Dass Volkswirte und Investoren eine gänzlich verschiedene Sprache sprechen, hat bereits Börsenaltmeister André Kostolany zu Lebzeiten gerne gepredigt. Die Unterschiede zeigen sich derzeit bestens in Bezug auf die Zukunft Europas. Während Ökonomen noch von einem «tönernen Aufschwung» sprechen, zögern Investoren nicht mehr und pumpen ihr Geld verstärkt in Richtung alter Kontinent.

Noch wechseln die Konjunkturindikatoren in der Euro-Zone munter zwischen Grün und Rot hin und her. Zuletzt signalisierte der Einkaufsmanagerindex eine kleine Schwäche in der wirtschaftlichen Erholung. Der Frühindikator fiel im Februar von 52,9 Punkten im Vormonat auf 52,7 Zähler. Volkswirte hatten hingegen mit einem Anstieg auf 53,1 Punkte gerechnet. «Der Rückgang des Einkaufsmanagerindex für die Eurozone zeigt, dass der Aufschwung weiter unausgeglichen ist und auf wackligen Beinen steht», sagt Markit-Chefökonom Chris Williamson.

Investieren im grossen Stil

Die Grossinvestoren lassen sich von so kleinen Schwankungen nicht ins Bockshorn jagen. Ganz im Gegenteil: Im Dezember kauften Investoren aus den USA europäische Aktien im Wert von 23 Milliarden Dollar - ein neuer Rekord. Auch auf das Jahr hochgerechnet, ergibt sich mit Nettokäufen von 126 Milliarden Dollar eine beachtliche Summe, die sogar höher ist als im Jahr 2007, vor der Finanzkrise.

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«Der Anstieg der Netto-Käufe in den vergangenen Monaten ist vergleichbar mit früheren Erholungen in Rezessionsphasen in Europa wie Anfang der 2000er-Jahre und Anfang bis Mitte der 1990er-Jahre», erklärt Sharon Bell von Goldman Sachs. Ihrer Ansicht nach werden die Kapitalströme auch nicht so schnell abreissen. Als Gründe führt Bell die wirtschaftliche Erholung, die verminderten Risiken sowie die steigende Attraktivität von Europa im Vergleich zu den USA und zu den Emerging Marktes auf.

Finanztitel im Visier

Auch wenn der berühmte Hedge-Funds-Manager George Soros nicht für ganz Europa optimistisch ist, springt der US-Investor auf den Bullenzug auf. Er gab bekannt, breit in den europäischen Finanzsektor einsteigen zu wollen. «Ich glaube an den Euro», sagte Soros in einem Interview und führte weiter aus: «Deshalb freut sich mein Anlage-Team nun, bald jede Menge Geld in Europa zu verdienen - indem wir etwa Geld in Banken pumpen, die dringend Kapital benötigen.»

Aufgrund der rigiden Sparpolitik, diktiert von der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, fürchtet Soros aber, dass die Euro-Zone eine ähnlich lange Phase ökonomischer Stagnation erleben könnte wie Japan in den vergangenen 25 Jahren. Auch wenn die Investmentlegende nicht gleich ganz Europa kaufen wird, spricht die Kombination aus strukturellen und zyklischen Treibern, gepaart mit relativ niedrigen Bewertungen, für europäische Aktien.