Investmentprofis bedienen sich gern einer bildreichen Sprache, um die aktuelle Lage an den Kapitalmärkten zu beschreiben. So auch Anthony Doyle, Investmentstratege beim Fondsanbieter M&G Investments: «Die Anleihemärkte ähneln momentan einer Freakshow», stellte er am vergangenen Montag fest.

Wer sich die aktuellen Entwicklungen anschaue, müsse an Halloween keine Gruselfilme schauen, um sich zu ängstigen. Anleger seien im Laufe des Jahres bereits von Schulden, niedriger Inflation, nachlassendem Wirtschaftswachstum und negativen Anleiherenditen heimgesucht worden. «Besonders furchteinflössend ist die nach wie vor ultralockere Geldpolitik der Notenbanken», findet Doyle. Derzeit steige der Druck auf das Finanzsystem. Niemand wisse, wie die Verzerrungen wieder abgebaut werden könnten. Anleger seien verängstigt.

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Marktbeobachter warnen vor Schock

Das sind sie tatsächlich: «Viele Investoren fürchten derzeit einen Bondcrash», sagt Robert Greil, Chefstratege von Merck Finck. Das gilt nicht nur für Privatanleger: Immerhin 18 Prozent der professionellen Investoren bei Asset-Management-Gesellschaften, Banken und Versicherern fürchten, dass ein Anleihecrash bevorsteht, zeigt die aktuelle Fondsmanager-Umfrage der Bank of America Merrill Lynch

Marktbeobachter warnen schon seit Monaten immer wieder vor einem schlagartigen Schock an den Obligationenmärkten. Allen voran Bill Gross, Portfoliomanager bei Jupiter und auch als «Bondkönig» bekannt: Zuletzt meldete er sich im Sommer dieses Jahres zu Wort. Er verglich die Negativrenditen mancher Staatsanleihen mit einer «Supernova». Diese werde früher oder später explodieren. Jeffrey Gundlach, Chef der US-Investmentgesellschaft Doubleline Capital, sprach mit Blick auf die Entwicklungen am Anleihemarkt vor einem Monat von der «grössten Blase, die es je gegeben hat». 

Rasanter Preisverfall

Die Sorgen von Privatanlegern und professionellen Investoren sind nicht unberechtigt. Je schneller die Preise von Anlagen steigen, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass der spekulative Exzess irgendwann durch einen rasanten Preisverfall korrigiert wird. Und die Kurse vieler Staatsanleihen sind in den vergangenen Monaten besonders rasant gestiegen, die Renditen im Gegenzug immer weiter ins Minus gerutscht. 37 Prozent der Staatsanleihen aus den Industrieländern weisen inzwischen negative Renditen auf.

Wer jetzt in die vermeintlich sicheren Titel einsteigt und sie bis zur Fälligkeit behält, macht also sicher Verluste. Sollten die Zinsen steigen – und davon ist zumindest in den USA auszugehen – machen schmerzhafte Kursverluste die Titel zwischenzeitlich unverkäuflich. Auch eine anziehende Inflation könnte Bondinvestoren empfindlich treffen. «Wenn Inflation und Leitzinsen steigen, könnten Anleger hohe Verluste erleiden», sagt M&G-Stratege Doyle

Der Knall blieb aus

Das alles klingt bedrohlich. Fakt ist aber auch: Der ganz grosse Knall am Obligationenmarkt ist in den vergangenen Monaten ausgeblieben. Auch die aktuelle Diskussion um ein baldiges Platzen der Blase könnte sich als «viel Lärm um nichts» herausstellen. Denn die Kurs- und Renditeschwankungen sind derzeit gering. Zudem sind die Anleiherenditen zuletzt leicht angestiegen. «Wir befinden uns in der Phase der Normalisierung», sagt Chris Iggo, CIO Fixed Income bei Axa Investment Managers.

Auch andere Marktbeobachter geben für die nächste Zeit Entwarnung und erwarten keine grossen Turbulenzen. Zumal zumindest die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen noch eine Weile niedrig halten und über Anleihekäufe Geld in den Markt pumpen dürfte. Ein Platzen der Blase ist unwahrscheinlich. Vielmehr dürfte die Luft allmählich entweichen. Bis dahin sollten Anleger sich an Obligationen mit positiven Renditen halten und sich verstärkt nach Unternehmensanleihen oder hochverzinslichen Obligationen umsehen. Mit solchen Titeln lässt sich immerhin noch ein bisschen verdienen – Blase hin oder her.