Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Renato Flückiger*: Die Weltwirtschaft ist daran, sich nachhaltig zu erholen. Erstmals seit Jahren hat der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Prognosen zum globalen Wirtschaftswachstum erhöht, und zwar auf 3,5 Prozent. Auch das Gewinnwachstum der Unternehmen verbessert sich und die Analysten erhöhen ihre Gewinnschätzungen. Der erste Wahlausgang in Frankreich sorgte für eine zusätzliche Erleichterung: Auf die Trump- folgte die Macron-Rally. Das Augenmerk richtet sich nun auf die künftige Geldpolitik der USA, die Entwicklung der harten Wirtschaftszahlen, die Gewinnausweise der Unternehmen und auf die politischen Spannungen um Nordkorea.

Finanzinvestoren reagierten euphorisch auf den Sieg von Emmanuel Macron bei der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahl. Welche Chancen bietet dies Anlegern für die zweite Runde?
Gemäss Umfragen dürfte sich Emmanuel Macron in der Stichwahl relativ deutlich durchsetzen. Sollte das eintreffen, dürfte die Macron-Rally weitergehen und insbesondere den europäischen Aktienmärkten einen zusätzlichen Gewinnsprung verleihen. Zudem würde die Zinsdifferenz zwischen französischen und deutschen Staatsanleihen weiter schrumpfen. Eine Wahl von Marine Le Pen hätte negative Folgen für die europäischen Börsen und der Euro würde sich deutlich abschwächen. Aber ich denke auch bei diesem Szenario dürften sich die Finanzmärkte nach wenigen Tagen wieder beruhigen. Das gäbe für Anleger interessante Einstiegsmöglichkeiten, um solide Large Caps zuzukaufen oder aufgrund der hohen Volatilität Put-Optionen zu verschreiben.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Der SMI hat die Marke von 8700 Punkten überschritten und peilt nun das Niveau von 9000 Punkten an. Ich erwarte bei dieser Grenze aber einiges an Widerstand. Nach den Kursavancen der letzten Tage wird es nun wohl zu einer Konsolidierung kommen. Zudem kommen bald die saisonbedingt eher schwachen Sommermonate.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Der SMI hat in den ersten Monaten dieses Jahres bereits über 7 Prozent zugelegt. Trotzdem bin ich aufgrund der robusten Konjunkturaussichten und der soliden Gewinnerwartungen zuversichtlich. Der Schweizer Aktienmarkt kann in den nächsten 12 Monaten durchaus das Allzeithoch von rund 9500 Punkten erreichen.

Von welchem Titel sollten Schweizer Anleger momentan die Finger lassen?
Wir empfehlen unseren Kunden in den Industriewerten, die sich in den letzten sechs Monaten überdurchschnittlich entwickelt haben, einen Teil der Gewinne zu realisieren. Zwar weiterhin im jeweiligen Titel investiert bleiben, aber Gewinn mitnehmen. Sollten sich die Märkte konsolidieren oder abschwächen, erwarte ich in diesen High-Flyern stärkeres Korrekturpotenzial nach unten. Zu diesen Werten gehören unter anderen VAT Group (+47 Prozent), Inficon (+45 Prozent), Bobst (+40 Prozent), Bossard (+38 Prozent), Sika (+30 Prozent) und Comet (+28 Prozent).

Anfang Mai wird Lonza Actelion im SMI ersetzen, kann dies den Kurs des Pharma-Zulieferers antreiben?
Tendenziell ja. Aber es gibt durchaus auch Bremsfaktoren. Erstens ist die Aktie mit einem geschätzten Kursgewinnverhältnis 2017 von rund 22x bereits hoch bewertet. Zum Vergleich erreichen Roche und Novartis ein KGV von circa 16x. Zweitens werden sich die Schweizer Small- und Midcap-Fonds mittelfristig von Lonza-Aktien trennen. Und drittens wird es noch eine Aktienkapitalerhöhung für den Kauf der Firma Capsugel geben.

Wie geht es weiter mit dem Franken?
Die jüngsten politischen Entscheide haben der SNB unter die Arme gegriffen. Mit den Pro-EU-Wahlergebnissen hat sich der Schweizer Franken insbesondere gegenüber dem Euro deutlich abgeschwächt. Dies reduziert den Druck auf die Nationalbank, an den Devisenmärkten intensiv gegen einen zu starken Franken intervenieren zu müssen. Ich rechne gegenüber dem Euro mit einer Seitwärtsbewegung der Frankens im Bereich 1.08 bis 1.10.

*Renato Flückiger ist seit August 2012 CIO der Bank Valiant in Bern. Zuvor war der Betriebsökonom bei der Grossbank UBS in verschiedenen Funktionen tätig. Renato Flückiger hat an der Fachhochschule in Bern studiert und besitzt zudem das Diplom des Chartered Financial Analyst.

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