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Energie
Das grosse Aufatmen der Energiekonzerne

Die BKW muss das Kernkraftwerk Mühleberg nun doch erst 2019 vom Netz nehmen. keystone

Nach der gescheiterten Initiative zum vorzeitigen Ausstieg aus der Atomkraft können Schweizer Energiekonzerne erst einmal aufatmen. Das Ergebnis könnte kurzzeitig die Kurse ihrer Aktien beflügeln.

Von Annika Janssen
am 01.12.2016

Die Schweizer haben entschieden: Die fünf Atomkraftwerke in der Schweiz werden nicht vorzeitig vom Netz genommen. Am vergangenen Sonntag stimmte mit rund 55 Prozent der Stimmberechtigten eine Mehrheit der Schweizer gegen eine von den Grünen eingebrachte Initiative zum frühzeitigen Ausstieg aus der Atomkraft.

Der Entwurf sah die Abschaltung der fünf Schweizer Atommeiler nach einer Laufzeit von höchstens 45 Jahren vor, zudem ein Bau- und Betriebsverbot für neue Atomkraftwerke. Darüber hinaus forderten die Autoren des Volksentscheids eine Energiewende, insbesondere den Ausbau erneuerbarer Energieträger.

Kurssturz blieb aus

Dazu kommt es nun erst einmal nicht. Schweizer Energieversorger können also aufatmen. Umfragen hatten vor der Abstimmung noch auf eine knappe Mehrheit für den Atomausstieg hingedeutet. Energieunternehmen hatten für dieses Szenario mit wirtschaftlichen Schäden gerechnet, der Lausanner Energiekonzern Alpiq etwa ging von 2,5 Milliarden Franken Verlust aus. Analysten hatten für den Fall einer Annahme der Atom-Initiative einen Kurssturz von Energieaktien in Aussicht gestellt. Nach dem überraschenden Nein bei der Abstimmung könnten einige der Titel nun sogar zulegen.

Für Alpiq sei mit dem Ausgang des Referendums ein Unsicherheitsfaktor vom Tisch, sagt Sven Bucher, Analyst der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Gleiches gelte für den Energie- und Infrastrukturkonzern BKW mit Sitz in Bern. «Eine Annahme der Initiative hätte für das Geschäftsjahr 2016 ‎wohl erneute Wertberichtigungen und Rückstellungen von mehreren hundert Millionen Franken ‎je Gesellschaft zur Folge gehabt», sagt Bucher. Die Aktien der Stromversorger dürften daher positiv auf das Abstimmungsresultat von Sonntag reagieren, erwartet er.

Hohe Planungssicherheit

Nach Deutschland wird sich auch die Schweiz über kurz oder lang vom Atomstrom verabschieden. Das ist seit der Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011 grundsätzlich klar. Nur wann und wie er erfolgt, steht noch nicht fest. Sicher ist nur, dass das von der BKW betriebene Kernkraftwerk Mühleberg (KKM) im Jahr 2019 vom Netz gehen wird. Laut Bucher hat der Berner Konzern deshalb hohe Planungssicherheit. Seit dem Referendum hat der Kurs des Valors leicht zugelegt. In den kommenden Tagen könnte es weiter aufwärts gehen.

Auch für dem bisherigen Gewinner unter den Stromversorgern könnte der Ausgang der Abstimmung noch einmal Schub geben: Die Aktie des westschweizerischen Energieversorgers Romande Energie legte seit Jahresbeginn bereits um 28 Prozent zu – und es gibt noch Luft nach oben. «Romande Energie hat ein eigenes Stromnetz zur Feinverteilung an den Endkunden mit einem entsprechenden Einzugsgebiet», sagt Eugen Perger, Analyst für Energiewerte bei Research Partners in Zürich. Dadurch könne die Preisgestaltung ohne direkten Wettbewerb stattfinden. Für Perger ist der Valor des Unternehmens ein Kauf. Zum Halten rät er bei Alpiq und beim Deutsch-Schweizerischen Energiedienst: «Die Kurse haben nur leichtes Aufwärtspotenzial, auch nach dem Referendum.»

Der Atomausstieg kommt

Wer auf schnelle Kursgewinne hofft, kann bei Energieaktien derzeit also zugreifen. Allerdings eignen sich die Titel nur als Beimischung. Was Anleger zudem im Hinterkopf behalten sollten: Der Atomausstieg kommt in der Schweiz so oder so, und das dürfte früher oder später auch wieder die Kurse von Stromversorgern beeinträchtigen.

Wer auf die scheinbaren Nutzniesser des Atomausstiegs setzen will, ist aber auch nicht auf der sicheren Seite: Zulieferer beziehungsweise Betreiber von Solaranlagen wie Meyer Burger oder Edisun Power Europe sind zu einem grossen Teil im Ausland aktiv und daher von den Entwicklungen rund um den Atomausstieg in der Schweiz relativ unbeeinflusst. Zudem herrscht in der Solarbranche ein heftiger Preiskampf, dessen Ausgang unklar ist. Solar-Titel sind deshalb momentan nicht besonders attraktiv.

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