Das nennt man Outperformance: In einer seit mehr als fünf Jahren laufenden Hausse gewannen europäische Chemieaktien 160 Prozent an Wert. Damit schnitt der STOXX-Europe-600-Chemicals-Index um 60 Prozentpunkte besser ab als der breite Markt. Insofern konnte dieser Wirtschaftszweig seinen zyklischen Charakter einmal mehr unter Beweis stellen. Im Moment ist die alte Dynamik jedoch erlahmt. Während der breite STOXX Europe 600 im bisherigen Jahresverlauf um knapp 5 Prozent im Plus liegt, tritt der Chemiesektor auf der Stelle.

Der Favoritenwechsel kommt nicht von ungefähr. Im ersten Halbjahr nahmen viele Analysten ihre Gewinnschätzungen für den Sektor zurück. Konkret gab der 2014er-Konsens für den STOXX Europe 600 Chemicals um knapp 6 Prozent nach. Auch mit Blick auf die folgenden zwei Jahre setzten die Experten überwiegend den Rotstift an. Ein Grund für die negative Revision sind Währungseinflüsse. Schliesslich blieb der Euro gegenüber wichtigen Devisen wie dem US-Dollar oder dem japanischen Yen im 2014 in seinem Aufwärtstrend. Einen ähnlichen Verlauf zeigte bis vor kurzem auch der Schweizer Franken.

EMS im Höhenflug

Diese Entwicklung hinterlässt in den Semesterberichten deutliche Spuren. Beispiel BASF: Im zweiten Quartal drückte der starke Euro den Konzernumsatz um 4 Prozent nach unten. Immerhin gelang es dem Branchenprimus, den bereinigten Betriebsgewinn um 12 Prozent auf 2,1 Milliarden Euro zu steigern. Damit lag BASF im Rahmen der Analystenerwartungen. Obwohl der Konzern gleichzeitig die Prognose für 2014 bestätigte, konnte die Zahlenvorlage den kurzfristigen Abwärtstrend des DAX-Mitglieds nicht stoppen.

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Hingegen erntete Ems-Chemie für ihren jüngsten Semesterbericht jede Menge Applaus. Der heimische Branchenvertreter markierte bei 412.25 Franken ein weiteres Top. Dank florierender Geschäfte mit der Autoindustrie steigerte Ems-Chemie den Umsatz im ersten Halbjahr um 4,8 Prozent auf 999 Millionen Franken. Der Fahrzeugsektor, den das Unternehmen mit innovativen Kunststoffprodukten beliefert, ist mittlerweile für nahezu 60 Prozent des Verkaufsvolumens verantwortlich.

Hohe Margen im Fahrzeugsektor

Ein profitables Geschäft, wie der Anstieg der operativen Marge um 2,3 Prozentpunkte auf 21,5 Prozent zeigt. Konzernchefin Magdalena Martullo sieht auch für die zweite Jahreshälfte ein freundliches Konjunkturumfeld. Für 2014 prognostiziert sie einen leichten Umsatzanstieg. Gleichzeitig soll das Betriebsergebnis leicht überproportional vorankommen. Angesichts der starken Semesterzahlen wirkt diese Guidance konservativ. Möglicherweise wird Martullo die Messlatte in den kommenden Monaten noch höher setzen.

Mit Givaudan hat ein weiteres Indexmitglied aus der Schweiz den STOXX Europe 600 Chemicals im bisherigen Jahresverlauf weit abgehängt. Die Aktie des Duftstoffe- und Aromenherstellers verteuerte sich seit Dezember um mehr als 15 Prozent. Dabei hatte das Unternehmen im ersten Halbjahr mit starken negativen Währungseffekten zu kämpfen. Während das SMI-Mitglied den Umsatz unter Ausschluss von Wechselkurseinflüssen um 4,5 Prozent steigerte, gaben die tatsächlich verbuchten Erlöse um 1,5 Prozent nach.

Givaudan – Parfüme und Schwellenländer bringen Wachstum

Gleichwohl erzielte Givaudan ein Gewinnwachstum von 12,6 Prozent auf 305 Millionen Franken. Damit lag der Konzern deutlich über den Analystenerwartungen. Rückenwind bekommt Givaudan vor allem aus den Schwellenländern. Dort greifen die Menschen immer öfter zu Snacks, Fertiggerichten oder zu Süsswaren, was einen steigenden Aromenbedarf nach sich zieht. Bei den Riechstoffen entpuppen sich Düfte für Luxusparfüms als ein Wachstumstreiber. Das Management bekräftigte die mittelfristigen Ziele. Sie beinhalten unter anderem eine organische Umsatzsteigerung von jährlich 4,5 bis 5,5 Prozent. Dabei unterstellt die Unternehmensführung ein Marktwachstum zwischen 2 und 3 Prozent.

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Hinsichtlich Dollarkurs zeigt sich Clariant zuversichtlich. «Da wir mit einem Abklingen der negativen Wechselkurseffekte rechnen, können wir dank unseres starken Portfolios vorsichtig optimistisch ins zweite Halbjahr blicken», sagte CEO Hariolf Kottmann. Von April bis Juni hatte der starke Franken noch dazu geführt, dass der Konzern trotz eines organischen Wachstums von 6 Prozent rückläufige Umsätze verbuchen musste. Dennoch lag das Zahlenbündel insgesamt im Rahmen der Erwartungen.

Clariant – Umsatz und Marge sollen steigen

An der Prognose für das Gesamtjahr hält Kottmann fest. In lokalen Währungen soll der Umsatz im niedrigen bis mittleren einstelligen Bereich wachsen. Gleichzeitig strebt der Top-Manager eine Verbesserung der aus dem Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) resultierenden Marge an. Auch mittelfristig gibt sich Kottmann ehrgeizig. Clariant soll sich in der Spitzengruppe der Spezialchemieunternehmen positionieren. Der CEO macht dieses Ziel unter anderem an einer Ebitda-Marge vor Einmaleffekten von 16 bis 19 Prozent fest. Zum Vergleich: Im ersten Halbjahr lag die Kennzahl bei 14 Prozent.

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Der Ukraine-Konflikt sorgt bei der BASF-Aktie momentan für Verunsicherung. Die Tochter Wintershall möchte ihr Gashandels- und Gasspeichergeschäft vollständig an Gazprom abgeben. Im Gegenzug erhalten die Deutschen vom russischen Energieriesen weitere Anteile an Gasreserven in Sibirien. Zwar hat sich der Vollzug der Transaktion in den Herbst verschoben, Mutmassungen, wonach die Politik Einfluss auf den Deal nehmen könnte, weist BASF-Chef Kurt Bock jedoch entschieden zurück. Vor diesem Hintergrund könnte die aktuelle Kursschwäche – gerade für Konjunkturoptimisten – eine Einstiegschance darstellen.

«Nischen-Chemie mit Wow-Effekt» – so titelte J. Safra Sarasin kürzlich eine Studie zum heimischen Mid Cap. Analystin Ute Haibach sieht das Unternehmen als Profiteur wichtiger Zukunftstrends. Sie verweist dabei vor allem auf den zunehmenden Austausch von Metallbauteilen durch Hochleistungs-Polymere, auf strenge Umweltauflagen sowie auf eine dynamisch wachsende Nachfrage aus den Emerging Markets. «Die Bewertung ist jedoch stattlich», stellt die Expertin fest, weshalb es für die Aktie nur zu einer «Halten»-Empfehlung reicht.

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Nach dem jüngsten Höhenflug ist der SMI-Titel nicht mehr günstig. Auf Basis der Gewinnschätzungen für 2015 liegt das KGV laut Reuters bei 21,2. Die Analysten der Credit Suisse trauen dem Duftstoffe- und Aromenspezialisten dennoch weitere Avancen zu. Nach der Vorlage der Halbjahreszahlen bestätigten sie das Rating «Outperform» und erhöhten das Kursziel auf 1555 Franken. Das Analysehaus Nomura sieht den Blue Chip sogar bei 1600 Franken.

Im ersten Halbjahr verbuchte der Spezialchemiekonzern in allen vier Geschäftsbereichen eine solide Entwicklung. Besonders gut liefen die Geschäfte im Öl- und Minensektor. Aus regionaler Sicht erwirtschaftet Clariant vor allem in den Schwellenländern ein hohes Volumenwachstum. Beispielsweise legte der Umsatz – in Lokalwährungen – in Lateinamerika um 13 Prozent zu. In Europa schrumpfte das Geschäft hingegen im zweiten Quartal. Bei 17 Franken hat die Aktie eine starke Unterstützung. Möglicherweise dreht der Kurs von hier, wie schon mehrmals in diesem Jahr, jetzt wieder nach oben.

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