Der griechische Schuldenberg wurde im Frühling 2010 enthüllt. 2011 geriet die europäische Schuldenkrise unter dem Kürzel PIIGS in die Schlagzeilen. Nochmals ein Jahr später sah sich der Chef der europäischen Zentralbank, Mario Draghi, gezwungen, grobes Geschütz aufzufahren. Er versicherte, alles zu unternehmen, um den Euro zu bewahren. Dieser Draghi-Put hält bis heute.

Seither haben die negativen Schlagzeilen über die Euro-Zone stetig abgenommen, sie sind positiven Meldungen gewichen. So konnte zum Beispiel Portugal innerhalb von rund zwei Jahren einen spektakulären Renditerückgang der emittierten Staatsbonds von 18 Prozent auf 3,7 Prozent verzeichnen. Irland steht nach Inanspruchnahme eines Hilfspakets von 85 Milliarden Euro wieder auf eigenen Beinen. Das Sahnehäubchen setzte Griechenland auf, als das Land mit der Emission einer fünfjährigen Staatsobligation im Umfang von 3 Milliarden Euro zu unglaublich tiefen 4,95 Prozent wieder kapitalmarktfähig wurde.

Keine Wende im Euro-Raum – die Schulden steigen weiter

Ob so vielen guten Nachrichten aus den Finanzmärkten müsste man annehmen, dass sich in der Wirtschaft der Euro-Zone wirklich Grundlegendes zum Positiven gewendet hat. Dem ist leider nicht so. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall. So stieg in Spanien die Staatsverschuldung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung in den letzten gut zwei Jahren von 70 auf 94 Prozent. In Italien wuchs diese von 121 auf 132 Prozent und in Frankreich von 86 auf 94 Prozent. Schwerer als diese Vergangenheitsbetrachtung wiegt, dass die Schuldendynamik in vielen Ländern der Eurozone nach wie vor negativ ist. Nach unseren Berechnungen werden die Schulden im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung in diesem Jahr zum Beispiel in Spanien um 4,6 Prozent zunehmen.

Anzeige

Es ist unbestritten, dass in vielen Ländern der Euro-Zone Strukturreformen nötig sind. In dieser Hinsicht präsentiert sich ein differenziertes Bild. Zur Beurteilung der erzielten Ergebnisse bedienen wir uns der Entwicklung der Arbeitsstückkosten. In Griechenland sind diese seit Ende 2011 um 11 Prozent gefallen, in Spanien um 8 Prozent und in Portugal um rund 3 Prozent. In der gleichen Zeit sind die Arbeitsstückkosten aber in Frankreich um 5,5 Prozent und in Italien um 6 Prozent gestiegen.

Reformstau bleibt

Die Verbesserungspläne der neuen Ministerpräsidenten Matteo Renzi in Rom und Manuel Valls in Paris existieren bis jetzt nur auf dem Papier. Da Frankreich und Italien gegen liberale Wirtschaftsreformen notorisch resistent sind, ist es fraglich, ob diese je umgesetzt werden. In Deutschland rudert die grosse Koalition mit der Einführung von Mindestlohn, Mindestrente und Pensionierung ab 63 Jahren rückwärts. Die Arbeitsmarktreformen von Alt-Bundeskanzler Schröder, die sogenannte Agenda 2010, werden zunichte gemacht.  

Neben diesen eher düsteren Betrachtungen gibt es aber auch Lichtblicke. Einer davon ist das Wirtschaftswachstum. Während die Wirtschaftsleistung der Euro-Zone 2013 noch um 0,4 Prozent schrumpfte, wird sie vermutlich in diesem Jahr um mehr als 1 Prozent steigen. Es ist aber unrealistisch, anzunehmen, dass die Euro-Zone das Verschuldungsproblem über das Wirtschaftswachstum lösen kann.

Die Bankenunion kommt

Ein anderer Hoffnungsträger sind die Bestrebungen einer europäischen Bankenunion. Der erste Teil besteht aus der einheitlichen Überwachung der 128 systemrelevanten Banken der Euro-Zone durch die EZB. Die Prüfungen werden wahrscheinlich Kapitalunterdeckungen einzelner Banken zutage fördern, dürften insgesamt aber vertrauensbildend wirken. Dem zweiten Teil, einem einheitlichen Abwicklungsmechanismus für Banken, gingen harte Auseinandersetzungen zwischen dem europäischen Parlament und dem Ministerrat voraus. Schliesslich einigte man sich auf einen Kompromiss zwischen zentralen und dezentralen Gewalten. Trotz allen Mängeln gehen die Bemühungen um eine Bankenunion in die richtige Richtung.

Anzeige

Zusammenfassend halten wir fest, dass die markante Erholung der Obligationenmärkte der europäischen Peripherie dem Draghi-Put und der ungestümen Jagd nach Rendite geschuldet ist, dass sie losgelöst von fundamentalen Entwicklungen stattgefunden hat und kein grosses Potenzial mehr aufweist.     

Bruno Gisler ist Chefökonom der Vermögensverwaltung Aquila.