Derzeit konzentriert sich der Markt auf die Themen quantitative Lockerung in Europa, Abenomics in Japan und auf eine mögliche Anhebung der Leitzinsen in den USA noch in diesem Jahr. Wie es in den letzten zwei Jahrzehnten jedoch bereits häufiger der Fall war, scheint sich das wahre Geschehen in China abzuspielen – und immer öfter übernimmt China dabei die Führungsrolle. Während des Höhepunkts des Aktienabverkaufs im Jahr 2008 vollzog China die grösste Fiskalexpansion in der Geschichte der Menschheit und pumpte dafür zur Unterstützung der eigenen Wirtschaft und der Weltwirtschaft mehr als 500 Milliarden US-Dollar in den Markt. In den Jahren 2009 und 2010 stand China allein für mehr als 50 Prozent des weltweiten Wachstums.

China definiert seine Strategie unter Präsident Xi Jinping eindeutig neu. Zwar ist dieser einerseits offener für Reformen, andererseits jedoch auch traditioneller eingestellt, da er die Parteikontrolle über die Wirtschaft verstärkt. Präsident Jinpings Masterplan – die neue Seidenstrasse – wurde soeben erst bekräftigt. Dabei handelt es sich um eine ähnliche Strategie wie beim Marshallplan: Zur Entwicklung von Chinas Westen und von Eurasien sollen unter der Verwendung von Chinas umfangreichen Fremdwährungsreserven Investitionen getätigt, die Infrastruktur erschlossen und Vorfinanzierungen geleistet werden.

China – Umbauten kosten Zeit und Wachstum

Dabei sieht es zwar nach einer rosigen Zukunft aus, doch das Problem ist das Timing. Die Neudefinition Chinas benötigt für den Übergang vom alten zum neuen Modell eine gewisse Zeit. Während dieser «Lücke» verlangsamt sich das Wachstum stark, was zu einem neuen Gefühl der Dringlichkeit geführt hat, da China bei der Generierung neuen Wachstums weiterhin Schwierigkeiten hat. Die jüngsten Angaben zum BIP 2014 stellten den niedrigsten Wert seit 24 Jahren dar – das BIP-Wachstum lag mit 7,4 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit 1990. Damals sah sich China im Anschluss an das Massaker auf dem Tiananmen-Platz im Jahr 1989 Sanktionen ausgesetzt.

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Die Reaktion auf die 2014er-Zahlen kam prompt: Der Mindestreservesatz (RRR) wurde am 20. April 2015 zum zweiten Mal gekürzt, diesmal um volle 100 Basispunkte. Im Jahr 2014 hatte dieser noch bei 21,5 Prozent gelegen, der Markt geht indes von einer weiteren Lockerung aus. Die Kürzung stellt eine Steigerung der Anreize durch monetäre Lockerung dar, und es wird erwartet, dass dabei eine Liquidität von 240 Milliarden US-Dollar freigesetzt wird.

US-Bonds werden verkauft

Für China ist das selbstverständlich gut, doch da das Land eine geschlossene Kapitalbilanz betreibt (kein freier Kapitalverkehr), muss diese Zunahme neutralisiert werden. In der Vergangenheit hat China den Mindestreservesatz zur Neutralisierung des riesigen Kapitalzuflusses eingesetzt. Da der Zufluss an Fremdwährungen seit Ende 2000 jedoch rückläufig ist, ergibt sich für China nun ein Kapitaldefizit, was bedeutet, dass jetzt tatsächlich Fremdwährungsreserven veräussert werden müssen. Bei diesen  «Fremdwährungsreserven» handelt es sich selbstverständlich um Anleihen, genauer gesagt um US-Anleihen – und hier wird es nun interessant!

Die geldpolitischen Impulse Chinas bedeuten für die USA steigende Zinsen. Das Risiko besteht nun darin, dass China einen Anstieg der Zinsen in den USA erzwingen kann, noch bevor die Fed ihr «Normalisierungsprogramm» startet. Die Nettokäufe der Fed an U.S. Treasuries und U.S. Agency Bonds haben sich ins Negative gedreht, d. h. die Fed leistet auf dem Anleihenmarkt keine Unterstützung mehr. Die Bilanzsumme der Fed ist rückläufig, was bedeutet, dass die Notwendigkeit zur Normalisierung nun sogar noch grösser ist als zuvor. Der Grund dafür ist folgender: Erhöht sich die Bilanzsumme, sind niedrige Zinsen die Norm. Verkürzt sich die Bilanz, müssen die Grenzkapitalkosten steigen, um die kleinere monetäre Basis widerzuspiegeln.

Dramatische Änderung des Markttrends

Wenn wir nach makroökonomischen Veränderungen Ausschau halten, neigen wir dazu, den Blick auf die USA und auf Europa zu richten. Dabei verkennen viele von uns, dass China gemessen am BIP nach Kaufkraftparität das grösste Land der Welt ist. Bezüglich der Hegemonialmacht hat es eine Veränderung gegeben, wie sie zuletzt vor hundert Jahren bei der Machtübernahme der USA von Grossbritannien stattgefunden hat. Solche Veränderungen finden schrittweise statt und sind für das blosse Auge schwer erkennbar. Die zukünftige wirtschaftliche Agenda lag jedoch bereits seit jeher in den Händen derer, die eine gute Kreditwürdigkeit genossen haben.

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China hat viele Gesichter, und aus der Sicht eines libertären, dänischen Ökonomen wie mir machen die Chinesen vieles falsch. Sie verfügen jedoch über reichlich finanzielle Mittel, und wir scheinen nicht bemerkt zu haben, dass der kombinierte Effekt aus dem Projekt neue Seidenstrasse auf lange Sicht und der monetäre Stimulus kurzfristig betrachtet den Ball für eine dramatische Änderung des Markttrends ins Rollen gebracht hat.

Null-Renditen über viele Jahre

In meiner neuen Langfristanalyse, die ich bald veröffentlichen werde, fordere ich, dass die Renditen von europäischen und von US-amerikanischen Staatsanleihen aufgrund des oben Geäusserten bis zum Jahresende um 100 Basispunkte angehoben werden. Vor dem Hintergrund Chinas neuer Seidenstrasse und der Tatsache, dass alle Assetklassen (mit Ausnahme von Rohstoffen) in den kommenden fünf bis sieben Jahren eine zu erwartende Rendite von null aufweisen werden, sollten Gold und Rohstoffe die Erwartungen übertreffen. Kein Wachstum, keine Reformen, keine Inflation – das entspricht einer zu erwartenden Rendite von null. Eine Tatsache, der sich niemand stellen will.

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Die Welt hat sich verändert. Die neue Supermacht Nummer eins, China, hat durch ihr Handeln sowohl beim Thema Investment als auch beim Thema Zinszyklus eine führende Rolle eingenommen. Der Schmetterlingseffekt wird bereits bald zu spüren sein.

Steen Jakobsen ist Chefökonom bei Saxo Bank