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Europa
Druck beim Brexit steigt - was für Anleger wichtig ist

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Brexit: Die Verhandlungen in Brüssel laufen.Quelle: Keystone

Die Austrittsgespräche zwischen der EU und Grossbritannien ziehen sich hin. Doch die Unternehmen wollen rasche Klarheit. Was Anleger jetzt wissen müssen.

Von Carla Palm
2017-11-02

Am 23. Juni 2016 stimmten 52 Prozent der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union. Die Reaktionen an den Aktien- und Devisenmärkten waren heftig. Das britische Pfund und auch der Aktienleitindex FTSE 100 verloren teilweise mehr als 10 Prozent ihres Wertes.

Politisch ist die Situation seitdem festgefahren. Der Zwölf-Punkte-Austrittsplan von Premierministerin Theresa May, der den künftigen Handel, Recht und Soziales regeln soll, hängt seit Januar in der Luft. Nach der allgemeinen Unsicherheit im Land hat sich Resignation breitgemacht.

«Brexit ist kein Thema mehr»

Etwa in London. Die meisten Angestellten in der City haben kaum mehr Lust, über den Brexit zu reden: «Nach einem ersten Schock machen sich unsere Mitarbeiter mittlerweile keine Brexit-Sorgen mehr», sagt Rebecca, die einen grossen Coiffeur-Salon im Edelquartier Covent Garden leitet. In ihrem Team arbeiten Fachkräfte aus über zehn Nationen.

Auch unter den Hotelangestellten eines renommierten und traditionsreichen Hauses an der Regent Street ist der «Brexit kein Thema mehr», wie ein Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden möchte, erzählt. Ebenso verdreht der Taxifahrer beim Einsteigen in London-Paddington die Augen: «Jeder, der hier ankommt, fragt danach. Wir nehmen es einfach, wie es kommt», so seine fast schon fatalistische Einstellung.Anleger sollten indes zwei Szenarien im Auge behalten.

Kommt es zum sogenannten harten Brexit, also einem klaren Bruch mit der EU, bleibt das Pfund schwach, wovon der Aktienmarkt profitieren würde, so die Prognose von Analysten der Credit Suisse. Doch es könnte bis zu zehn Jahre dauern, bis die Bedingungen eines harten Brexit, inklusive Freihandelsabkommen, erarbeitet wären.

Aktien flop, Währung top

Einigen sich die EU und Grossbritannien jedoch auf einen weichen Brexit, mit dem Grossbritannien von der EU ähnliche Zugeständnisse erhalten würde wie etwa Norwegen, dann ist gemäss der Credit-Suisse-Analyse davon auszugehen, dass sich die Währung erholt und Aktien unter Druck kommen. Grossbritannien wäre in diesem Fall kein EU-Mitglied mehr, hätte aber vollen Zugang zum europäischen Binnenmarkt und müsste im Gegenzug zum EU-Haushalt beitragen. Genau das wollen die Briten aber auf jeden Fall vermeiden, wie die jüngsten Brexit-Verhandlungsrunden zeigen.

Denn auch nach der mittlerweile fünften Gesprächsrunde der Unterhändler der EU und Grossbritanniens im Oktober in Brüssel ging es nicht weiter. Am Ende landeten die Verhandlungen erneut in einer Sackgasse. «Wie erwartet ist Grossbritannien mit leeren Händen aus den Gesprächen herausgekommen», schreibt UBS-Wealthmanagement-Ökonom Dean Turner. Die Bemühungen von Premierministerin Theresa May, die Gespräche weiterzuziehen, seien auf taube Ohren gestossen, so sein Fazit.

Inflation bei 3 Prozent

Dabei geht es vor allem um viel Geld. Denn bei der Frage, wie viel Grossbritannien an die EU nach einem Austritt zahlen muss, liegen beide Seiten weit auseinander. Mays erste Offerte über 20 Milliarden Euro wies die EU zurück, was zum jetzigen Stillstand führte.

Dieser Zustand darf jedoch nicht ewig dauern. Die britische Wirtschaft harzt und die Inflation erreichte im September hohe 3 Prozent. UBS-Analyst Turner glaubt daher, dass ein Abkommen, das Grossbritannien nach März 2019 (dem voraussichtlichen Austrittsdatum) eine Übergangsregelung einräumt, in gegenseitigem Interesse ist. Das britische Pfund dürfte daher vorerst seitwärts tendieren.

Scheitern die Gespräche endgültig, könnte die Währung aber unter die Tiefstände von 2016 fallen.Doch nicht nur Anleger werden langsam unruhig. Es sind vor allem die britischen Unternehmen, die auf einen Deal innerhalb der nächsten Monate drängen. «Da die Unternehmen nicht mehr länger warten können, ist die britische Regierung stark unter Druck. Sie muss handeln», meint Mike Amey, Portfoliomanager in London bei der zur Allianz gehörenden Investmentgesellschaft Pimco.

Brexit-Bill ist das Nadelöhr

Für Grossbritannien ist die EU ein wichtiger Exportraum. 44 Prozent aller britischen Exporte gehen an ein EULand, gleich viel wie aus der Schweiz in die EU exportiert wird. Auch der Zugang der EU-Bürger zum britischen Arbeitsmarkt sollte schnellstmöglich geregelt werden.

Gut 2,4 Millionen Beschäftigte aus der EU arbeiten in Grossbritannien, die Mehrheit von ihnen kommt aus Polen und Irland. Die Frage ist, ob ihnen weiterhin erlaubt wird, in Grossbritannien zu leben und zu arbeiten, oder ob sie eine Arbeitserlaubnis beantragen müssen. Pimco-Manager Amey ist ebenfalls wie die Analysten der UBS der Meinung, dass ein Gelingen des Brexit an der Höhe der Zahlungen hängt, auf die sich EU und Grossbritannien einigen.

«Diese sogenannte Brexit-Bill ist das Nadelöhr, durch das alles hindurch muss», sagte er anlässlich einer Präsentation in London.Grosse Uneinigkeit herrsche etwa über langfristige Verbindlichkeiten, für die Grossbritannien auch noch Jahre nach dem Brexit aufkommen müsste, wie Pensionszahlungen. Sie dürften sich auf rund 10 Milliarden Euro belaufen. Ebenso will die EU Grossbritannien an ihren Budgetplanungen bis 2020 beteiligen, wofür 30 Milliarden Euro angerechnet werden könnten. In gleicher Höhe könnten Zahlungen für Projekte eingefordert werden, die noch nicht vollumfänglich budgetiert sind, etwa für Strukturfonds für Osteuropa.

Tiefes Pfund hilft

Grossbritannien ist hier der Meinung, nicht zahlen zu müssen, die EU sieht die Briten moralisch dazu verpflichtet. Amey glaubt, dass eine Lösung in Sicht kommt, falls in den nächsten sechs Monaten eine Annäherung der beiden Seiten möglich ist. Falls überhaupt kein Deal erreicht werde, dürften sich die Unternehmen aber nicht unmittelbar aus Grossbritannien zurückziehen.

«Doch sie werden sicher nicht mehr vor Ort reinvestieren», so seine Einschätzung. Das Wirtschaftswachstum würde dann deutlich zurückgehen.Für Anleger bleibt die britische Börse aber nach wie vor ein spannendes Parkett. Der FTSE 100 hat sich seit Juni 2016 gut erholt. Vor allem Titel aus dem Konsumgüterbereich wie Easyjet, Burberry Group und Diageo gewannen dieses Jahr an Fahrt. Ihnen half das tiefe Pfund.

Niedrige Bewertungen

Von einem sanften Brexit profitieren dürften die Aktien aus dem Finanzsektor. Anleger sollten die Titel der Bank HSBC und Royal Bank of Scotland im Blick haben, die zuletzt schon stark gestiegen sind. Ein harter Brexit könnte Unternehmen, die auf den Binnenmarkt fixiert sind, begünstigen.

Darüber hinaus sind im FTSE 100 Weltkonzerne wie BP und Unilever kotiert, bei denen noch Aufholpotenzial besteht und die auf Basis ihrer Kurs-Gewinn-Verhältnisse noch nicht zu teuer bewertet sind. Im Gesundheitsbereich bieten Astrazeneca Chancen und im Bereich Telekommunikation Vodafone. Beide gelten zudem als Übernahmekandidaten, was einen Einstieg für risikofähige Investoren interessant macht.

Für die Schweiz wird der Brexit ebenfalls nicht ohne Folgen bleiben. Im Oktober reisten die Parlamentarier nach London, um die wichtigen wirtschaftlichen Beziehungen zu pflegen: 2016 war das Vereinigte Königreich der drittwichtigste Absatzmarkt für Schweizer Warenexporte und der viertgrösste Herkunftsmarkt für Warenimporte.

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