Damit hatte kaum jemand gerechnet, und deshalb machte der Bund-Future Anfang der Woche auch einen grossen Sprung: Nach Veröffentlichung der jüngsten Umfragewerte zum Thema Brexit mit einem deutlichen Vorsprung der Exit-Freunde, zog es den Index als Kursbarometer für deutsche Staatsanleihen klar nach oben. Das Plus an einem Tag bei diesem Index lag bei fast 100 Basispunkten, was in einem Future doch ein vergleichsweise grosser Ausschlag ist.

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Und steigende Kurse beim Bund-Future heissen: Die Kurse der zugrunde liegenden deutschen Staatsobligationen klettern, klettern und klettern. Tatsächlich notiert der Future mit rund 165 Punkten nur minimal unter seinem Allzeithoch vom Februar von 166,58. Der Anstieg der Kurse der deutschen Bundes-Obligationen hat einen einfachen Grund: Aus Angst vor einem möglichen Ausstieg Grossbritanniens aus der Europäischen Gemeinschaft suchen Anleger den sicheren Hafen. Und in Europa zählen dazu insbesondere Obligationen der Bundesrepublik Deutschland.

Brexit – Angst vor Kreditausfällen in Europa steigt

Die Unsicherheit rührt daher, dass manche Ökonomen, ganz sicher aber die britische Regierung und Premierminister David Cameron, bei einem Exit der Briten aus der Europäischen Gemeinschaft einen kräftigen Dämpfer für die Konjunktur erwarten. Und da ist auch von Einsparungen des britischen Fiskus von 40 Milliarden Euro die Rede. Rezession und Haushaltskürzungen sind aber auch sicher Gift für viele andere Staaten in Europa, und da könnte natürlich die Wahrscheinlichkeit von Kreditausfällen steigen.

Bei Festverzinslichen gilt grundsätzlich Folgendes: Je höher der Kurs der Obligation liegt, umso tiefer ist bei einem fixen Coupon die erzielbare Rendite. Wegen der expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank werfen deutsche Bundesobligationen mit kürzerer Laufzeit von zum Beispiel wenigen Jahren schon seit längerem kaum mehr Renditen ab oder kommen sogar schon in den negativen Bereich.

Negative Renditen, schöne Gewinne für den Staat

Das heisst: Wegen Unsicherheit sind Anleger bereit, sogar eine Gebühr dafür zu bezahlen, dass sie solche Bonds im Depot haben können. Waren seit Anfang Juni bereits neunjährige deutsche Bundesanleihen nur noch mit einer negativen Rendite zu haben, so trifft das seit einigen Tagen nun auch für die zehnjährige Laufzeit zu. Konkret bedeutet das, dass der Kurs eines Bonds so weit über dem Rückzahlungspreis – dem Nominalwert – notiert, dass selbst inklusive der vereinbarten Zinsen die Differenz zwischen aktuellem Kurs und dem Nominalwert von 100 Prozent bis zum Ende der Laufzeit nicht mehr ausgeglichen werden kann. Anleger erleiden damit bei solchen Bonds bis zum Laufzeitende insgesamt einen Verlust.

Für den Emittenten – den deutschen Fiskus – ist das ein schönes Geschäft. Denn Deutschland finanziert mit etwa 45 Prozent fast die Hälfte seiner Staatsverschuldung über Anleihen dieser Laufzeit. Etwa ein Fünftel entfällt auf fünfjährige Fälligkeiten – und da ist die Rendite ohnehin schon seit einiger Zeit negativ.

Ein Put auf den Bund-Future verspricht schöne Gewinne

Zuletzt hatten die Exit-Freunde bei Umfragen wie gesagt die Nase vorn. Sagen zu können, wie sich nun die Ermordung der Labour-Abgeordneten Jo Cox, einer Verfechterin des Verbleibs der Insel in der EU, vom gestrigen Donnerstag, auf die Wahl auswirken wird, ist schwierig. Abgestimmt wird in einer Woche, und bis zum amtlichen Endergebnis wird sich an der Ungewissheit über den Wahlausgang wenig ändern.

Allerdings: Nach dem massiven Anstieg der Kurse von deutschen Staatsanleihen wetten etwas risikofreudigere Anleger nun mit einem Put auf den Bund-Future auf die Brexit-Abstimmung. Und zwar konkret auf einen Verbleib der Briten in der EU. Die Szenarien sehen folgendermassen aus: Kommt es zum befürchteten Exit der Briten aus der EU, dürfte jetzt davon schon viel in den Kursen der Obligationen drin sein. Weiter steigende Bondsnotierungen scheinen da nicht mehr sonderlich wahrscheinlich zu sein – denn endlos negative Renditen werden Anleger kaum mehr akzeptieren. Bleibt Grossbritannien hingegen in der EU, dürfte das den deutschen Staatsobligationen einen Kursrückschlag bescheren. Ein Put-Zertifikat (ISIN: CH0321529361, Laufzeit 5.9.16, Basis und Knock-out jeweils 172 Punkte, Bezugsverhältnis 5:1) verspricht bei einem aktuellen 23er-Hebel bei einem Rückschlag des Bund-Futures wieder auf ein Niveau von Anfang Mai bei 162 Punkten ein Kursplus um etwa einen Drittel. Sollte es allerdings tatsächlich zum Brexit kommen, ziehen Anleger sofort die Bremse. Denn: Auch, wenn keine exorbitanten Kursgewinne bei deutschen Bundes-Obligationen mehr vorstellbar sind, zu weiteren Steigerungen könnte es dennoch kommen, und das würde dann auch den Bund-Future weiter nach oben treiben.