In Europa zeigt sich derzeit eine markante Diskrepanz zwischen der politischen Stimmung und dem Anleger-Sentiment. Angesichts der dramatischen Lage in Griechenland sehen nicht wenige Auguren den alten Kontinent am Abgrund. Zwar schicken solche Horrorszenarien in regelmässigen Abständen Schockwellen über die Kapitalmärkte. An der positiven Grundtendenz kann das allerdings wenig ändern. Seit Jahren zeichnet der Aktienmarkt einen Aufwärtstrend. Allein gegenüber dem Schlusskurs 2014 legte der Stoxx Europe 600 um 16 Prozent zu. Damit bewegt sich der diversifizierte Index nur knapp unter einem Mitte April erreichten Allzeithoch.

Die Einigung zwischen der Euro-Zone und Athen auf neue Reformen brachte der Benchmark zuletzt neuen Schwung. Abhaken sollten Investoren das Dauerthema Griechenland damit allerdings nicht – in der Vergangenheit gab es da schon zu viele leere Versprechungen und negative Überraschungen. Gleichwohl bringt der jüngste Kompromiss die fundamentalen Parameter des Aktienmarktes zurück auf das Tableau. Dazu zählt insbesondere die Verfassung der Unternehmen. Diesbezüglich steht mit der laufenden Berichtssaison jetzt eine besonders wichtige Phase ins Haus. «Zwischen dem 13. Juli und Ende August werden 488 Unternehmen ihre Ergebnisse veröffentlichen», schreiben die Strategen von Goldman Sachs in einer aktuellen Publikation. Gemessen an der Marktkapitalisierung legen damit 83 Prozent der Stoxx-Europe-600-Mitglieder in den nächsten sechs Wochen ihre Daten offen.

Gewinnerwartung – die Latte liegt höher

Nach den positiven Zahlen für das erste Quartal – laut Goldman Sachs konnte im vergangenen Dreimonatszeitraum fast jeder zweite Konzern die Erwartungen übertreffen – liegt die Latte höher: Seit dem 31. März sind die durchschnittlichen Gewinnschätzungen um 8 Prozent gestiegen. Einen gehörigen Anteil an der Aufwärtsrevision hatte der Öl- und Gassektor. Im Zuge der Preiserholung beim schwarzen Gold schraubten Analysten ihre Ergebnisprognose hier in den vergangenen drei Monaten um mehr als ein Drittel hoch. Damit treffen die europäischen Multis in der anstehenden Berichtssaison auf ambitionierte Erwartungen. Es überrascht deshalb nicht, dass die Kurse von BP und Co. zuletzt unter Druck standen. Gegenüber einem Mitte April markierten 52-Wochen-Hoch gab der Stoxx Europe 600 Oil & Gas Index rund 8 Prozent nach.

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Ungeachtet dessen rechnet Goldman Sachs quer durch Europa mit überzeugenden Resultaten. «Wir erwarten, dass die Berichtssaison für das zweite Quartal die Erwartungen übertrifft», schreiben die Experten. Sie führen diese Prognose auf mehrere Faktoren zurück. Dazu zählt neben der anhaltenden Euro-Schwäche das aufgehellte Konjunkturumfeld. Insbesondere auf dem alten Kontinent, wo die Mitglieder des Stoxx Europe 600 mehr als die Hälfte ihrer Umsätze einfahren, beschleunigte die Wirtschaft im zweiten Quartal. Beispielsweise legte der Einkaufsmanagerindex für die Euro-Zone von April bis Juni weiter zu.

UBS und Fraport: Analysten sind zuversichtlich

Laut Goldman Sachs sollte dieses Umfeld der Finanzbranche besonders stark in die Hände spielen. Vor diesem Hintergrund sticht die UBS-Aktie (ISIN CH0024899483) ins Auge. Der heimische Blue Chip hat sich gerade aus den Fängen eines kurzfristigen Abwärtstrends befreit. Möglicherweise positioniert sich so mancher Investor mit Blick auf den 28. Juli. An diesem Tag präsentiert die UBS ihren Semesterbericht. Dort wird sich zeigen, ob die Bank den Schwung von Anfang Jahr halten konnte. Im ersten Quartal hatte sie sämtliche Erwartungen übertroffen. Das Gros der Analysten hebt den Daumen und stuft den SMI-Titel mit «Outperform» ein.

Derweil hat Equinet den deutschen Aktienmarkt mit Blick auf die Berichtssaison unter die Lupe genommen. Zu den dabei ausgewählten Top Picks zählt Fraport (ISIN DE0005773303). Nach Ansicht der Analysten sollte der Flughafenbetreiber im zweiten Quartal vom Passagierwachstum in Frankfurt profitiert haben. In der Tat fertigte das Unternehmen an seinem Hauptstandort im April, Mai und Juni jeweils so viele Reisende ab, wie nie zuvor in diesen Monaten. Nach Ansicht von Equinet-Analyst Jochen Rothenbacher dürfte ein Einmaleffekt aus dem Verkauf einer IT-Gesellschaft das Ergebnis zusätzlich anschieben. Die aktuelle Prognose des Unternehmens erachtet er als konservativ und hält daher eine Erhöhung für möglich.

Publicis Groupe: MACD liefert Kaufsignal

Während Fraport die Semesterbilanz erst am 6. August vorlegt, meldet sich Publicis Groupe (ISIN FR0000130577) bereits am 23. Juli zu Wort. Zwei Effekte könnten dafür sorgen, dass die Werbeagentur positiv überrascht. Zum einen sollte der Wirtschaftsaufschwung die Geschäfte antreiben. Zum anderen dürfte sich die Fokussierung auf digitale Medien bezahlt machen. Schon im ersten Quartal entpuppte sich die Sparte als Wachstumstreiber. Das Momentum spricht ebenfalls für den französischen Blue Chip. Gerade hat der unter Tradern viel beachtete MACD-Indikator bei der Aktie ein Kaufsignal generiert.

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Wer breit gestreut von möglichen guten Unternehmenszahlen profitieren will, kann sich den europäischen Aktienmarkt auch als Ganzes ins Portfolio holen. Unter anderem handelt Comstage an der SIX einen Exchange Traded Fund (ISIN LU0378434582) auf den Stoxx Europe 600. Das Commerzbank-Label bildet die Benchmark gegen eine jährliche Gebühr von 0,20 Prozent ab.