Die Entscheidung in der französischen Präsidentschaftswahl steht erst am Sonntag an, wenn der parteilose Sozialliberale Emmanuel Macron und die Rechtspopulistin Marine Le Pen in der Stichwahl gegeneinander antreten. Anleger liessen nach dem ersten Wahlgang Ende April aber schon einmal Korken knallen, nachdem Macron als klarer Favorit für die finale Runde im Präsidentschaftswahlkampf feststand: Am Tag nach den Wahlen kletterten mehrere europäische Aktienindizes nach oben, etwa der deutsche Leitindex Dax und der französische CAC 40. Auch der SMI startete mit einem dicken Plus in die Woche. Seitdem hält sich der Optimismus.

Zu den Gewinnern der Macron-Euphorie gehörten vor allem Bankaktien. Macron gilt als wirtschaftsfreundlicher Präsidentschaftskandidat. Das dürfte Anleger bewogen haben, verstärkt zu Titeln aus der Finanzbranche zu greifen. Der europäische Branchenindex Stoxx 600 Banks notierte am Freitag vor der Wahl bei 176 Euro, inzwischen steht er bei 185 Euro. Europäische Bankaktien hatten sich schon vor dem französischen Entscheidungstag allmählich zu erholen begonnen. Nun könnte die Hausse erst so richtig losgehen, erwarten Analysten. Anleger sollten Bankaktien aus Europa wieder stärker in den Blick nehmen. 

Höhere Anlagechancen

Finanzaktien galten in der jüngeren Vergangenheit eher als Schmuddelkinder der Börse. Europäische Geldhäuser verkündeten ständig schlechte Nachrichten, waren gebeutelt von Kapitalsorgen und mangelnder Profitabilität. Dazu kamen niedrige Zinsen und immer neue regulatorische Anforderungen, denen die Banken gerecht werden sollten. In Italien spielte sich gar – mal wieder – eine handfeste Bankenkrise ab: Mit der Banca Popolare di Vicenza und der Veneto Banca gerieten gleich zwei Bankhäuser in Bedrängnis und benötigen frisches Kapital, um zu überleben. Eine gesunde Bankenlandschaft sieht anders aus.

Nun sehen Analysten trotz allem Anlagechancen im europäischen Bankensektor. Jacques-Henri Gaulard, Analyst bei Kepler Chevreux, hat die Banken-Branche zuletzt von «Neutral» auf «Übergewichten» hochgestuft. Die Konjunkturbelebung in Europa, steigende Inflationserwartungen und weniger Zurückhaltung der Anleger nach der Frankreich-Wahl sollten den Valoren Auftrieb geben, erwartet er. Auch Jernej Omahen von Goldman Sachs blickt wieder positiv auf die Finanzbranche: Er hat vor allem die französische Bank BNP Paribas sowie die italienische Unicredit auf dem Zettel. 

Schweizer Institute wieder in Fahrt

In Deutschland haben nach Einschätzung von Marktbeobachtern die Deutsche Bank und die Commerzbank das meiste Kurspotenzial. Die französischen Institute Société Générale und Credit Agricole konnten nach dem ersten Wahlgang in ihrem Heimatland bereits Kurszuwächse verbuchen. Beide dürften weiter zulegen, wenn Emmanuel Macron sich in der Stichwahl am Sonntag wie erwartet durchsetzt. 

Valoren der beiden grössten Schweizer Institute UBS und Credit Suisse dürften nach Einschätzung von Analysten in der nächsten Zeit ebenfalls wieder Fahrt aufnehmen. Die UBS präsentierte jüngst für das erste Quartal des Jahres 2017 einen Reingewinn von 1,3 Milliarden Franken. Dieser lag deutlich über den Markterwartungen: Analysten waren nur von rund 900 Millionen Franken ausgegangen. Die Credit Suisse erzielte in den ersten drei Monaten des Jahres einen Gewinn von 596 Millionen Franken und konnte die Erwartungen damit ebenfalls übertreffen. 

Unterschiedliche Entwicklung

Neben positiven Konjunktursignalen und dem Kursaufschwung, der nach einer Wahl von Macron zu erwarten wäre, sprechen auch die derzeit niedrigen Bewertungen für den Kauf europäischer Bankaktien: Viele Titel sind etwa im Vergleich zu US-Bankvaloren günstig. Das verspricht Aufwärtspotenzial. Eines sollten Anleger bei Bank-Investments aber stets beachten: Europas Banken entwickeln sich sehr unterschiedlich, wie schon der Blick nach Italien zeigt. Deshalb sollten sie selektiv vorgehen.

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