Kanada? Gründungsmitglied der internationalen Wirtschaftsclubs G7 und G20, zweitgrösstes Land der Erde, riesige Wälder und Seen, Yukon und der Goldrausch Ende des 19. Jahrhunderts, Grizzlybären und gigantischer Rohstoffreichtum – das sind wohl die Dinge, an die man sofort denkt, wenn vom Land im hohen Norden Amerikas die Rede ist.

An die Börse und an Aktien denken – angesichts des Rohstoffpreisverfalls der letzten 18 Monate – derzeit eher  nur wenige. Immerhin kam die Börse in Toronto mit dem Leitindex des Landes – dem TSX – infolge der Preiserosion bei Gold, Öl und Industriemetallen deutlich unter die Räder. Das Kursminus gegenüber dem Aprilhoch liegt bei rund 13 Prozent, und vom Allzeithoch im August vor einem Jahr trennen den Index sogar 15 Prozent. Kein Wunder, dass angesichts des Rohstoffwertverfalls unter den zehn schwächsten Titeln der letzten zwölf Monate mit Kursverlusten zwischen 65 und 85 Prozent neun Unternehmen aus den Sektoren Energie und Rohstoffe zu finden sind.

Die Hoffnung liegt auf dem neuen Premierminister …

Immerhin: Obwohl Rohstoffe im Keller sind, hält sich die Wirtschaft Kanadas standhaft im grünen Bereich. Die Arbeitslosenquote ist mit rund 7 Prozent nicht sonderlich hoch. Zwar wird erwartet, dass die Wirtschaft nach einem Wachstumsplus von 2,5 Prozent in diesem Jahr nur um etwa 1,9 Prozent zulegen wird, doch schon im nächsten Jahr ist wieder mit höheren Raten zu rechnen. Auch in Kanada wirkt sich, ähnlich wie in Europa, der niedrige Öl- und Gaspreis wie eine Konjunkturspritze aus, und zudem beflügelt die starke US-Konjunktur viele Unternehmen und Regionen des nördlichen Nachbarn. Kanadische Güter für US-Kunden sind derzeit wegen des Verfalls beim kanadischen Dollar gegenüber dem US-Dollar – um mehr als 15 Prozent in den letzten zwölf Monaten – besonders attraktiv.  

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Die grossen Hoffnungen liegen aber vor allem auf dem am 4. November neu gewählten Premierminister Justin Pierre James Trudeau – auf dem ältesten Sohn des ehemaligen Premierministers Pierre Trudeau, der das Land zwischen 1968 und 1984 regiert hatte.

… und Steuersenkungen sowie hohe Investitionen  

Der neue Regierungschef will sein Land wieder rasch auf Wachstum trimmen. Der Politiker plant Steuersenkungen für die Mittelschicht und hohe Investitionen in die Infrastruktur.

So sollen in den nächsten zehn Jahren etwa 65 Milliarden Dollar unter anderem in den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, insbesondere im Grossraum Toronto, in den sozialen Wohnungsbau, in Kinderbetreuungsstätten sowie in das Wassernetz und in den Bereich Stromerzeugung, vor allem mit Fokus auf erneuerbare Energien, fliessen.

Die Profiteure: Baukonzern Aecon …

Zu den Profiteuren dieser Investitionen wird wahrscheinlich ein Baukonzern, möglicherweise Aecon Group (ISIN: CA00762V1094), zählen. Die Aktie dieses Konzerns aus Toronto ist seit Monaten im Aufwind und bringt seit Juli ein Kursplus von rund 50 Prozent. Die Zahlen zum dritten Quartal waren auch vielversprechend.

So ist nicht nur der Umsatz in den drei Monaten des dritten Quartals um 4 Prozent auf 874,9 Millionen kanadische Dollar gestiegen, sondern auch der Auftragsbestand ist mehr als zufriedenstellend ausgefallen. Die vorhandenen Orders liegen mit 3,4 Milliarden kanadischen Dollar auf einem Rekordniveau und meilenweit über dem Level des Vorjahresstichtags vom 30. September 2014 mit 2,7 Millionen kanadischen Dollar.

… und Infrastrukturexperte SNC Lavlin

Oder SNC  Lavlin Group (ISIN: CA78460T1057). Der Grosskonzern ist vor allem auf Infrastrukturprojekte konzentriert, und möglicherweise wird er sich vom geplanten Investitionsprogramm der Kanadier einen besonders grossen Kuchen abschneiden können. Die Aktie ist bisher nur in einer Trading Range gelaufen und bewegt sich dabei seit zwölf Monaten zwischen rund 37 und 45 Dollar mehr oder weniger seitwärts. Immerhin konnte der Titel vor einer Woche die wichtigen gleitenden Durchschnittslinien von 100 und 200 Tagen nach oben durchbrechen.

Dollarama – cleveres Geschäftsmodell

Eine unglaubliche Aktiengeschichte und eine unternehmerische Erfolgsstory ist Dollarama (ISIN: CA25675T1075). Der Einzelhändler hat sich auf ein Sortiment an Alltagsprodukten und -waren mit einem Preisniveau überwiegend im niedrigen Dollar-Bereich spezialisiert. Das Unternehmen aus Montreal wurde zwar erst 1992 gegründet, hat inzwischen aber bereits rund 900 Filialen im Land.

Das starke Wachstum zeigt sich im Aktienkurs – er hat sich in den letzten fünf Jahren versechsfacht. Nach dem leichten Kursrücksetzer seit dem Allzeithoch vom Oktober bei 93,34 Dollar hat der Titel jetzt die untere Begrenzungslinie des Aufwärtstrends erreicht. Möglicherweise wird die Notierung von dort schon in Kürze nach oben abprallen, und dann könnte es sein, dass die Börsenbullen die 100-Dollar-Marke ganz schnell ins Visier nehmen werden.

Wer den kanadischen Aktienmarkt spielen will, kann sich ein Partizipationszertifikat auf den TSX 60 mit den grössten 60 Titeln der Börse Toronto (ISIN: NL0000424174, Laufzeit endlos) ins Depot legen. Sollte es neben dem erwarteten Wirtschaftsaufschwung infolge Steuersenkungen und Infrastrukturprojekten auch zu einer globalen Erholung der Rohstoffpreise kommen, dann würde der Index zusätzlich von der Wiedergeburt der Rohstoffwerte und wohl auch von steigenden Notierungen beim kanadischen Dollar profitieren.