Garantierte Kursgewinne gibt es an den Börsen so gut wie nicht. Doch es gibt riskante und weniger riskante Anlagestrategien. Relativ gering sind die Risiken bei Wetten, die sich auf Index-Ab- und Aufsteiger konzentrieren. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Der dortige Aktien-Stratege Uwe Streich hat sich angesehen, welche Kursfolgen auf die betroffenen Unternehmen ein Auf- oder Abstieg in den Euro Stoxx 50, in den Stoxx Europe 50 und in den Dax seit dem Jahr 2000 hatten.

Der Aktienstratege hat dabei alle sogenannten antizipierbaren Indexwechsel berücksichtigt. «Antizipierbar» sind dabei alle ordentlichen wie ausserordentlichen Titelveränderungen zu den vier jährlichen Entscheidungsterminen. Die wenigen Wechsel, welche zu anderen Zeitpunkten und aus den verschiedensten Gründen sehr kurzfristig vorgenommen wurden, blieben unberücksichtigt.

Euro Stoxx 50 – wie Anleger doppelt vom Indexaufstieg profitieren können

Wie das ermittelte Ergebnis zeigt, sind bei Indexwechseln generell zwei Zeitpunkte von zentraler Bedeutung: Erstens der Stichtag für den Entscheid und zweitens der Termin, zu dem die beschlossenen Wechsel in den Indizes tatsächlich umgesetzt werden. Beim Euro Stoxx 50 gab es seit Beginn des neuen Jahrtausends insgesamt 21 antizipierbare Wechsel. Dabei zeigt sich laut Streich, dass sich die Euro-Stoxx-50-Aufsteiger sowohl im Vorfeld des Entscheids als auch kurz vor der Umsetzung der beschlossenen Wechsel deutlich besser schlugen als der Index. Während im Vorfeld des Entscheids hierfür unter anderem aktiv gemanagte Fonds verantwortlich gewesen sein dürften, sollten im Vorfeld der Umsetzung nicht zuletzt auch passiv gemanagte Mandate dazu beigetragen haben.

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Da die Aufsteiger in der rund dreiwöchigen Interimsphase zwischen Entscheid und Umsetzung leicht schlechter als der Index abschnitten, wären die aktiven Manager sogar am besten beraten gewesen, wenn sie mit den künftigen Aufsteigern zunächst Long gegangen wären und die Titel nach der Bestätigung wieder verkauft hätten, um sie schliesslich kurz vor der Umsetzung des Entscheids erneut aufzunehmen. Mit dieser Strategie hätten aktive Manager  zweimal vom selben Entscheid profitieren können, so Streich. In einer vierwöchigen Zeitspanne bis zur Verkündung der tatsächlichen Wechsel entwickelten sich die künftigen Aufsteiger im Durchschnitt um 3,6 Prozentpunkte besser als der Euro Stoxx 50.

Nach dem Aufstieg ist die Phantasie erst einmal aus dem Kurs raus

Allerdings besteht im Vorfeld des Entscheids immer eine gewisse Gefahr, dass es letztendlich doch anders kommen wird als erwartet. Verglichen damit ist die zweite sich bietende Chance vergleichsweise risikolos. Denn, wenn die Aufsteiger effektiv feststehen, ergab sich in den verbleibenden fünf Tagen bis zur Umsetzung des Entscheids eine durchschnittliche Outperformance von 3,2 Prozentpunkten.

Nach dem Aufstieg ist dann aber in aller Regel vorerst die Luft raus, und die Neueinsteiger im Euro Stoxx 50 schnitten dann temporär schlechter ab als der Index.

Indexabsteiger – die Kurse fallen vor dem Entscheid

Kursauffälligkeiten gibt es ausserdem auch bei den Indexabsteigern aus dem Euro Stoxx 50. Hier war in der Vergangenheit im Vorfeld eine schwächere Entwicklung gemessen am Index zu beobachten. Kumuliert entwickelten sich die Euro-Stoxx-50-Absteiger laut LBBW-Studie im letzten Monat vor dem Entscheid um 5,6 Prozentpunkte schwächer als der Index. In den letzten fünf Tagen vor der Umsetzung des Entscheids folgte eine Underperformance von weiteren 2,2 Prozentpunkten. Während auch die Interimsphase zwischen Entscheid und Umsetzung eine leichte Underperformance brachte, entwickelten sich die Titel nach dem vollzogenen Abstieg zunächst wieder besser als der Euro Stoxx 50.

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Was die statistische Belastbarkeit dieser Ergebnisse angeht, so zeigten in den jeweils letzten vier Wochen vor dem Indexentscheid 75 Prozent aller Euro-Stoxx-50-Aufsteiger seit dem Jahr 2000 eine Out- und 86 Prozent der Absteiger eine Underperformance. Unmittelbar vor Ablauf der Frist lagen die Quoten bei 75 Prozent bzw. 62 Prozent und am Tag vor der Umsetzung des Entscheids bei 85 Prozent und 76 Prozent. Beim Stoxx Europe 50 Index, bei dem es seit dem Jahr 2000 deutlich mehr Wechsel als im Euro Stoxx 50 gegeben hat und der auch seltener als Benchmark verwendet wird als der Schwesterindex der Eurozone, fielen die skizzierten Effekte insgesamt etwas schwächer aus als im Euro Stoxx 50.

DAX-Aufsteiger – hohe Outperformance vor der Umsetzung

Beim Dax, bei dem es seit der Jahrtausendwende 16 antizipierbare Wechsel gegeben hat, lohnte es sich nur im Vorfeld des Entscheids, auf die künftigen Dax-Aufsteiger zu setzen. Unmittelbar vor der tatsächlichen Aufnahme in den Index liefen die Aufsteiger sogar schwächer als der Dax. Möglicherweise ist das Ergebnis aber durch zahlreiche Sonderstorys wie Übernahmen, Teilverkäufe oder extreme Veränderungen im Streubesitz beeinflusst, was offenbar zur Folge hatte, dass die Anleger ihre Transaktionen sofort durchführten. Dies dürfte nach Lesart von Streich auch der Grund dafür gewesen sein, dass die im Vorfeld des Entscheids erzielbare Überrendite sogar noch deutlich stärker ausgefallen ist als bei den Stoxx-Indizes. Wer bereits einen Monat vor Ablauf der Frist auf die künftigen Aufsteiger setzte, konnte hiermit im Durchschnitt eine durchschnittliche Outperformance von 5,7 Prozentpunkten erzielen.

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Da der Performanceeffekt auch im Dax mit zunehmender Nähe des Stichtags immer stärker wurde, wäre es auch hier eine interessante Option gewesen, möglichst lange zu warten, um erst spät – dafür jedoch vergleichsweise risikolos – zu agieren. Im Schnitt der letzten fünf Handelstage vor dem Entscheid betrug die Outperformance der künftigen Dax-Aufsteiger pro Tag nämlich 62 – insgesamt also 310 – Basispunkte. Und am letzten Tag konnte sogar eine Überrendite von durchschnittlich 146 Basispunkten realisiert werden.

Out- und Underperformance  – besonders hoch in den letzten Tagen

Wie bei den Index-Aufsteigern war der positive Performance-Effekt auch bei den Dax-Absteigern nur einmalig – nämlich im Vorfeld des Entscheids. Mit einer durchschnittlichen kumulierten Underperformance von gut fünf Prozentpunkten im letzten Monat, bevor der Abstieg offiziell wurde, fiel der Effekt hier jedoch etwas schwächer aus als bei den Aufsteigern. In den letzten fünf Tagen vor Ablauf der Frist brachten die Titel eine Underperformance von durchschnittlich 36 (in Summe also 180) Basispunkten. Am letzten Tag waren es sogar 78 Basispunkte. Mit Puts könnten etwas risikofreudige Anleger von diesem Effekt also schön profitieren.  

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Statistisch gesehen entwickelten sich im letzten Monat vor Ablauf der Frist 75 Prozent der Aufsteiger besser als der Dax. In der Schlusswoche waren es 56 Prozent und am Schlusstag knapp 63 Prozent. Gleichzeitig liefen im letzten Monat 56 Prozent der Absteiger schlechter als der Dax. In der letzten Woche bzw. am letzten Tag bevor ihr Abstieg besiegelt wurde, traf dies für 75 Prozent bzw. 56 Prozent dieser Titel zu.

Aktuelle Auf- und Abstiegskandidaten

Schon bald wird sich zeigen, ob sich die Studienergebnisse erneut einstellen werden, denn auf Basis der Kurse per Ende August stehen wieder einmal Indexentscheide an. Zu diesem Termin werden sowohl die Titel-Zusammensetzungen der Stoxx-Auswahlindizes (Euro Stoxx 50 und Stoxx Europe 50) als auch der entsprechenden Indizes der Deutschen Börse (Dax, MDAX, SDAX und TecDAX) regulär überprüft. Beim Dax ist dabei erstmals seit drei Jahren wieder eine Veränderung der Zusammensetzung denkbar. Als Aufsteiger zum 21. September wird der Immobilienkonzern Deutsche Annington gehandelt, als Abstiegskandidat der Spezialchemiekonzern Lanxess.

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Beim Euro Stoxx 50 Index gilt der deutsche Gesundheitskonzern Fresenius SE als möglicher Aufrücker und der deutsche Versorger RWE als Wackelkandidat. Beim Stoxx Europe 50 Index bringt Streich die italienische Grossbank Intesa Sanpaolo als möglichen Aufsteiger ins Spiel und den Schweizer Rohstoffkonzern Glencore als potenziellen Absteiger. Gefährdet ist demnach mit BHP Billiton ein weiterer Rohstoffkonzern, während der britische Tabakkonzern Imperial Tobacco noch Aufstiegschancen hat.