Was ist ein «Tipping Point» – ein Wendepunkt? Er definiert den Moment, in dem eine klitzekleine Änderung, eine Reihe unbedeutend scheinender Ereignisse oder kleiner Veränderungen, zu einer grösseren, wichtigeren Wendung führt. In unserer so schnelllebigen Welt ist es nur allzu leicht, im täglichen Lärm unterzugehen, ohne sich die Zeit zu nehmen, genauer hinzuschauen, aufzunehmen, zu analysieren, um das grosse Ganze zu erkennen.

Da kann man den einen oder anderen Hinweis schon einmal übersehen. Das gilt auch für die aktuellen Einflüsse bei Schwellenländer-Bonds: Blickt man auf das Wachstum des Segments mit aktuell über 80 Milliarden US-Dollar pro Jahr zurück, kann man beobachten, wie dieser Markt erwachsen wird. Nachfolgend drei mögliche Ursachen für einen Wendepunkt bei Schwellenmarkt-Anleihen:

1. Nur wenige verkaufen festverzinsliche Anlagen

Gravierende Veränderungen bei den Regularien für Versicherungen und Pensionskassen haben zu einmaligen Änderungen der Asset-Allocation-Muster geführt. Versicherungsgesellschaften halten inzwischen den höchsten Anteil ihres Vermögens in Obligationen, den niedrigsten Anteil in Aktien.

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Im Wesentlichen existieren nur wenige Verkäufer von Obligationen, und diese kommen überwiegend aus dem Retailbereich. Die «grosse Rotation» weg von Bonds hin zu Aktien wird wohl nur allmählich erfolgen.

2. Renditen werden in einem breiteren Spektrum gesucht

Das Universum der Schwellenmarkt-Bonds hat sich durchaus verbreitert. Es wird schon lange nicht mehr von US-Dollar-Obligationen dominiert. Inländische Investoren haben deutlich an Bedeutung gewonnen.

Emissionen von Titeln in Landeswährung übersteigen jetzt bei weitem das Emissionsvolumen von Hartwährungsanleihen. Darüber hinaus steigt das Emissionsvolumen von Unternehmensanleihen stark an.

3. Schwellenländer mit besserer Schuldendynamik

Gleichzeitig verfolgen viele Emerging-Market-Länder kohärente, sinnvolle finanzpolitische Programme – mit dem Ergebnis, dass sowohl Schuldenstand als auch Fluss des Schuldenerhöhungen wesentlich niedriger sind als in vielen entwickelten Ländern. Das ist eine sehr positive Entwicklung.

All diese Veränderungen und Einflüsse sind potenzielle Verursacher des Wendepunktes. Am wahrscheinlichsten ist, dass alle Einflüsse in Kombination zum Wendepunkt führten. Es zeigt ein gewisses Mass an Reife, dass Investoren sich jetzt die Zeit nehmen, um wirklich hinter jedes Wirtschaftssystem der Schwellenländer zu schauen und jedes unabhängig zu beurteilen. Wenn man das hinsichtlich der Wendepunkt-Theorie bedenkt, ist eine positive Zukunft mit grösserer Stärke und Unabhängigkeit der Schwellenländer sicher nicht mehr weit entfernt.

Brett Diment, Head of Emerging Market and Sovereign Debt, Aberdeen Asset Management