Gerade einmal zwei Jahre ist es her, da machten sich drei Anbieter daran, im Schweizer Markt ein Metatool für strukturierte Produkte zu etablieren. Auf einer solchen webbasierten Plattform lässt sich ein Zertifikat nach Mass aufsetzen. Dazu legt der Nutzer zunächst individuelle Parameter wie Gattung, Basiswert und Laufzeit fest. Im nächsten Schritt zeigt die Applikation die Konditionen der angeschlossenen Häuser. Aus diesen kann der Investor dann das attraktivste Produkt auswählen. Soweit die Theorie. In der Praxis ging mit Derivative.com zunächst nur ein Metatool in Betrieb. Zwei weitere Start-ups, Xi-One und Structuring Lab, strichen die Segel, ehe sie ihre Systeme so richtig hochgefahren hatten.

Dass der Dreikampf ausblieb, lag nicht zuletzt an Vontobel. Die Privatbank betreibt mit Deritrade seit 2008 eine eigene Plattform für massgeschneiderte Produkte. Was an sich nichts Besonders ist, denn mehrere Banken buhlen mit solchen Applikationen um Kunden. Allerdings ist Deritrade seit August 2012 auch für andere Emittenten zugänglich. Mit dieser Öffnung nahm Vontobel den bankenunabhängigen Lösungen mehr oder minder den Wind aus den Segeln.

Immer mehr Emittenten setzen auf Deritrade

Während mit Morgan Stanley, Société Générale und Deutscher Bank zunächst nur ausländische Institute andockten, ist den Zürchern jetzt ein Paukenschlag gelungen. In der vergangenen Woche hat die UBS angekündigt, sie werde ihre Produkte auch auf Deritrade anbieten. «Die Anbindung könnte Signalwirkung haben», meint Gerhard Meier, Head Multi Issuer Platform, bei Vontobel. Er kennt das Geschäft mit massgeschneiderten Produkten wie kein anderer. Vor seinem Wechsel zu Vontobel im vergangenen Jahr baute er für die UBS den «Equity Investor», eine der führenden Single-Issuer-Plattformen auf.

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Eine Öffnung im Stil von Deritrade hin zu einem Multi-Ansatz hält Meier für die «zweite Dimension» im Geschäft mit massgeschneiderten Produkten. Dadurch könne man die Kostenvorteile der Automatisierung des gesamten Emissionsprozesses mit dem Prinzip der besten Ausführung (Best-Execution) verbinden. Den Einwand, der Vontobel-Anwendung fehle es an Neutralität, lässt der Experte nicht gelten. Meier erklärt, Deritrade sei in eine separate Geschäftseinheit ausgegliedert. «Damit sich eine Multi-Issuer-Plattform wie die unsere als zentraler Marktplatz durchsetzen kann, muss sie zwingend emittentenneutral sein», betont er.

Auch Profianleger nutzen die Handelsplattform

Wie auch immer: Neben der Vollautomatisierung erfüllt Deritrade auch das zweite zentrale Erfolgskriterium: Ein grosser und kapitalstarker Nutzerkreis greift auf das System zu. Laut Vontobel handelt es sich dabei um rund 4000 Profianleger, die es zusammen auf Assets von mehr als einer Billion Franken bringen. Dieses Netzwerk dürfte für externe Emittenten ein ausschlaggebender Grund für eine Teilnahme sein. Das gilt auch für die UBS, obwohl diese aus der Anbindung keine grosse Sache macht. «Deritrade stellt einen weiteren Vertriebskanal dar», sagt Mediensprecherin Dominique Scheiwiller. Sie verweist darauf, dass schon jetzt externe Banken UBS-Produkte verkaufen.

«Während die Offerten bisher telefonisch übermittelt worden sind, läuft das auf Deritrade vollautomatisch», erklärt Scheiwiller den Unterschied. Alles andere als gelassen, dürften hingegen die Verantwortlichen bei Derivative.com die jüngste Entwicklung sehen. Auf Anfrage wollten sie sich nicht äussern. Zwei Jahre nach der Gründung sind zehn Banken an Derivative.com angeschlossen worden. Dazu zählen die heimischen Branchenvertreter ZKB, Sarasin und BCV. Das Manko: Mit der französischen Nataxis ist bisher nur ein Partner im Stande, vollautomatische Kurse zu stellen.

Gebühren unter Druck

Man darf gespannt sein, wie der Markt auf die Zusammenarbeit der beiden führenden Emittenten reagieren wird. Im Februar standen UBS und Vontobel zusammen für mehr als 60 Prozent des Börsenhandels mit strukturierten Produkten. Insofern ist es denkbar, dass nun weitere grosse Häuser nachziehen und sich ebenfalls an Deritrade anschliessen werden. Zumal die Plattform beim Betreiber eine hohe Priorität hat. Im Ausblick auf 2014 nennt das Vontobel-Management die Internationalisierung des Marktplatzes als ein zentrales Ziel der Investmentbanking-Sparte.

Neben Derivative.com könnte die SIX eine Leidtragende der Expansion sein. Zwar haben sich die Umsätze mit strukturierten Produkten in den vergangenen Monaten erholt, langfristig geht der Trend jedoch nach unten. 2013 gab die SIX mit einer Reduzierung der Gebühren bereits Gegensteuer. Gut möglich, dass die Börse weitere Massnahmen ergreifen wird, um ihre Position gegen konkurrierende Marktplätze zu behaupten.

Die Transparenz steigt, die Kosten fallen

Investoren kann diese Entwicklung nur Recht sein, da sie mehr Transparenz und weniger Kosten verspricht. Gerade bei strukturierten Anlageprodukten ist es mitunter sehr schwierig, die Konditionen im Sekundärmarkt zu vergleichen. Auch bei Neuemissionen müssen Struki-Fans die verschiedenen Offerten «per Hand» zusammentragen. Hingegen kann über eine Multi-Emittenten-Anwendung schnell und einfach die attraktivste Struktur ausgewählt werden. Vor diesem Hintergrund wäre es wünschenswert, wenn alle wichtigen Anbieter auf einem Metatool gefunden werden könnten.