Für Brasilien ist es schon besser gelaufen. Erst ist die Fussball-Nationalmannschaft trotz des Heimvorteils im Vorjahr kläglich bei der Weltmeisterschaft gescheitert, und nun ist es im ersten Halbjahr auch noch zu einer Rezession in diesem Land gekommen. Auch für das Gesamtjahr rechnen die bankenunabhängigen Volkswirte von Capital Economics mit einem Schrumpfen des Bruttoinlandproduktes in Brasilien um 2,5 Prozent.

Kurzfristige Besserung ist nicht in Sicht, zumal auch noch ein Korruptionsskandal um den unter staatlichem Einfluss stehenden Ölkonzern Petrobras zu einer Lähmung der Politik beiträgt. Viele Wähler sind nicht zuletzt auch deshalb mit der Regierungsarbeit von Präsidentin Dilma Rousseff unzufrieden, die sich dadurch mit der Gefahr eines Amtsenthebungsverfahrens konfrontiert sieht. Als Folge dieser Probleme hat der lokale Aktienleitindex Bovespa erheblich an Wert verloren. Das Kursminus in einem Jahr beträgt 20 Prozent. Und die schon länger abwertende heimische Währung Real befindet sich in diesem Jahr fast schon im freien Fall. Der Kursverlust zu Euro und Dollar in den letzten zwölf Monaten liegt bei rund 30 und 40 Prozent.

Die Währung hat drastisch an Wert verloren

Über die Währungsabwertung und die damit verbundenen positiven Effekte auf den Export könnten sich zwar für die Konjunktur auch positive Impulse ergeben, doch gleichzeitig lauern weitere Gefahren. Etwa in Form einer möglicherweise steigenden Zahl an notleidenden Krediten oder einer weiteren Schwächung der Konjunktur in China, denn das Reich der Mitte ist Brasiliens wichtigster Handelspartner. Und während in früheren Jahren zwischen 2004 und 2012 die starke Nachfrage aus China für einen Boom in Brasilien sorgte, bringt nun die fallende Nachfrage der Chinesen konjunkturelle Probleme mit sich.  

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Die Lage ist schwierig, und das zeigt sich auch in der unlängst getroffenen Entscheidung der Ratingagentur Standard & Poor's, die Kreditwürdigkeit des Landes von BBB- auf BB+ zu senken. Das ist nicht einmal mehr Investmentgrad. Weil Brasilien die grösste Volkswirtschaft in Lateinamerika ist, ziehen Probleme dort natürlich auch negative Wirkungen auf den Rest der Welt und auf jene ausländische Unternehmen nach sich, die mit Brasilien Geschäfte machen.

Brasilienschwäche – Spanien leidet stark...

Einer der Hauptleidtragenden ist neben der ehemaligen Kolonialmacht Portugal auch Spanien. Das Land unterhält traditionell enge Wirtschaftsbeziehungen zu Brasilien, und spanische Unternehmen haben in den vergangenen Jahren viel Kapital vor Ort investiert.

Derzeit stehen zwar die gerade abgehaltenen Regionalwahlen in Katalonien und die im Dezember anstehenden Parlamentswahlen im Fokus der Berichterstattung, doch die beiden Credit-Suisse-Analysten Javier José Lodeiro und Dominik Garcia halten die Wachstumsaussichten in Brasilien und ganz Lateinamerika aus Sicht der Finanzmärkte für ein grösseres Risiko für Spanien als die beiden Urnengänge. Erklären lässt sich diese Einschätzung damit, dass beim Telekomkonzern Telefónica der Brasilien-Umsatzanteil 22 Prozent beträgt und dass er bei den beiden Finanzkonzernen Mapfre und Banco Santander bei 24 Prozent und 28 Prozent liegt. Ähnlich hoch ist die Bedeutung von Brasilien bei einem Umsatzanteil von 27 Prozent übrigens auch für den belgischen Brauereikonzern Anheuser-Busch InBev.

… und auch Schweizer Firmen sind betroffen  

Ebenfalls in der Credit-Suisse-Liste mit Unternehmen, die nennenswerte Aktivitäten in Brasilien aufweisen, sind auch fünf Gesellschaften aus der Schweiz. Konkret handelt es sich dabei um das Pflanzenschutzunternehmen Syngenta (Umsatzanteil Spanien: 20 Prozent), um den Spezialchemiekonzern Clariant (7 Prozent), um den Zementkonzern LafargeHolcim (5 Prozent), um den Medizintechnik-Spezialisten Straumann (9 Prozent) und um den Versicherungskonzern Zurich Insurance Group (7 Prozent).  

In einer vergleichbaren Liste der Société Générale sind ausserdem aus der Schweiz der Nahrungsmittelkonzern Nestlé sowie der Duft- und Aromenhersteller Givaudan mit Umsatzanteilen von 6 und 10 Prozent enthalten.  

Vorsichtige Anleger warten die charttechnische Stabilisierung ab

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Verschlechtert sich die Situation in Brasilien nicht noch weiter, dürften die mit den Problemen skizzierten operativen Herausforderungen speziell für die Schweizer Firmen beherrschbar sein. Zumal die betroffenen Unternehmen teilweise in Bereichen tätig sind, die nicht so stark in Mitleidenschaft gezogen werden dürften. Auch an der Börse könnte bereits viel Negatives in den Kursen stecken. Wie die Credit Suisse basierend auf historischen Erfahrungen hervorhebt, ist es in der Vergangenheit in anderen Fällen bei einer Ratingabstufung unter Investmentgrad anschliessend im Durchschnitt jedenfalls zu einer Kursstabilisierung in den betroffenen Ländern gekommen.

Auch bei Capital Economics geht man davon aus, dass die grössten Kursverluste schon gelaufen sind. Charttechnisch gesehen, hat sich die Lage aber gerade weiter zugespitzt. Der Bovespa-Index ist in dieser Woche unter eine wichtige Unterstützung bei 44'000 Punkten gesackt und damit auf ein neues Mehrjahrestief gerutscht und hat damit ein prozyklisches charttechnisches Verkaufssignal geliefert. Hält der Abwärtstrend an, könnte das sogar als Hinweis auf eine sich weiter zuspitzende Krise interpretiert werden. Wer auf Nummer sicher gehen will, wartet deshalb als Anleger erst einmal ab, bis eine Kursstabilisierung gelingt.

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