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Gastkolumne
Crash – der einzige Ausverkauf, bei dem die Leute weglaufen

Albert Steck: Markt- und Produktanalyse Migros Bank

Die Kurse steigen und steigen. Zum dritten Mal in Serie hat der SPI das Jahr mit einem zweistelligen Plus beendet. Trotzdem kommt bei Anlegern keine Champagnerlaune auf. Die Psyche ist schuld.

Von Albert Steck
am 08.01.2015

«Buy low, sell high.» – «billig kaufen, teuer verkaufen» –, so  lautet das Rezept, um an der Börse Erfolg zu haben. Was in der Theorie sehr einfach klingt, ist in der Praxis mit etlichen Tücken behaftet. Denn es stellt sich die Frage: Ist ein Kurs jetzt als hoch oder als tief einzustufen? Das lässt sich erst im Nachhinein mit Gewissheit beantworten. Und eine Über- oder Untertreibung an der Börse kann Jahre andauern und von Anlegern viel Geduld erfordern.

Hinzu kommen die Emotionen von Anlegern: Ein gewonnener und ein verlorener Franken haben für sie nicht die gleiche Bedeutung. Diese Erkenntnis – in der Wissenschaft als «Verlustaversion» bezeichnet – geht zurück auf den Nobelpreisträger Daniel Kahneman. Er konnte in Experimenten nachweisen, dass ein Verlust im menschlichen Empfinden viel schwerer wiegt als ein gleich grosser Gewinn. Ein Verlust von 1000 Franken muss im Durchschnitt durch 2000 Franken Gewinn kompensiert werden, damit die mentale Balance wieder ausgeglichen ist.

Verlustaversion und falsches Kaufverhalten

Die Verlustaversion führt dazu, dass Investoren tendenziell sichere Anlagen bevorzugen, um eine negative Performance zu verhindern zu versuchen. Die Kehrseite ist allerdings: Günstige Einstiegschancen werden verpasst, weil nach einem Kurseinbruch die Risiken als besonders hoch betrachtet werden.

Wie sich dieses Verhaltensmuster konkret auf die Entscheide von Anlegern auswirkt, zeigt nun eine Untersuchung der Migros Bank. Dabei wurden die aggregierten Aktientransaktionen der privaten Schweizer Haushalte seit 2001 ausgewertet und der Börsenentwicklung gegenübergestellt. Das Ergebnis: Die Anleger haben bei tiefen Kursen deutlich mehr Aktien verkauft als gekauft – entgegen der Maxime «Buy low, sell high».

Der grosse Fehler: Ausstieg in der Kurserholung  

Picken wir das Jahr 2012 heraus, das Jahr, als der letzte dreijährige Börsenboom begonnen hat: Rückblickend wissen wir, dass dies eine hervorragende Kaufgelegenheit gewesen wäre. Trotzdem haben die Haushalte ihre Aktienbestände um netto 14 Milliarden Franken reduziert. Viele Anleger interpretierten die einsetzende Kurserholung als Gelegenheit, um Verlustpositionen zu liquidieren, anstatt langfristig vom Börsenerfolg zu profitieren.

Im gleichen Jahr stockten die Haushalte ihren Bestand an Bargeld und Kontoeinlagen um 38 Milliarden Franken auf – an liquiden Mitteln hätte es also nicht gefehlt. Das gleiche Muster lässt sich beim vorherigen Aktiencrash beobachten: Kaum war der Tiefpunkt überwunden, begannen die Anleger, aus den Dividendenpapiere zu flüchten. Allein in den Jahren 2004 und 2005 – rückblickend ein idealer Zeitpunkt zum Einsteigen – warfen sie Aktien für 23 Milliarden Franken auf den Markt.

Ausverkauf – die Leute laufen weg

Die Auswertung bestätigt einen geistreichen Spruch, den der legendäre Investor Warren Buffett einst gemacht hatte: «Der Aktienmarkt ist der einzige Markt, vor dem die Leute weglaufen, wenn dort ein Ausverkauf stattfindet.» Die Verlustaversion verleitet Investoren dazu, die Gefahren besonders dann als gross einzustufen, wenn die Kurse gefallen sind. Dabei blenden sie  aus, dass die erhöhten Risiken bereits in den tieferen Kursen abgebildet sind. Umgekehrt bedeuten steigende Kurse nicht, dass die Verlustrisiken entsprechend abgenommen haben, sondern lediglich, dass die Marktteilnehmer zuversichtlicher geworden sind und deshalb ihre Erwartungen für die Zukunft nach oben geschraubt haben.

Geduld und Beharrlichkeit führen zum Erfolg

Erfolgreiches Anlegen erfordert Beharrungsvermögen: Man darf sich nicht von der momentanen Stimmung an den Märkten aus dem Konzept werfen lassen. Der verbreitete Pessimismus nach einem Kursrückgang ist ein trügerisches Verkaufssignal. Fast lehrbuchmässig hat das der Einbruch vom Oktober demonstriert. Und wenn auf der anderen Seite Euphorie an der Börse herrscht, dann sollten wir uns ebenso wenig davon anstecken lassen. Eine banale Erkenntnis. Dumm nur, dass sie in der Hektik des Börsenalltags so schwierig umzusetzen ist.

Hier finden Sie weitere Infos zur Verlustaversion

Albert Steck, Markt- und Produktanalyse Migros Bank

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