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Ausblick
«Die Wirtschaft könnte kaum besser laufen»

«Märkte sind auf gute politische Nachrichten nicht angewiesen»
Börse: Kurz- und mittelfristig soll sich der SMI nicht gross bewegen.   Keystone

Weil die Weltwirtschaft brummt, sind die Börsen auf positive Nachrichten aus der Politik nicht angewiesen, ist Stephanie Lindeck überzeugt. Das erwartet die Julius-Bär-Ökonomin für die Aktienmärkte.

Von Julia Fritsche
2017-10-06

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Stephanie Lindeck*: Die Politik nimmt auch in dieser Woche viel Raum ein an den Finanzmärkten. Da wäre das Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien, welches den Anlegern Kopfzerbrechen bereitet. Nicht zuletzt, weil es auch die Sorgen um ein mögliches Auseinanderbrechen der EU neu befeuert. Das Risiko halten wir jedoch für gering und die möglichen Folgen einer Unabhängigkeit Kataloniens auf die Region respektive Spanien begrenzt. Im Gegensatz dazu ist die Politik in den USA schon wesentlich marktrelevanter. Die Vorstellung der Details zur geplanten US-Steuerreform letzte Woche hat neue Hoffnungen geregt und die Aktienmärkte beflügelt, nachdem die Erwartungen an die Trump-Regierung zuletzt an einem Tiefpunkt angelangt waren. Gute Chancen sehen wir insbesondere bei den Steuererleichterungen der von Unternehmen im Ausland parkierten Gewinne. Einen erfolgreichen Abschluss halten wir erst in 2018 für realistisch.

Ist das ein Problem?
Die gute Nachricht ist, die Aktienmärkte sind auf gute politische Nachrichten gar nicht angewiesen. Denn die Wirtschaft könnte kaum besser laufen und dies wird mindestens bis zum Jahreswechsel auch so bleiben. Gleichzeitig lässt der Inflationsdruck weiter auf sich warten. Befürchtungen, die Zentralbanken könnten allzu schnell ihre lockere Geldpolitik aufgeben, bleiben damit unbegründet. Zwar wird die Europäische Zentralbank (EZB) ihr Anleihenkaufprogramm allmählich drosseln und im Dezember steht eine US-Zinserhöhung durch die Federal Reserve an, aber die monetären Rahmenbedingungen für die Finanzmärkte sind auch dann noch grosszügig.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Kurzfristig, das heisst bis Jahresende, erwarten unsere Strategen des Equity Researchs eine Seitwärtsbewegung im SMI.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Auch hier erwarten wir nur eine Seitwärtsbewegung. Das Indexziel taxieren wir in 12 Monaten auf 9'200 Punkte.

Von welcher Branche sollten Anleger aktuell besser die Finger lassen?
Den Automobilsektor sollten Anleger zumindest untergewichten, da die Diskussionen um Diesel und CO2-Emissionen uns wohl noch eine Weile begleiten werden. Insbesondere in Deutschland dürfte das Thema in Zukunft nochmals an Brisanz gewinnen, wenn die Grünen wie erwartet mit in die Regierung einziehen.

Die Finma hat angekündigt, die Kapitalbeschaffung von Unternehmen über die Blockchain-Technologie unter die Lupe zu nehmen. Braucht es in diesem Bereich mehr und/oder andere Regelungen?
Um die Möglichkeiten dieser Technologie voll auszuschöpfen, aber auch um eventuellen Missbrauch vorzubeugen, wird es nicht unbedingt mehr aber neuer Regelungen bedürfen. Die Blockchain-Technologie steht weiterhin noch am Anfang der Innovationsphase. Bis die Technologie so weiterentwickelt sein wird, dass sie ihr Produktivitätsplateau erreicht, werden noch einige Jahre vergehen. Für die Gesetzgebung und die Regulatoren wird dies neue Herausforderungen schaffen. Deshalb ist es wichtig von Anfang an Schritt zu halten und die Regeln zusammen mit der Technologie auszuformen. Dann aber hat Blockchain sicherlich das Potenzial nicht nur die Finanzindustrie zu revolutionieren.

Was halten Sie vom möglichen Libor-Nachfolger Saron? Was würde sich dadurch ändern?
Kriegsentscheidend ist meiner Meinung nach nicht ob es sich bei dem Nachfolger um Saron, Sonia oder Eonia handelt. Wichtig ist, dass wir nicht aus Konvention an einem Referenzzinssatz festhalten, welcher sich in der Vergangenheit mehrfach als manipulierbar und damit als inadäquat herausgestellt hat. Der Übergang vom erwartungsgetriebenen und dementsprechend relativ willkürlichen Libor hin zu einem transaktionsgebunden Referenzzinssatz wie dem Saron erhöht die Transparenz und ist daher mehr als sinnvoll.

* Stephanie Lindeck ist seit 2012 als Ökonomin bei der Bank Julius Bär tätig. Zuvor arbeitete sie in verschiedenen Projekten und Positionen in der Abteilung für Angewandte Ökonometrie und Internationale Wirtschaftspolitik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt.

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