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Ausblick
Experte: In Extremsituationen sind Robo-Advisor keine Stütze

Experte: Robo-Advisor mit Nachteil in Extremsituationen
Robo-Advisor: Bei komplexen Vermögensverhältnissen wird es schwierig.  Pixabay

Fed, Franken, Nordkorea: Die Finanzmärkte beschäftigt derzeit allerlei. Was die Zukunft bringen könnte und warum Anleger bei Robo-Advisors abwägen müssen, erklärt Vermögensberater Christof Strässle.

Von Julia Fritsche
2017-09-22

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Das grosse Interesse der Investoren gilt weiterhin der Fed und der EZB und deren Pläne zum Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik. Geostrategisch beschäftigt der USA-Nordkorea-Konflikt. Die jüngsten Reden von US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un unterstreichen, dass der Konflikt zunehmend mit scharfen Worten ausgetragen wird. Obwohl eine militärische Eskalation als eher unwahrscheinlich eingestuft wird, liegt die Thematik den Anlegern seit einigen Wochen auf dem Magen.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Der SMI befindet sich im Seitwärtstrend. Anleger mit hohen Gewinnen realisieren diese. Andererseits liegt viel Liquidität bereit um investiert zu werden. Somit sind Rückschläge an der Börse von kurzfristiger Natur. Ich erwarte vorläufig keinen Ausbruch aus diesem Muster.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Der höhere Euro/Franken-Kurs und die bessere wirtschaftliche Verfassung unserer Nachbarländer helfen den exportorientierten Schweizer Unternehmen und dem Tourismus. Dies dürfte sich in den Jahresabschlüssen 2017 widerspiegeln. Gleichzeitig bleiben Obligationen auf absehbare Zeit unattraktiv. Dies spricht trotz hohem Bewertungsniveau für weiter steigende Kurse.

Der Euro ist weiter stark. Was bedeutet das im weiteren Verlauf des Jahres für den Franken?
Bei einem aktuellen Euro/Franken-Kurs von leicht über 1.15 erachte ich das weitere Anstiegspotential als begrenzt. Die positiven Signale der europäischen Politik und Wirtschaft sind seit dem Sommer im Euro/Franken-Kurs reflektiert.

Wie schätzen Sie die neuesten Pläne der US-Notenbank ein?
Werden die Pläne der Fed, wie von Janet Yellen angekündigt, umgesetzt, bedeutet dies, dass im kommenden Jahr mit einer Bilanzreduktion der Fed von schätzungsweise 300 Milliarden Dollar und in den Folgejahren von bis zu 600 Milliarden Dollar p.a. zu rechnen ist. Dies betrifft den Markt der US-Staatsanleihen und der Hypothekenpapiere. Bei ausstehenden US-Staatsanleihen von circa 14 Billionen Dollar scheint dies ein gangbarer Weg zu sein. Er wird aber nicht ohne Auswirkungen auf die US-Zinsen bleiben, was auf mittlere Frist Druck auf den US-Aktienmarkt erzeugt.

Norwegens Staatsfonds hat am Dienstag den Wert von einer Billion Dollar überstiegen. Kann ein Staatsfonds zu gross werden?
Grösse ist in Relation zum Anlageuniversum zu beurteilen. Der kotierte globale Aktienmarkt umfasst aktuell rund 50 Billionen Dollar. Der globale Anleihenmarkt wird auf 100 Billionen Dollar geschätzt. Mit einer Aktienquote von 60 Prozent nimmt der Norwegische Staatsfonds rund 1.2 Prozent der globalen Aktienmarktkapitalisierung in Anspruch. Und die 35 Prozent Anlagen in Obligationen entsprechen einem Anteil von 0.4 Prozent an den global ausstehenden Schuldpapieren. Die Aktienanlagen des Norwegischen Staatsfonds sind damit rund 6 Mal grösser als die gesamte Aktienmarktkapitalisierung Norwegens. Somit ist die internationale Diversifikation der Anlagen unumgänglich. Dies gilt indes auch für Schweizer Pensionskassen. Hier wird das aggregierte Anlagevolumen in den nächsten Jahren auch die Billionengrenze knacken, und der Schweizer Aktienmarkt ist nur moderat grösser als der Markt Norwegens.   

Der globale Markt für Robo-Advisor wächst. Sollten Anleger das Sparpotenzial nutzen oder sich weiter für einen teureren, menschlichen Berater entscheiden?
Robo-Advisors erstellen auf der Basis von Angaben der Investoren ein Risikoprofil und darauf aufbauend passende Anlagevorschläge. Dies setzt drei Dinge voraus: Erstens, die Kenntnis des Investors der eigenen Umstände, seiner Risikofähigkeit und Risikobereitschaft. Zweitens, das Verständnis des Einzelnen für sein Verhalten in Stressphasen. Und drittens, dass sich die eigenen Umstände kategorisieren lassen. Dies ist insbesondere bei komplexen Vermögenssituationen meist nicht der Fall. Anlagevorschläge der Robo-Advisors basieren auf statistischen Modellen, historischen Rendite- und Risikodaten sowie Annahmen zur Zukunft. Diese decken in der Regel nicht 100 Prozent der möglichen Ergebnisse ab und können zudem falsch sein. Investoren schätzen den persönlichen Kontakt mit entsprechenden Erklärungen, insbesondere in Extremsituationen. Es gilt daher abzuwägen, ob Individualität und persönliche Betreuung benötigt wird oder man darauf verzichten kann und will.

* Der promovierte Ökonom Christof Strässle ist Gründer und Managing Partner der unabhängigen Vermögensberatung Strässle & Partner Vermögens-Engineering AG mit Sitz in Luzern. Er verfügt über nationale und internationale Bankerfahrung im Bereich Private Banking und institutionelle Kunden.

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