, denn die Immobilienpreise haben nach einem Boom angefangen zu fallen, und bei einem Anhalten dieses Trends könnte sich das allgemein negativ auf die Wirtschaft auswirken. Nebst auf den Immobilienmarkt weisen die Volkswirte der ANZ-Bank auf weitere Gefahren für die Volkswirtschaft hin. Sie zählen dazu unter anderem eine möglicherweise wieder stärkere Auftragsvergabe von Apple an die südkoreanische Samsung Electronics zu Lasten des heimischen Halbleiterherstellers Taiwan Semiconductor. Das könnte sich negativ auf die ganze Wirtschaft auswirken. Hinzu kommt möglicherweise ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit, falls der Taiwan-Dollar weiter Stärke gegenüber dem japanischen Yen und dem südkoreanischen Won zeigen sollte. Als potenzielle Gefahr für die Industrieproduktion wird zudem die Wasserknappheit genannt.

KGV-Bewertung im grünen Bereich und weiteres Kurspotenzial

In Sachen Bewertung liegt das KGV für den MSCI Taiwan Index momentan noch etwas unter dem langfristigen Durchschnitt von 14,1. Auch das Verhältnis vom KGV zum erwarteten Gewinnwachstum der nächsten 24 Monate bewegt sich mit 1,2 in einem akzeptablen Bereich. Die UBS hält beim Taiwan Stock Exchange Weighted Index einen Anstieg bis auf 10'600 Punkte für möglich. Schroder Investment Management kann sich bis November sogar einen Stand von 12'000 Punkten vorstellen.

Wer ähnlich optimistisch ist, kann diese Anlageidee angesichts eines an europäischen Börsen begrenzten Angebots an taiwanesischen Einzelaktien am einfachsten mit einem Index-Zertifikat spielen. Ein entsprechendes Produkt hat die BNP Paribas mit dem noch von der Royal Bank of Scotland emittierten MSCI-Taiwan-Open-End-Index-Zertifikat (ISIN: NL0000331429) im Bestand. Das wird dann gleichsam zur Wette auf einen neuen Schub des Index, falls endlich die hartnäckige Widerstandszone im Bereich der alten Hochs und die psychologische Marke von 10'000 Punkten fällt.