Das ganze Jahr schon stehe ich allein da, mit meinem Unkenruf von rezessivem Wachstum in Deutschland im vierten Quartal 2014. Die Prognose stützt sich auf einfache Mathematik: Normalerweise besteht ein Lead/Lag von neun Monaten, bis tiefgreifende Änderungen in der Wirtschaftspolitik spürbar sind.

China entschied sich im November 2013, seine Wirtschaft weg vom nominellen Wachstum auf qualitatives Wachstum auszurichten. Der Anstoss dafür war die negative zweistellige Rendite von Chinas Investition in Kapazität. Ein grosser Teil dieser «Investition» in Kapazität kam aus Deutschland. Wie Australien war Deutschland nur leicht von der Finanzkrise betroffen, indem es seinen Exportanteil, der nach Asien und in erster Linie nach China geht, erhöhte.

Deutschland – Nullwachstum im vierten Quartal

Deutschland und seine Geschäftsleute schneiden in China am besten ab, wenn es um das Verständnis der chinesischen Kultur und um die Zusammenarbeit mit China geht. Trotzdem wird die makroökonomische Änderung Deutschland treffen. Mit der 9-Monate-Regel wird die grösste Wirkung diesen Juli/August gefühlt werden, auf der meine sehr schlechte Prognose von Null- oder sogar Negativwachstum für das vierte Quartal im Vergleich zum ersten Quartal aufbaut.

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Es gibt ein einfache Wechselbeziehung mit China: Der deutsche Import von China geht an den Aufbau der Exportfähigkeit – nun, da China Marktanteile verliert, wird auch Deutschland sein Exportvolumen sinken sehen. Auch Deutschland wird von Chinas beträchtlichen Änderungen der Makrowirtschaftspolitik betroffen sein. In keiner bestimmten Reihenfolge:

Bremsfaktoren für die deutsche Wirtschaft

-         Die teuerste Energiepolitik in Europa – weg von der Abhängigkeit von der Atomkraft in die weniger offensichtliche Abhängigkeit vom russischen Gas.

-         Ukrainische Krise. Gemäss dem Bundesverband Grosshandel, Aussenhandel, Dienstleistungen (BGA) tätigen etwa 6200 deutsche Unternehmen Geschäfte mit Russland.

-         Die anstehende chinesische Abwertung des CNY wird die chinesischen Importpreise bedeutend erhöhen.

Die neue (und alte) Regierung stellte durch ihre Energiepolitik sicher, dass Deutschland nun eines der teuersten Wohnländer ist, wenn es um den Stromverbrauch geht. In einigen Haushalten wird Elektrizität sogar als Luxus angesehen! Die Stilllegung der deutschen Atomindustrie wird die deutschen Energieunternehmen über 30 Milliarden Euro kosten. Was denken Sie, wer schlussendlich dafür zahlen muss? Genau, die Verbraucher und die Industrie.

Ausstieg aus der Atomenergie – Zerreissprobe für das Wachstum

Merkel und ihre Regierung machten nach der Fukushima-Katastrophe einen gravierenden strategischen Fehler. Sie entschieden, aus der Atomkraft auszusteigen und auf grüne Energie zu setzen. Europa und Deutschland verfügen jedoch nicht über genügend Energie. Die Energieknappheit ist Realität. Vergessen Sie nicht, dass alles, was Sie heute, morgen oder nächste Woche tun, Energie benötigt. Eine Energie, deren Produktion aus den bis anhin verwendeten Quellen Kohle, Öl und Gas immer teurer wird. Die Investition in grüne Energie macht Sinn, jedoch muss die zeitliche Kluft, bis sie sowohl profitabel als auch produktiv ist, überbrückt werden.

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Wieso den Wechsel zu grüner Energie bekannt geben, bevor in Alternativen investiert wurde und diese funktionstüchtig sind? Dies ist nicht nur ein schlechtes Geschäft, sondern möglicherweise der Anstoss für eine negative Zerreissprobe des deutschen Wachstums. Merkel und ihre Regierung scheinen zu denken, dass die Unabhängigkeit von der Atomkraft über die Abhängigkeit von Russland und dessen Gas zu stellen ist. Deutschland importiert nun 70 Prozent seiner Energie, davon über 25 Prozent aus Russland. Eine Abhängigkeit von Russland, wo Deutschland wenig oder keinen Einfluss hat, aber in Krisensituationen eine Geisel ist, wie dies im Moment der Fall ist.

Falsche Zielsetzungen und Versäumnisse

Diese falsche strategische Ausrichtung ist nun für alle sichtbar, nicht nur bei der Energie, sondern auch, was den Import und Export betrifft. Russland ist Deutschlands elftgrösster Exportpartner und der siebtgrösste Importmarkt. Der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft sagt, dass über 300'000 deutsche Arbeitsplätze vom Handel mit Russland betroffen sind. Die gesamte deutsche Investition in Russland übersteigt 20 Milliarden Euro, ohne die Bankdarlehen, bei denen deutsche und französische Banken wichtige Akteure sind.

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Schlussendlich verdient der deutsche Export die besten Noten und allen Respekt – aber die deutsche Industrie hat bei zwei wichtigen Punkten versagt: Bei der Bekämpfung des falsch gesetzten Ersatzes der grünen Energie und bei der Sicherstellung von genügend neuen Märkten ausserhalb Asiens, wo wir klar weniger Investitionen sehen werden sowie Abwertungen (beim Renminbi CNY) und eine Neuausrichtung, die längerfristig gut sein wird. Mittelfristig jedoch wird in den nächsten zwölf Monaten Deutschlands Wachstum, Export und Energie negativ überraschen.

Vielleicht ist es Zeit, dass Merkel und Deutschland auf Winston Churchill hören: «Alle machen Fehler, aber nur weise Männer (Frauen) lernen aus ihren Fehlern.»

Steen Jakobsen ist Chief Investment Officer bei der Saxo Bank A/S.