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«Ein schwächerer Franken wird wahrscheinlicher»

«Ein schwächerer Franken wird wahrscheinlicher»
Frankenkurs: Eine schwächere Währung wäre ein Novum für Investoren. Keystone

Üblicherweise unterstützt eine schwächere Währung die Aktienmärkte. Für den SMI aber erwartet Aktienexperte Jacques Stauffer kaum Effekte. Wo Anleger Chancen finden und was die Autobranche bietet.

Von Julia Fritsche
2017-09-15

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Jacques E. Stauffer*: Nicht emotionale Themen, sondern Fakten und Zahlen bestimmen zurzeit das Geschehen an den Börsen. Denn während in der emotionalen Welt die Verunsicherung überwiegt, können die meisten konjunkturellen Fakten überzeugen. Darin begründen sich auch die neusten Höchststände der Indizes in den USA und die fulminante Entwicklung in den Emerging Markets, die wir im November 2016 frühzeitig antizipiert haben.

Aktuell beobachten wir das Prinzip «follow the sun» – mit einem kleinen Unterschied: Die Sonne ging zuerst in den USA auf. Und nachdem sie in Asien geschienen hat, wird sie sich in einigen Wochen wärmend um Europa kümmern, dann nämlich, wenn die Investoren zur Überzeugung gelangen, dass Europa aus der lähmenden Finanzkrise herausgefunden hat.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Die Schweizer Börse hat sich in den letzten Monaten seitwärts bewegt. Diese Entwicklung ist für die Sommermonate üblich, und es sollte ihr nicht mit Ungeduld und Verkäufen begegnet werden. Der Aktienmarkt ist nach wie vor resistent, unsere Risikoindikatoren zeigen eine tiefe Wahrscheinlichkeit für grössere Rückschläge an. Das herrschende Marktregime verspricht ein vorteilhaftes Rendite-Risiko-Verhältnis. Wie in unserem letzten Interview dargestellt, erwarten wir für das vierte Quartal 2017 am Schweizer Aktienmarkt ein erneutes Anziehen der Investorenaktivität und somit weitere Avancen gegen Jahresende.

Wo steht der SMI in 12 Monaten?
Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass der Franken zunehmend schwächer wird. Das wäre für Investoren in der Schweiz ein Novum. Eine Abschwächung der Währung unterstützt die Aktienmärkte üblicherweise via eine Wirtschaftsbelebung, doch für den Schweizer Markt hätte dies wegen dem hohen Anteil von ausländischen Investoren nicht den gleichen Effekt. Denn ausländische Investoren möchten nicht, dass Währungsverluste ihre Marktgewinne wegfressen. Im Schlepptau Europas könnte der SMI im besten Fall den alten Höchststand erreichen.   

Was ist Ihr Top-Tipp für das zweite Halbjahr 2017?
Nach einer langjährigen Durststrecke haben sich Unternehmen aus Cleantech und Clean Energy von ihren Tiefständen abgesetzt. Wir glauben an eine fundamental veränderte Ausgangslage für diese Industrie. Das Umdenken von Regierungen, Firmen und eines immer grösser werdenden Teils der Bevölkerung führte bei vielen Unternehmen trotz grosser Konkurrenz zu einer ausgezeichneten Auftragslage. Die entsprechenden Technologien sind viel effizienter geworden, und die technologischen Leader dieser vielfältigen Branchen dürften eine profitable Zukunft vor sich haben. Dies mitunter zu Lasten der traditionellen Erdöl- und Automobilindustrie.

An der IAA präsentieren die Autobauer ihre Neuheiten. Welches Unternehmen ist börsentechnisch am besten in Schuss?
Die Autoindustrie testet den vollständigen Wandel: Selbstfahrende Autos, Elektromobilität, neuste Verkehrstechnologien, Sharing-Modelle und der sich wandelnde öffentliche Verkehr sind disruptive Themen. Es würde uns nicht erstaunen, wenn traditionelle Autobauer künftig nur noch ihr eigenes Schicksal verwalten und stattdessen neue, visionäre Unternehmen das Zepter übernehmen. Die Neuheiten der «Alten» an der IAA sollten deshalb für langfristige Investoren kein Grund für ein Investment sein. Sie sollten vielmehr nach innovativen Unternehmen ohne veraltete technologische Vergangenheit Ausschau halten. Der exorbitante Preis von Tesla antizipiert das vorhandene Potential dieser Branche auf eindrückliche Art und Weise.

Was erwarten Sie von der US-Notenbank am nächsten Mittwoch?
Wir erwarten einen weiteren Zinsschritt der US-Notenbank, dies als Bestätigung einer anziehenden Konjunktur mit einem nur leicht höheren zukünftigen Zinsniveau.

Deutschland wählt Ende September den neuen Bundestag. Welches Resultat würde den Börsen am meisten zusetzen?
Wie auch immer Deutschland wählt, die Aktienmärkte werden das Resultat vorteilhaft interpretieren. Ganz nach dem Motto: Die Kontinuität ist gewährleistet, die Unsicherheit ist abgewendet, das Bewährte hat Bestand, und die europäische Idee ist gestärkt. Die Wahrscheinlichkeit einer positiven Börsenentwicklung ist hoch, aber ein Restrisiko bleibt.

* Jacques E. Stauffer ist Gründungspartner und CEO beim Vermögensverwalter Parsumo Capital AG. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Vermögensverwaltung und in der Beratung institutioneller und privater Anleger, unter anderem bei der Credit Suisse.

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