1. Home
  2. Invest
  3. «Entscheidend ist, dass sie bei den Trends dabei sind»

Interview
«Entscheidend ist, dass sie bei den Trends dabei sind»

Fabrik von Bobst. Der Verpackungsmaschinenhersteller ist ein Schweizer Vorzeigeunternehmen.

Marc Possa über den Vorteil kleiner Werte, darüber, warum er niemals Bankaktien kaufen würde und über seinen Konjunkturausblick.

Von Tim Höfinghoff
am 29.09.2016

Herr Possa, warum schneiden die Schweizer Small- und Midcap-Werte dieses Jahr besser ab als die klassischen SMI-Titel?
Marc Possa*: Die Schweizer Klein- und Nebenwerte schlagen generell die Blue Chips, auf Jahressicht ist die Kursentwicklung durchschnittlich um 3 bis 5 Prozent besser. Wenn es zudem zu einer Situation wie derzeit kommt, in der die Notenbanken mit ihrem billigen Geld für steigende Aktienkurse sorgen, fliesst natürlich zusätzlich Kapital in die Nebenwerte, nachdem die Anleger zuvor stark auf SMI-Titel gesetzt haben.

Ist der Kursanstieg bei den kleineren Werten nachhaltig oder nur über kurzfristiges Anlegerinteresse erfolgt?
Ich glaube, dass der Anstieg nachhaltig ist, denn die kleineren Firmen wachsen strukturell stärker als die grossen. Sie haben auch solidere Bilanzen, weil sie in der Regel weniger verschuldet sind. Eine höhere Bewertung dieser Titel ist im Vergleich zur Bewertung von SMI-Titeln also gerechtfertigt. Daher glaube ich, dass die Rally bei den kleineren Werten noch nicht vorbei ist.

Ist der Kauf von SMI-Titeln noch sinnvoll, wenn die Kleinen stets besser sind?
Viele Anleger haben SMI-Titel, weil sie als bekannt und liquide gelten. Das heisst, Investoren können schnell in einem grossen Stil ein- und aussteigen. Es ist sinnvoll, in einem Portfolio SMI-Titel zu haben und kleinere Werte hinzuzufügen, auch wenn dieser Markt etwas weniger liquide ist.

Welche kleineren Werte meinen Sie?
Da gibt es etwa den Logistikkonzern Also und den Verpackungsmaschinen-Hersteller Bobst, aber auch viele andere. Entscheidend ist, dass sie bei den Megatrends dabei sind, bezüglich Kommunikation, Mobilität, Regulierung und Elektrifizierung. Ohne die Technik vieler kleiner Firmen würde sich kein Flugzeug und kein Auto bewegen. Klar, es braucht auch Titel wie Nestlé, die ein defensives Geschäftsmodell haben und solide wachsen, aber solche defensiven Titel wachsen mit den Volkswirtschaften. Die kleinen Werte haben zudem strukturelle Treiber wie diese Megatrends, von denen sie profitieren.

Sind diese Branchen primär industriell geprägt?
Sie sind eher industriell geprägt, weil dort derzeit die grössten Herausforderungen bestehen. Alles muss kleiner, schneller und leistungsfähiger werden. Es sind die Industrieunternehmen, die diesen Wandel ermöglichen. Das ist wie im Goldrausch - da musste man nicht Gold finden, sondern Schaufeln verkaufen. Heute, wo das «Internet of everything» grosse Bedürfnisse auslöst, werden diese durch solche Industriefirmen befriedigt, beziehungsweise ermöglicht. Dabei sind Schweizer, aber auch nordeuropäische Nebenwerte klare Marktführer, die Marktanteile von teilweise mehr als 50 Prozent haben. Solche Firmen haben auch eine nicht allzu grosse Konkurrenz von Anbietern wie ABB, Siemens und Co. – für solche sind diese Nischen nicht attraktiv genug. Die Kleinen können gut in ihren Nischen wachsen und bessere Margen erzielen. Allerdings besteht auch die Möglichkeit, dass sie eines Tages von einem Grosskonzern übernommen werden.

Gibt es Branchen, die Sie als Fondsanbieter meiden?
Seien es Biotech, Banken, Versicherungen oder Versorger: Da machen wir nicht mit. Wir setzen lieber auf solide, sich selbstfinanzierende Geschäftsmodelle - dann fällt bei der Auswahl vieles weg. Wichtig ist, unternehmerisch gut geführte Firmen zu finden, die Geduld haben und das Verständnis von Zyklen, und nicht von einem Quartal ins nächste zu springen. Auch staatliche Eigner sind schlecht für eine Firma, daher haben wir keine Stromgesellschaften im Portfolio. Ich würde ausserdem niemals Grossbankaktien kaufen. Wenn es dort gut läuft, hat das Management ein Interesse daran, einen grossen Teil des Mehrwerts für sich zu behalten, dann kommen die Steuern hinzu, und was für den Anleger bleibt, ist nur ein kleiner Beitrag, der uninteressant ist.

Wie stark verzerren Sie den Markt, wenn Sie als Anleger in einem grossen Stil in kleine Werte investieren?
Dass der Markt etwas kleiner ist, gehört eben dazu. Wenn man klar kommuniziert gegenüber den Fondsanteilkäufern, dass sie wegen der Illiquidität bisweilen etwas Geduld mitbringen müssen, dann ist das auch kein Problem. Ein Problem ist hingegen, dass es sich viele Anleger nicht mehr gewohnt sind, sich abseits von einem Index zu bewegen und dass sie bei der Geldanlage nur noch das abbilden, was ein Börsenindex vorgibt. Das hat meiner Ansicht nach nichts mit Investieren zu tun. Es ist wichtig, den Mut zur Lücke zu haben.

Inwiefern versuchen Sie, Einfluss auf die Firmen zu nehmen, in die Sie investieren?
Wir sind unabhängig und langfristig orientiert und wollen dem Verwaltungsrat einer Firma nicht eine neue Strategie aufzwingen. Eher versuchen wir, gewisse Ideen im direkten Gespräch einzubringen. Nur, wenn eine Firmenführung sehr stur ist, gehen wir auch mal zur Generalversammlung und bringen uns öffentlich ein. Das ist aber die Ausnahme. Wir suchen eher konstruktive Lösungen mit den Unternehmensführern.Der Konjunkturausblick, sowohl weltweit als auch für Europa, sieht nicht allzu gut aus.

Welche Folgen hat das für die kleinen und mittelgrossen Aktienwerte?
Der Ausblick der Weltkonjunktur ist für die Werte, die wir wählen, etwas weniger von Bedeutung. Entscheidend bleibt, ob sie bei den Megatrends strukturell mit dabei sind. Die Weltinfrastruktur muss verbessert werden, die Welt will mehr Elektrofahrzeuge. In diesen Märkten ist die Schweiz schon sehr gut aufgestellt und wird weiter eine positive Rolle spielen.

Und wenn die Zinsen steigen? Droht kleineren Firmen Unheil?
Sollten die Zinsen steigen, verändern sich natürlich die Bewertungsmassstäbe der Unternehmen, zum Beispiel das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Die Zinsen werden allerdings nur steigen, wenn es der Weltwirtschaft besser geht, wovon die Unternehmen wiederum profitieren. Davon sind wir aber noch weit entfernt. Hinzu kommt: Derzeit ist die Tragfähigkeit des gesamten ökonomischen Systems nicht für steigende Zinsen ausgelegt. Kein Wunder, dass die Notenbanken, allen voran in den USA, alles daran setzen, für mehr Wachstum zu sorgen und eine höhere Inflation zu erzielen. Nur so lassen sich die grossen Schuldenberge abbauen. In einer solchen Situation helfen am besten Sachwerte, also Immobilien und gute Aktien.

* Marc Possa, Geschäftsführer und Partner der VV Vermögensverwaltung in Zug. Zuvor arbeitete er unter anderem für Credit Suisse First Boston, Deutsche Bank und ZKB. Der Fonds Sara-Select fokussiert auf kleine und mittlere Schweizer Firmen.

 

Anzeige