In den vergangenen Wochen wurden in Bulgarien wieder Erinnerungen an den Höhepunkt der EU-Krise wach. Mit der First Investment Bank und der Corporate Commercial Bank sahen sich das dritt- und viertgrösste Kreditinstitut des Landes zwischenzeitlich einem Ansturm der Kunden ausgesetzt. Es schien fast schon so, als ob es nach 1996/97 zu neuen Bankenpleiten kommen könnte. Damals waren 14 bulgarische Banken betroffen.

In den vergangenen Tagen hat sich die Lage wieder beruhigt – auch als Folge eines Kredits der EU in der Höhe von 1,7 Milliarden Euro. Doch wie es um die Risiken im Land steht, lässt sich auch an den Auslösern der Krise erkennen. Diese werden letztlich in einem Streit zwischen den beiden Geschäftsleuten und Ex-Geschäftspartnern Zwetan Wassilew und Delyan Peewski sowie in politischen Interessen gesehen. Das ist ein Indiz dafür, wie instabil das Land auch sieben Jahre nach dem 2007 vollzogenen Beitritt zur EU noch immer ist.

Wenig Vertrauen der eigenen Bürger und Rückstufung der Bonität

Korruption ist weit verbreitet, und das Rechtssystem hat gravierende Mängel. Missstände werden regelmässig von der EU bemängelt, und die Unzufriedenheit mit den vor Ort herrschenden Zuständen zeigt sich auch darin, dass immer wieder Hilfsgelder gesperrt werden. Auf das geringe Reformtempo hat die Ratingagentur Standard & Poor′s mit einer Rückstufung der Kreditwürdigkeit um eine Stufe auf BBB- reagiert.

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Die Bulgaren selber haben längst das Vertrauen in die politischen Instanzen des Landes verloren. Das ist ein Grund dafür, warum zahlreiche von ihnen ihr Glück im Ausland versuchen. Seit dem 1. Januar geniessen Bulgaren und Rumänen die volle EU-Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt, und Experten rechnen allein in Deutschland im 2014 mit einer Zuwanderung von 100'000 bis 180'000 Bulgaren und Rumänen. Diese Auswanderungswelle hilft dem Arbeitsmarkt des Balkanstaats. Im Mai waren bei einer Quote von 11,9 Prozent erstmals seit längerer Zeit wieder weniger als 400'000 Bulgaren arbeitslos. Auch die Jugendarbeitslosigkeit verringerte sich von 25,2 Prozent auf 24,6 Prozent.

Immer mehr notleidende Kredite

Bei aller berechtigten Kritik an den politischen Zuständen müssen sich die Bulgaren aber selbst fragen, ob sie den hohen moralischen Ansprüchen genügen würden. Ausländer beispielsweise, die vor Ort investieren wollen, werden gerne als Melkkühe ausgenutzt. Und in Gesprächen klagen Bulgaren über fehlendes Vertrauen untereinander. Trotz alledem dürften die Warteschlangen, die sich vor den beiden erwähnten Finanzinstituten bildeten, eher auf unwahre Gerüchte zurückzuführen gewesen sein als auf gravierende kurzfristig auftretende Probleme im Bankensystem.

Das Bankensystem hatten Vertreter des Internationalen Währungsfonds noch im Juni als stabil eingestuft und die Kapitalausstattung der im Schnitt mit einer Eigenkapitalquote von 20 Prozent ausgestatteten Institute als vergleichsweise solide bezeichnet. Dominiert wird der Sektor zudem von ausländischen Banken, die im Bedarfsfall vermutlich von ihren Mutterkonzernen gestützt würden. Als kritischer Einflussfaktor zu beachten, ist aber die Entwicklung bei notleidenden Krediten. Laut Royal Bank of Scotland erhöhte sich der Anteil dieser NPLs – Non Performing Loans – seit 2009 von 2,0 auf 17,2 Prozent.

Geringe Staatsverschuldung

Obendrein ist die Volkswirtschaft von geringem Wachstum geprägt. Auch in diesem und im nächsten Jahr dürfte die Wirtschaft nach Schätzungen der EU-Kommission nur um 1,7 und 2,0 Prozent zulegen. Positiv hervorzuheben ist jedoch die Verbesserung in der Aussenbilanz. Aus einem Defizit in der Leistungsbilanz von 25 Prozent im Jahr 2007 wurde im Vorjahr ein kleines Plus. Auch die Staatsverschuldung ist mit erwarteten 22 Prozent gemessen am Bruttoinlandprodukt sehr niedrig. Allerdings ist die gesamte Schuldenlast gegenüber dem Ausland unter Berücksichtigung der finanziellen Verpflichtungen der Unternehmen und Privathaushalte sehr viel höher.

Staatspräsident Rosen Plevniliew sieht allgemein aber keinen Grund zur Nervosität. Er hat seinen Mitbürgern versprochen, dass bis zur Einführung des Euros nicht am Wechselkurs der an den Euro gebundenen Landeswährung Lew gerüttelt wird. Auch die ausländischen Anleger sehen das momentan ähnlich gelassen. Zumindest spricht dafür die Tatsache, dass Bulgarien kein Problem damit hatte, eine bis zum 3. September 2024 laufende Obligation mit einem Volumen von rund 1,5 Milliarden-Euro (ISIN: XS1083844503) zu platzieren. 

Staatsbonds Bulgarien: Kaum mehr Rendite als in der Schweiz

Die Ausfallgefahr ist zumindest aktuell als ziemlich niedrig einzuschätzen. Reich werden, können Sparer bei einem Investment aber nicht unbedingt, beläuft sich die Rendite doch auch hier nur auf 3,1 Prozent. Ohnehin liegt die Mindeststückelung hier bei 100'000 Euro. In einer 1000er-Stückelung ist hingegen ein Dollar-Bonds (ISIN XS0145623624) handelbar. Die Laufzeit endet hier aber schon Mitte Januar 2015, und das Papier bringt auch nur eine Rendite von 1,5 Prozent.

Deutlich mehr verdienen liess sich für einige Zeit am bulgarischen Aktienmarkt. Von Anfang Juli 2012 bis Anfang April 2014 stürmte der Sofix-Index mit einem Plus von gut 115 Prozent nach oben. Und Sofia war mit dieser Bilanz einer der besten Börsenplätze weltweit. Im zweiten Quartal korrigierte der Index aber um 16 Prozent. Zuletzt sind die Kurse aber im Hoch schon wieder um 8,3 Prozent gestiegen.

Neuwahlen bieten Phantasie

Ob damit schon das Ende der Konsolidierung eingeleitet ist, bleibt abzuwarten. Dagegen spricht auch die politische Pattsituation. Die bisherige, von den Sozialisten dominierte Regierung, gegen die seit dem Amtsantritt im Mai 2013 fast durchgehend demonstriert worden ist, hat dem öffentlichen Druck nachgegeben. Am 5. Oktober sollen Neuwahlen abgehalten werden. 

Die Bewertung selbst würde den Kursen durchaus noch etwas Luft nach oben lassen. Von der Börse in Sofia wird das KGV für den Sofix jedenfalls nur auf moderate 7,7 beziffert, das Kurs-Umsatz-Verhältnis auf 0,9. Allerdings scheint wegen der eher geringen Transparenz und wegen des unterdurchschnittlich entwickelten Shareholder-Value-Gedankens auch ein Bewertungsabschlag angebracht zu sein.

Zertifikate auf den BTX-Index

Wer das Risiko trotzdem nicht scheut, der steht vor dem Problem eines nur geringen Produktangebots an Derivaten. Eine der wenigen Alternativen ist das von der österreichischen Raiffeisen Centrobank aufgelegte BTX-Index-Zertifikat (ISIN: AT0000A091Y1).