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Ausblick
«Der Nikkei hat sehr viel Nachholbedarf»

Chinas Techriesen
Tencent: Ist mit Spielen und Streaming gut unterwegs.  Zhang Peng/Kontributor/Getty ImagesQuelle: Keystone

Statt Netflix empfiehlt Vermögensverwalter Philipp Grüebler die Titel chinesischer Streaming-Konkurrenten. Was diese attraktiv macht und warum auch beim Nikkei noch einiges drinliegt.

Von Julia Fritsche
am 20.10.2017

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Philipp Grüebler*: Die Märkte sind mit dem Abbau der Quantitativen Lockerung (QE) der Notenbanken beschäftigt. Die Fed hat dazu einen klaren Plan vorgelegt, der jedoch durch einen Führungswechsel beeinflusst werden könnte. In Europa wird das QE-Programm wohl noch länger laufen und etwas später terminiert werden. In der Schweiz hat Rudolf Bohli von RBR Capital Advisors einen Vorschlag zur Aufspaltung der Credit Suisse in die Medien gebracht. Allgemein wird dem Vorhaben wenig Chancen zugerechnet, da sein Paket zu klein und sein Plan zu unausgereift ist, denn das abgespaltene Investment Banking könnte selbstständig kaum überleben.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Die Firmen melden gute Gewinnzahlen für das dritte Quartal. Das dürfte die Schweizer Börse weiter antreiben, zumal die Aussichten durch das globale Wachstum weiterhin sehr positiv sind und die Zinsen in den kommenden Monaten auf tiefem Niveau verharren werden.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Der SMI wird aufgrund des guten Wirtschaftswachstums in den kommenden Monaten weiter zulegen. Das Tempo wird allerdings etwas gemächlicher als in den vergangenen Wochen sein. Der SMI dürfte sich in zwölf Monaten um 9800 Punkte bewegen.

Der Nikkei-Index hangelt sich von Rekord zu Rekord. Wo sehen Sie das vorläufige Ende dieses Hochs?
Der Nikkei hat sehr viel Nachholbedarf, da er in den vergangenen Jahren hinter anderen Börsen deutlich zurückgeblieben ist. Das Kursgewinnverhältnis japanischer Firmen ist im internationalen Vergleich immer noch tief. Japanische Firmen werden zusätzlich von der globalen Konjunktur profitieren und steigende Gewinne erzielen. Der Nikkei hat deshalb noch Potenzial, weshalb die Rallye in Japan fortfahren wird.

Streaming erhält immer grösseren Zulauf, das zeigen auch die jüngsten Netflix-Zahlen. Welche Titel sollten sich Anleger jetzt genauer ansehen?
Netflix, einziges Streaming-Pureplay und Marktführer, notiert zu Höchstkursen. Die Aktie vom Konkurrenten Amazon ist ähnlich teuer. Interessanter finde ich die chinesischen Internetriesen Alibaba (eCommerce), Baidu (Search Engine) und vor allem Tencent (WeChat & Mobile Gaming), die alle auch im Streaming aktiv sind. Sie sind teilweise innovativer als die westliche Konkurrenz und ihre Bewertungen sind aufgrund höherer Profitabilität tiefer.

Nach dem Nein zur Altersvorsorge 2020 könnte es eine Weile dauern, bis ein neuer Vorschlag aufdem Tisch ist. Wie können Schweizerinnen und Schweizer in der Zwischenzeit selbst vorsorgen?
Die Vorsorgesysteme stehen wegen der steigenden Lebenserwartung und der tiefen Zinsen vor enormen Problemen. Es ist daher für den Vorsorgenden wichtig, möglichst viel zur Seite zu legen und in der Anlagepolitik auf Wachstum zu setzen. Aktien sind damit der wichtigste Teil der Anlagestrategie. Allerdings muss der Anlagehorizont lange genug sein, um mögliche Kursdellen auszusitzen. Also möglichst früh und viel in Qualitätsaktien investieren. Bei anstehendem Liquiditätsbedarf muss jedoch das Risiko angepasst werden, um nicht im Tief verkaufen zu müssen.

Vor zehn Jahren nahm die Finanzkrise ihren Anfang. Welche Lektionen haben noch heute Gültigkeit?
Für eine Finanzblase mit anschliessender Krise braucht es stets einen grenzenlosen Optimismus, der zu massiven spekulativen Positionen auf Kredit führt. Fallen die Kurse, wollen alle Marktteilnehmer ihre Verluste begrenzen und verkaufen zur gleichen Zeit, worauf die Kurse ins Bodenlose stürzen. Es ist deshalb wichtig, dass die Marktteilnehmer nur begrenzt mit Hebel agieren. Konkret müssen beispielsweise Banken oder Hypothekarschuldner mit genügend Eigenkapital arbeiten, um ein Unglück zu vermeiden.

*Philipp Grüebler ist Portfolio Manager und Geschäftsführer der Grüebler Vermögensverwaltung AG. Bevor er im Jahr 2000 zur Grüebler Vermögensverwaltung AG stiess, arbeitete er bei UBS und Credit Suisse. 1995 schloss er das Betriebswirtschaftsstudium mit dem Lizenziat ab und 2000 den Chartered Finanicial Analyst (CFA).

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