Mit einer zunehmend an Fahrt gewinnenden Wirtschaft sollte auch die Europäische Zentralbank (EZB) gefordert sein, eine allmähliche Kehrtwende ihrer seit längerem bestehenden unorthodoxen Zins- und Geldpolitik einzuläuten. Der Entscheid letzter Woche, die Bondzukäufe auf EUR 30 Milliar-den pro Monat zu drosseln, aber das Programm um weitere neun Monate zu verlängern, darf jedoch unweigerlich als «extra-expansiv» bezeichnet werden.Extreme Vorsicht lässt die Zentralbank jedoch walten bei ihrem Ausblick für Wirtschaft und Inflation – eher überraschend berücksichtigt man die länderübergreifenden positiven Wirtschaftstendenzen der letzten Quartale.

Diese «Extra-Spritze» tut gut! Zumindest wenn man sich die Entwicklung der Europäischen Aktien-märkte vor Augen führt. Die Höchststände von Anfangs Mai blieben bisher unerreicht, während US-Aktienmärkte fast täglich mit einem neuen Allzeithöchst frohlocken. Dies ist unter anderem auch dem starken Euro zu verdanken.

Auswirkungen des abschwächenden US-Dollars

Die Abschwächung des US-Dollars von 1.05 auf 1.20 gegenüber dem Euro innerhalb weniger Monate hat die EZB dazu bewogen, sogar Währungstendenzen explizit als Risikofaktor für die Inflationsentwicklung zu erwähnen. Kurzum: man will den Euro schwächer sehen – und eine expansive Geldpolitik bleibt die treibende Kraft, dies zu bewerkstelligen.

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Die aktuell extreme Positionierung der Investoren, die Euro gegenüber dem US-Dollar halten, ist nicht nur eine Wette gegen die EZB, sondern beinhaltet auch eine zunehmend ungläubige Haltung gegenüber der amerikanischen Notenbank. Ein immer kostspieligeres Unterfangen zieht man die markante Zinsdifferenz zu Gunsten des US-Dollars heran. Sollte die auf Expansion getrimmte amerikanische Wirtschafts- und Fiskalpolitik tatsächlich unerwartet Erfolge erzielen, darf man vom Dollar noch einiges mehr erwarten

Europäische Zykliker en vogue

Mit dem Geldhahn voll aufgedreht, der Währung entsprechend unter Druck und einer wachsenden Wirtschaft sind Zykliker die beste Wahl für gewinnbringende Anlagen. So etwa Europäische Indust-rieaktien und Zulieferer – ein Fokus kann zudem auf Exportunternehmen allgemein gelegt werden. Etwas gedämpft dürfte es jedoch bei den Banken zugehen – zumindest kurzfristig. Die Erwartungen für eine sich abzeichnende Normalisierung der Zinsen haben sich nicht bewahrheitet. Dies muss zuerst verdaut werden.

*Matthias Jenzer ist CIO von Vermögensverwalter Quilvest.