Wie beruhigend, dass es noch funktionierende ökonomische Zusammenhänge gibt: Beispielsweise eine stärker werdende Währung im Vorfeld eines Zinsanstiegs oder als Zeichen einer robusten Volkswirtschaft. Das langersehnte Comeback des Greenbacks ist da und entfaltet seine Stärke just zu einem Zeitpunkt, zu dem der Euro – EZB-Chef Draghi wird mir beipflichten – Schwäche zeigen muss.

Der schwache US-Dollar war einer der Faktoren, der die Desinflationsbekämpfung der EZB erschwerte – trotz expansivster Geldpolitik und Zins- und Wachstumsvorteilen der USA gegenüber der Eurozone. Ab Mitte Mai wendete sich das Blatt. Die Verschärfung der Ukrainekrise und die in der Folge abgekühlte Beziehung zwischen der Eurozone und Russland trafen die fragile Wirtschaft in Europa empfindlicher als andernorts und akzentuierten die konjunkturelle Divergenz zwischen den USA und Europa. In einer Phase, in der sich die US-Wirtschaft zunehmend festigte, geriet die Wachstumslokomotive Deutschland ins Stocken, und in der Folge nahmen die Inflationserwartungen in der Eurozone ab. Mit dem zweiten Paket von Reflationierungsmassnahmen der EZB hat sich folglich der Abwärtstrend des Euro beschleunigt. Ich schätze diesen Trend als längerfristig ein.

Starker Dollar: Konjunkturrisiken werden gedämpft

Was bedeutet ein steigender US-Dollar-Kurs für die hiesige Wirtschaft? Für die Antwort hilft ein Rückblick in die Vergangenheit. Mitte der 1990er-Jahre – nach dem Anstieg der US-Zinsen von 3 auf 5,5 Prozent innert anderthalb Jahren – setzten der US-Dollar und die US-Aktienmärkte, getrieben vom technologischen Fortschritt und vom Konsumappetit der US-Babyboomer, zum Höhenflug an. Das jährliche Weltwirtschaftswachstum stieg bis ins Jahr 2001 auf über 5 Prozent. Die Geschichte wird sich in einer solchen Form leider nicht wiederholen. Dafür fehlen uns die konsumfreudigen Babyboomer und der markante Produktivitätsanstieg von damals. Es gibt aber einige Analogien.

Anzeige

Die US-Wirtschaft hat weltweit wieder das Zepter übernommen und ist nach wie vor importorientiert. In den USA werden in erster Linie die Konsumenten vom starken US-Dollar profitieren, was sich positiv auf die Exportbranchen in anderen Ländern auswirken wird. Europa wird aufgrund der gleichzeitigen Abwertung des Euro der Nutzniesser dieser Währungsentwicklung sein. Der starke US-Dollar ist gewiss nicht die alleinige Rezeptur für eine nachhaltige globale Konjunkturerholung, wird aber die kurz- bis mittelfristigen Konjunkturrisiken eindämmen.

Luxus dürfte profitieren

Wir wollen uns daher am Moment erfreuen und uns fragen, welche europäischen Titel von dieser Entwicklung profitieren werden. Grundsätzlich werden Exportunternehmen zu den Gewinnern zählen, die in US-Dollar fakturieren und einen reifen Absatzmarkt in den USA bedienen.

Kurz vor Weihnachten werden wohl insbesondere Anbieter von Luxusgütern profitieren. Gut möglich, dass in den USA öfters ein BMW einen neuen technikaffinen Besitzer mit ökologischem Gewissen finden wird oder dass eine hübsche Aufmerksamkeit aus dem Hause Richemont unter den Weihnachtsbaum gelegt wird. Entsprechend sehe ich Potenzial in den Aktien dieser Qualitätsunternehmen.

Andreas Knörzer, Leiter Asset Management, Notenstein Privatbank