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Entscheid
Brexit-Wirrwarr: Worauf Anleger jetzt setzen

Londoner City: Noch ist der Brexit nicht sicher. Keystone

Der Brexit kommt, der Brexit kommt nicht. Die Frage war doch eigentlich schon geklärt. Jetzt sorgt ein Gerichtsentscheid für neue Unsicherheit. Der FTSE 100 fällt – worauf Börsianer setzen.

Von Georg Pröbstl
am 04.11.2016

Die Euphorie kriegt einen Knacks. Zog es den britischen Aktienmarkt nach dem positiven Entscheid der Briten über den Austritt aus der EU monatelang nach oben, so zeigen sich im Kursaufschwung des Leitindex FTSE 100 erstmals seit der Abstimmung Ende Juni Bremsspuren. In den letzten vier Monaten war der Index noch um rund 15 Prozent oder 1000 Punkte gestiegen und jetzt geht es an nur zwei Tagen um 150 Zähler oder mehr als zwei Prozent nach unten.

An der Volkswirtschaft kann das nicht liegen. Denn allen skeptischen Auguren zum Trotz – die für Grossbritannien im Falle eines Exit aus der Europäischen Gemeinschaft einen herbe Konjunkturrückschlag erwartet hatten – zog es das Land bisher noch nicht in den wirtschaftlichen Abwärtsstrudel. Laut einer Schätzung der staatlichen Statistikbehörde Office for National Statistics wuchs die Wirtschaft auf der Insel im Dreimonatszeitraum Juli bis September zum Vorquartal nämlich um 0,5 Prozent und damit deutlich schneller, als von Volkswirten erwartet worden war. Ökonomen hatten nämlich nur mit einem Plus von 0,3 Prozent gerechnet.

Gerichtsentscheid bringt Unsicherheit…

Grund für den Kursdämpfer ist jetzt aber das Urteil des high court in London. Die Richter sind der Meinung die britische Regierung dürfe den Brexit ohne Zustimmung des britischen Parlaments nicht beantragen. Das sorgt jetzt natürlich wieder für Unsicherheit. Denn einerseits ist ein «Ja» der Abgeordneten zum Ausstieg aus der EU nicht sicher, zum anderen will Regierungschefin Theresa May nun gegen diesen Richterspruch Revision beim Obersten Gerichtshof – dem supreme court –  einlegen. Dafür ist eine Frist bis 7. oder 8. Dezember gesetzt.

Im Parlament auf jeden Fall sind die meisten Abgeordneten eher für einen Verbleib in der EU. Das würde dann allerdings gegen den Willen der Bürger gehen, die mehrheitlich den Ausstieg im Referendum wollten. Ein Votum gegen den Wählerwillen könnte zum politischen Selbstmord werden. Immerhin vertreten etwa 70 Prozent der Abgeordneten der Labour-Partei Wähler, die raus aus der EU wollen.  

Anleger bewerten Ausstieg anders als Eurokraten

Eins zeigt der Kursrutsch an der Börse London auf jeden Fall: Anleger und Investoren scheinen den Ausstieg aus der EU anders zu bewerten, als Eurokraten. Denn während die meisten Politiker in Brüssel sagen, die EU ist gut, halten Börsianer – wie erst der Kursanstieg und jetzt der Kursverfall des FTSE zeigen – den Exit aus der Gemeinschaft offensichtlich für die bessere Wahl.

Immerhin steht das britische Pfund seit dem Referendum unter Druck und hatte zu Euro und Dollar in den letzten drei Monaten schon jeweils knapp zehn Prozent an Wert verloren. Eine fallende Landeswährung ist aber gut für den Export und damit die Konjunktur der Briten. Denn dann lassen sich die auf der Insel produzierten Güter vergleichsweise günstiger im Ausland anbieten, das Land erhält so einen schönen Wettbewerbsvorteil. Die Gewinne der Unternehmen steigen und Anleger nehmen das vorweg.

Anleger greifen zum Put auf den FTSE…

Der Gerichtsentscheid bringt nun allerdings einen Dämpfer in diesen Konkurrenzkampf. Stieg das Pfund heute doch gegenüber Greenback und Europas Einheitswährung jeweils um rund 1,5 Prozent. Auch wenn man es kaum glauben mag nach Referendum, Protesten und offiziellen Treffen der britischen Regierung mit EU-Politikern – ob die Scheidung von EU nun kommt ist im Moment wieder ungewiss.

Ob die Mitglieder des Parlaments oder der supreme court jedoch gegen das Votum der Bürger entscheiden scheint auch mehr als fraglich. So oder so: Eine Entscheidung ist in den nächsten vier oder fünf Wochen wahrscheinlich – auf jeden Fall wohl noch in diesem Jahr.

Sehr kurzfristig und damit trading-orientierte Anleger setzen jetzt auf einen Put auf den FTSE 100. Wegen des Gerichtsentscheids ist der Index nun von der wichtigen Marke bei 7000 Punkten nach unten abgeprallt und die Unterstützung bei 6800 Indexzählern ist erreicht. Da die Unsicherheit über den Brexit noch einige Wochen anhalten dürfte, könnte es zum Abrutschen des FTSE auch unter diese Hürde und dann zu Kursen um 6600 Punkten kommen. Das Hebel-Bear-Zertifikat von Vontobel auf den Index (ISIN: DE000VN4X0E4, Laufzeit endlos, Basis und Knock-out jeweils 7294,3737 Punkte, Bezugsverhältnis 100:1) verspricht in diesem Fall bei einem 13er-Hebel ein Plus von rund 40 Prozent.

… setzen aber auf steigende Kurse bei Barclays

Wer einem Brexit weiter zuversichtlich entgegensieht, sollte sich einmal Barclays (ISIN: GB0031348658) ansehen. Die Bank mit Sitz in London konnte den Gewinn im dritten Quartal mit einem Plus von 35 Prozent unerwartet stark ausbauen. Grund waren insbesondere gute Geschäfte mit Festverzinslichen und zwar genau wegen des Brexit. Die Aktie legte gestern entgegen dem schwachen FTSE um 2,5 Prozent zu und ist jetzt auch charttechnisch spannend.

Der Titel notiert nun  nämlich wieder am starken Widerstand von Juni, Mai und Januar bei 186 Pence. Fällt die Hürde, nimmt der Wert möglicherweise ganz schnell Fahrt auf in Richtung 200 GBp. Ein Call (ISIN: DE000VN4PAZ4, Laufzeit endlos, Basis und Knock-out jeweils 163,0 GBp, Bezugsverhältnis 1:1) verspricht in diesem Fall bei einem 6er-Hebel ebenfalls schöne überproportionale Gewinne von etwa 50 Prozent.

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