Knapp zwei Monate nach dem Referendum gehen die Meinungen über die Folgen des Brexit zwischen Schlagzeilen wie «Brexit Boom» und der «Wachstumsbremse Brexit» weit auseinander. Eines steht jedoch fest: die Märkte befinden sich schon jetzt, bevor der Verhandlungsprozess über den Austritt Grossbritanniens aus der EU überhaupt begonnen hat, in turbulenten Zeiten.

Ob und wann der formelle Antrag zum Austritt Grossbritanniens aus der EU gestellt wird, ist derzeit noch offen. Theresa May liess durchblicken, dass dies nicht vor 2017 geschehen soll. Ab diesem Zeitpunkt hätte die britische Regierung zwei Jahre Zeit, neue Verträge mit der EU zu verhandeln, bevor das Land die EU verlassen müsste. Einfach werden diese Verhandlungen nicht sein. So hiess es kürzlich erst vom dänischen Aussenminister, dass Grossbritannien kein Entgegenkommen bei den Verhandlungen erwarten dürfe.

Inflation in England könnte schneller steigen

Dänemark galt in der Vergangenheit als enger Verbündeter Grossbritanniens in der Europapolitik. Ein hartes Auftreten der EU wird wohl essenziell sein, um ein Auseinanderbrechen der Union zu vermeiden – gerade beim zentralen Thema Personenfreizügigkeit wird es keine Zugeständnisse geben können.

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Doch bevor die Politik aktiv eingreifen kann, steht die Englische Zentralbank (BOE) im Zentrum des Geschehens. Um wirtschaftlichen Abschwung aufgrund des Referendums zu vermeiden, hat die BOE jüngst die Zinsen auf das absolute Rekordtief von 0.25 Prozent gesenkt, das QE-Programm um 60 Milliarden britische Pfund aufgestockt und ein neues Ankaufprogramm von Unternehmensanleihen in Höhe von 10 Milliarden Pfund lanciert.

Das Risiko der Zentralbank ist jedoch, dass durch diese Massnahmen die Inflation schneller und stärker als erwartet steigen könnte. Diese Sorge wurde im Ansatz bereits durch die jüngst veröffentlichten Inflationsdaten bestätigt. Dieser Trend könnte sich durch deutlich gestiegene Importpreise aufgrund des Absturzes des Pfund weiter verstärken. Darüber hinaus treibt die ultra-lockere Geldpolitik der Zentralbank die Renditen für Staatsanleihen in den Keller. Derzeit wird eine 30-jährige Staatsanleihe gerade mal mit 1.3 Prozent verzinst.

FTSE reagiert mit steigenden Kursen

Nachdem der Börsenleitindex FTSE (Financial Times Stock Exchange) am Tag nach dem Votum um nahezu 9 Prozent auf 5’789 Punkte einbrach, bewegen sich die Kurse seither nur in eine Richtung, nämlich nach oben. Fundamental gibt es dafür derzeit keine Gründe. Der Einkaufsmanagerindex fiel Anfang August auf einen Wert von 48.2 Punkte. Durch die steigenden Importpreise gerät das produzierende Gewerbe zunehmend unter Druck und auch der sonst so starke Londoner Immobilienmarkt leidet. Der Aktienmarkt ist derzeit alleine von den immer höheren Erwartungen an die Zentralbanken getrieben und trotzdem scheint das Momentum im FTSE für ein neues Rekordhoch vorhanden.

Bis auf eine Handelswoche, in welcher der FTSE 6 Punkte verlor, beendete der Leitindex seit dem Referendum jede Handelswoche positiv. Dieser Anstieg steht jedoch auf wackeligen Beinen. Jede Enttäuschung seitens der Zentralbanker und eine weitere Eintrübung der wirtschaftlichen Indikatoren würde einen Einbruch im FTSE zur Folge haben. Bei diesem Trade stehe ich lieber an der Seitenlinie, bis weitere harte Fakten der wirtschaftlichen Situation Grossbritanniens einlaufen, um mehr Klarheit über die Ausrichtung der BOE zu bekommen.

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Das Pfund bleibt schwach

Betrachten wir auf der anderen Seite das Währungspaar Pfund und Dollar, so bewegt sich dieses derzeit auf so tiefen Niveaus wie zuletzt Mitte der 80er Jahre. Diese Tendenz dürfte auch weiterhin anhalten, denn es besteht eine grundsätzliche Divergenz der Zentralbankpolitiken. Während die BOE derzeit die Geldpolitik weiter lockert, hat die US-Notenbank Fed im vergangenen Jahr die Zinswende eingeleitet.

Darüber hinaus sollte das QE-Programm in Grossbritannien weiteren Druck auf die Anleiherenditen ausüben und somit das Pfund weiter abschwächen. Mein kurzfristiges Kursziel für das Paar Pfund und Dollar liegt weiterhin beim Juli-Tief von 1.2800. Darüber hinaus sehe ich mittelfristig noch weiteres Potential bis 1.24 bis 1.25 bevor eine Stabilisierung im Wechselkurs einsetzen könnte.

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Fazit: Verunsicherung ist gross

Die Konsequenzen aus dem Brexit sind nicht absehbar. Darum werden die Märkte weiterhin nervös und mit starken und abrupten Schwankungen reagieren. Deshalb könnte es sinnvoll sein, die betreffenden Positionen durch einen garantierten Stop bei der Bank Ihres Vertrauens abzusichern.

* Christos Maloussis ist Market Analyst der Genfer IG Bank.