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Durchbricht Europa endlich die Abwärtsspirale?

Frankfurt: Noch hinken die europäischen Börsen der Wirtschaftsentwicklung hinterher.  Keystone

Politische Risiken halten die europäischen Aktienmärkte in Atem. Welche Unternehmen nun aber von der stärkeren Wirtschaftsentwicklung profitieren dürften und was langfristigen Erfolg verspricht.

Von Tim Stevenson*
am 12.04.2017

In den letzten Jahren waren europäische Aktien wahrlich kein Investment, das man sich ins Depot legte und einfach vergass. 2015 stürzten sich Anleger aus allen Teilen der Welt auf europäische Aktien in der Hoffnung, dank der quantitativen Lockerung der Europäischen Zentralbank werde es zu der lang erwarteten Erholung kommen.

Anfang 2016 wurde jedoch zur Gewissheit, dass die Gewinne nicht so stark steigen würden wie erhofft. Daraufhin erlahmten die «Erholungswetten», Europas Märkte dümpelten vor sich hin und gingen dann auf Talfahrt, als die politischen Risiken mit dem Brexit-Votum und im Vorfeld der 2017 anstehenden Wahlen zunahmen.

Bei Ausverkauf europäischer Aktien übersahen Anleger völlig, dass sich die Wirtschaft in der Region ab Mitte 2016 tatsächlich endlich erholte. Seit Anfang des Jahres etabliert sich der Trend: Die Arbeitslosigkeit sinkt, es wird mehr investiert, die Konsumnachfrage ist hoch und die Regierungen haben den finanziellen Gürtel nicht mehr so eng geschnallt. Zudem wird für 2017 ein Gewinnwachstum der Unternehmen von rund 10 Prozent prognostiziert.

Politik – immer ein Grund zur Sorge

Dass es den europäischen Aktienmärkten nicht gelingt, die besseren Daten in eine ermutigendere Kursentwicklung umzumünzen, hat einen einfachen Grund: die Politik. Das überraschende Ja der Briten zum EU Austritt und die Wahl Donald Trumps in USA hat Investoren stark verunsichert. Erschwerend kommt die bei allen Beobachtern nachvollziehbare Nervosität vor den im April und Mai in Frankreich anstehenden Wahlen hinzu. Wir glauben indes nicht, dass die rechtspopulistische Kandidatin Marine Le Pen die Wahl gewinnen wird.

An den europäischen Märkten gab es eine massive Rotation aus guten Gründen: So war der Bergbausektor überverkauft und in China nach starken Stimulierungsmassnahmen eine Erholung erkennbar, während zugleich die Metallpreise kräftig anzogen. Die Ölpreise erholten sich, wovon Ölgesellschaften profitierten, die sich zuvor mit Kostensenkungen und Effizienzsteigerungen gegenseitig übertroffen hatten. Aktien von Zyklikern wie Atlas Copco sprangen in Erwartung steigender Gewinne auf augenscheinlich überzogene Kursniveaus.

Inzwischen aber sind viele Faktoren, die die Marktrotation am Laufen hielten, wohl in den Kursen eingepreist. Zu den teuersten Marktsegmenten gehören mittlerweile Maschinenbaufirmen. Die meisten Pharmaunternehmen dagegen hinken dem Markt deutlich hinterher.

Geduld – die wichtigste Tugend der Anleger

Ist damit Qualität der Bereich, in den die Marktteilnehmer als Nächstes umschichten werden? Nicht unbedingt. Erstens dürften Finanztitel dank stärkerer Wirtschaftsentwicklung, sinkender Kreditausfällen und steigenden Zinsmargen profitieren. Zweitens befinden sich Unternehmen aus den Bereichen Infrastruktur und Investitionsgüter am Beginn einer Phase der Gewinnerholung. Und drittens profitieren Unternehmen, welche niedrige Zinsen für Fusionen und Übernahmen nutzen werden.

Daher stellt sich unter dem Strich nicht die Frage nach «Growth» oder «Value» beziehungsweise Qualität oder Unberechenbarkeit. Jedem ist klar, dass weder Grossbritannien nach dem Brexit noch die USA wegen der von Trump beschlossenen Mauer oder Steuersenkungen schneller wachsen werden. Wahrscheinlicher ist, dass auch künftig die Weltwirtschaft langsamer wächst. Und in dieser Welt ist Geduld und der Fokus auf langfristige Gewinner gefragt: vielversprechende Unternehmen, die unabhängig von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wachsen können.

* Tim Stevenson, Director European Equities, Henderson Global Investors

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