«Erstens – es kommt anders und zweitens als man denkt» – das war eine der Erkenntnisse von Börsenaltmeister André Kostolany. Der bisherige Jahresverlauf im Euro Stoxx 50 bestätigt diesen Spruch. Denn, obwohl im Januar die von der Bank of America Merrill Lynch befragten Fondsmanager und Vermögensverwalter europäische Aktien bereits den fünften Monat in Folge bevorzugt hatten, laufen die Börsen auf dem alten Kontinent in diesem Jahr nicht rund. So tritt der Euro Stoxx 50 seit Ende 2013 mit einem Plus von 3 Prozent mehr oder weniger auf der Stelle. Der S&P 500 beschert Anlegern immerhin Gewinne von knapp 10 Prozent. Und während der breite US-Aktienmarkt schon längst auf Rekordniveau notiert, laufen Blue Chips aus dem Euroraum noch 30 und sogar 40 Prozent unter ihren Hochs aus 2007 und aus dem Jahr 2000. 

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Als Erklärung für die Schwäche dient die unterschiedliche Verfassung der jeweiligen Volkswirtschaften. Während die Konjunktur in den USA rund läuft, kommt Europa nicht vom Fleck. So fiel der Markit-Eurozone-Einkaufsmanager-Index jetzt auf 50,7 Punkte und damit auf den tiefsten Stand seit Juli 2013. Der US-Einkaufsmanagerindex hingegen kletterte zuletzt um 2,2 Punkte auf 58,0 Zähler und notiert damit deutlich über der Expansionsschwelle von 50 Punkten.

Europa – auf den ersten Blick das schlechtere Investment

Auch andere Faktoren sprechen nicht gerade für Europa. Während beispielsweise die Auftragseingänge für langlebige Güter ohne Transport in Europa schwächeln, zeigen sie in den USA nach oben, die Ukraine-Krise belastet die Staaten weniger stark als Europa, und die US-Energiepolitik mit Fracking sorgt in Übersee für eine günstige Versorgung mit Gas, Öl und Strom. Das begünstigt den zunehmenden Industrialisierungsschub in den USA.

Sogar die Bewertung spricht nicht für Europa. Denn trotz der Wachstumsschwäche kommen die Aktien im MSCI Europa auf ein 17er-KGV, im wachstumsstarken US-Markt bezahlten Anleger für Aktien aber auch nur ein nicht viel höheres 19er-Gewinnmultiple. Die Einschätzung des Researchhauses Ned Davis verwundert einen nicht. Die Experten sehen, dass die Bewertungen in Europa so schnell gestiegen sind, dass die Fundamentaldaten nicht Schritt halten konnten. Folge ist eine drastisch gesunkene Anzahl interessanter Aktien in Europa.

Die Notenbank könnte die Wende auslösen

Dennoch gibt es Hoffnung auf eine Wende. Sie könnte von der Zinspolitik und von der EZB ausgelöst werden. Denn während Notenbankchef Mario Draghi nicht zuletzt wegen der in Europa vorherrschenden Deflationsgefahr – die Inflation lag im August mit 0,3 Prozent auf dem niedrigsten Wert seit 2009 – über zusätzliche expansive geldpolitische Massnahmen nachdenkt, bewegt sich die US-Zentralbank in Richtung der ersten Leitzinserhöhung. Eine steigende Zinsdifferenz zwischen Euro und Dollar dürfte die jüngste Stärke des Greenbacks gegenüber dem Euro stützen. Davon würde der europäische Export und letztlich die Konjunktur profitieren.

Nicht bereit, Europas Börsen voreilig abzuschreiben, ist auch die LGT. Analyst Mikio Kumada greift auf den Chartvergleich zwischen dem Euroraum-MSCI-Index und dem MSCI-World-Index zurück. Wird der Euroraum-MSCI-Index anhand des 40-wöchigen gleitenden Durchschnittswertes mit dem Weltindex für alle Länder verglichen, dann gibt es seit dem 20. Juni 2014 zwar eine Schwäche, doch das mittelfristige Trendbild zeigt seit Mai 2012 langsam, aber stetig nach oben. Schlecht sieht es hingegen für europäische Aktien aus, die nicht zum Euroraum gehören. Dort weist der gleitende 40-Wochendurchschnitt seit Mai 2013 nach unten. Nach Einschätzung der Credit Suisse zählen diejenigen exportorientierten Gesellschaften zu den Profiteuren einer weiteren Euro-Schwäche, bei denen viele Kosten in Europa anfallen. Das sind beispielsweise Airbus, AMS, Daimler, Infineon und Siemens.