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Befürchtungen
Entzugserscheinungen am Anleihemarkt

EZB in Frankfurt: Die Notenbank pumpt enorme Summen in den Anleihemarkt. Keystone

Mit Blick auf die anstehende Normalisierung der Geldpolitik in den USA und in Europa warnen Marktbeobachter, dass am Anleihemarkt bald eine Blase platzen könnte. Die Gefahr scheint jedoch gering.

Von Annika Janssen
am 31.08.2017

Anleger fragen sich seit Monaten, wann die Zinsen in Europa und den USA nennenswert steigen – sprich, wann die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-Notenbank Fed sich endgültig von ihrer lockeren Geldpolitik verabschieden und die Zinswende einläuten. In den USA liegen die Zinsen seit der jüngsten Erhöhung im Juni zwischen 1 und 1,25 Prozent. Verglichen mit der Eurozone ist das fast schon ein gigantischer Wert: Dort verharrt der Leitzins seit März 2016 bei null.

Infolge der Spekulationen sind die Anleiherenditen bereits gestiegen, die Kurse sind im Gegenzug gefallen. Dennoch sind die Renditen solider Obligationen, sprich von Staatsanleihen aus Industrieländern, weiterhin niedrig. Aktuell gibt es für US-Treasuries mit zehnjähriger Laufzeit 2,14 Prozent Rendite, deutsche Bundesanleihen sind mit 0,37 Prozent verzinst. Bei Schweizer Bundesobligationen liegt die Rendite mit minus 0,15 Prozent immer noch im negativen Bereich.

Ende der internationalen Geldschwemmen

Im Herbst könnte es noch einmal aufwärts gehen: «Die globale Geldpolitik dürfte im Herbst restriktiver werden, was für tendenziell steigende Renditen spricht», sagt Thomas Heller, Chief Investment Officer und Leiter Research der Schwyzer Kantonalbank (SKB). Heller rechnet mit ruckartigen Zinsbewegungen. Genau das lässt Marktbeobachter mal wieder vor einer Blase am Anleihemarkt warnen – und davor, dass sie platzt. Das Ende der Ära internationaler Geldschwemmen durch die Notenbanken könnte der Auslöser für einen Crash am Obligationenmarkt sein, befürchten sie.

Anfang August warnte etwa der ehemalige Fed-Chef Alan Greenspan vor einem «Anleihe-Armageddon»: Statt die Rekordjagd an den Aktienmärkten kritisch zu beäugen, sollten Anleger sich lieber vor Anleihen hüten: «Die realen langfristigen Zinsen sind zu niedrig und damit nicht nachhaltig», sagte Greenspan. Sollten die Zinsen steigen, werde das voraussichtlich schnell geschehen – und dann bilde sich eine Blase am Anleihemarkt. «Das preisen Marktteilnehmer nicht ein», warnte er.

Mit seiner Warnung steht Greenspan nicht allein da. Ende Juli nannten in einer Erhebung der Bank of America Merrill Lynch 28 Prozent der befragten Profi-Investoren einen möglichen Crash am globalen Obligationenmarkt als momentan grösstes Risiko.

60 Milliarden Euro im Monat

Ganz ungefährlich ist die Lage tatsächlich nicht. Besonders in Europa hat die Notenbank in den vergangenen Jahren zu einem Verfall der Renditen beigetragen. Die EZB stemmte sich mit Negativzinsen und einem Aufblähen ihrer Bilanz gegen die Konjunkturschwäche in Europa. Sie pumpt seit März 2015 monatlich 60 Milliarden Euro Liquidität in den Anleihemarkt.

Mit Ablauf des Jahres 2017 wird die Notenbank Staatsanleihen und auch Unternehmensanleihen für insgesamt rund 2,22 Milliarden Euro aufgekauft haben. Genau das hat die Anleiherenditen niedrig gehalten und Druck aus dem Kessel genommen. Das Obligationenkaufprogramm der EZB half anderen Anlegern, die sich in Erwartung steigender Kurse mit von der Notenbank goutierten Titeln eindeckten. Das trieb die Anleihekurse nach oben und liess die Renditen sinken. Entzieht die Notenbank dem Anleihemarkt nun diese Unterstützung, könnte das also böse Folgen haben.

Weg zur Normalisierung ist noch lang

Allzu grosse Sorgen sollten Investoren sich allerdings nicht machen. Marktbeobachter rechnen zwar mit höheren Marktschwankungen, wenn die Zentralbanken ihren geldpolitischen Kurs ändern und ihre Bilanzen schrumpfen. Aber: «Ohne Inflationsbeschleunigung dürfte das Ganze in einem verkraftbaren Rahmen für die Märkte über die Bühne gehen», sagt SKB-CIO Heller. Zudem ist Weg zur Normalisierung der Geldpolitik noch lang. Sie dürfte auf beiden Seiten des Atlantiks weiterhin in kleinen Schritten vorangehen. Am Anleihemarkt könnte es in den kommenden Monaten knirschen – der ganz grosse Knall wird aber voraussichtlich ausbleiben.

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