Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Alberto Chiandetti*: Die positiven Geschäftsergebnisse haben die Sommerstimmung an den Börsen unterstützt, und allen voran die kleineren Titel zu weiteren Höhenflügen angetrieben. Das führte dazu, dass sich die Prämie gegenüber den grosskapitalisierten Unternehmungen mitterweile auf die historischen Höchststände hin bewegt. Die grosse Frage bleibt aber im Raum: wie lange hält diese positive Phase noch an? Die politischen Entwicklungen bereiten Sorgen, der Ausgang diverser Machtspiele sind zwar schwer vorhersehbar, sie werden aber mit Gewissheit keine positiven Effekte auf die Finanzmärkte haben.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Weil sich die vielversprechenden Erwartungen über die Sommerphase bestätigt haben und die nächste Runde der Quartalsergebnisse erst in einigen Wochen eingeläutet wird, sind die kommenden Schwankungen viel stärker von der geopolitischen Nervosität als von den Fundamentaldaten der Unternehmen geprägt. Kurzfristig sehe ich kaum Chancen, dass sich die Schweizer Titel dem globalen makroökonischen Einfluss entziehen können und erwarte deshalb eine erhöhte Volatilität.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Das europäische Umfeld, welches nach wie vor grossen Einfluss auf die schweizerische Entwicklung hat, ist grundsätzlich positiv. Das Marktwachstum im zweiten Quartal war zufriedenstellend und deutet sogar auf noch stärkere Zahlen für die nächsten Monate hin. Die Konsumentenstimmung und die Klärung der politischen Unsicherheiten haben in Europa zu guten Wachstumszahlen in Frankreich, Spanien und überraschenderweise auch in Italien geführt. Einzig Deutschland zeigt erstmals nach langer Zeit ein leichtes Schwächeln. Weil auch die USA weiterhin und China, vor allem dank hohen Absatzzahlen im Autosektor, stark sind, steht einer positiven Entwicklung über ein Jahr trotz möglicher kurzfristigen Einbussen nichts im Wege.

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Nordkorea beunruhigt weiter. Welche Werte können von der Verunsicherung profitieren?
Ja, das ist tatsächlich sehr beunruhigend. Das Verhalten Nordkoreas beziehungsweise dessen Staatsoberhaupts stellt eines der grössten Risiken für die Aktienmärkte dar. Jede Lösung, die nicht friedlich endet, wird mit erhöhter Volatilität und kurzfristigen Korrekturen verbunden sein. Tendenziell sind dann die stabilen, defensiven Werte weniger stark benachteiligt. Anders als mit speziell darauf konzipierten strukturierten Produkten, gibt es sehr wenige Anlagen, die in einem kriegerischen Umfeld eine positive Entwicklung zeigen.

In Finnland plant der Computerspieleentwickler Rovio den Gang an die Börse. Wie entwickelt sich der Markt für «Spieler»-Aktien momentan?
Europa ist leider nicht berühmt für eine grosse Anzahl von solchen Aktien. Neben Rovio gibt es aus Frankreich noch Ubisoft und Gameloft (die 2016 von Vivendi gekauft wurden), welche eine erwähnenswerte, jedoch bescheidene Rolle in diesem Markt spielen. Die führenden Game-Hersteller sind nicht überraschend in Japan und den USA kotiert. Für Anleger war dieser Sektor aber äusserst interessant. Der Bloomberg Sektorindex ‹Global Video Game Peers› hat den globalen Aktienindex MSCI World in den letzten fünf Jahren um fast 300 Prozent übertroffen, seit Jahresbeginn sind es 15 Prozent.

Die indische Rupie ist 2017 bisher die bestperformende Währung Asiens. Wie können Schweizer Anleger profitieren?
Ich würde private Anleger nicht ermutigen, direkt in Währungen zu investieren. Der tatsächliche Wert ist äusserst schwierig zu prognostizieren, da zu viele Variablen im Spiel sind und der Kurs vielfach Schwankungen unterliegt, die wenig mit der ökonomischen Verfassung eines Landes zu tun haben. Ein möglicher indirekter Weg wäre, auf Unternehmen zu setzen, die von einer starken Währung übermässig profitieren. Im Falle der Rupie wäre das eine Firma, welche grosse Umsätze in Indien generiert, jedoch ausserhalb produziert – idealerweise in einem Land mit tiefen Herstellungskosten. In der Schweiz gibt es aber kaum solche, weshalb auch kein signifikanter Einfluss auf die Ertragssituation oder den Aktienkurs erkennbar ist. Mit rund 2 Prozent hat der indische Markt für Schweizer Aktientitel gesamthaft nur einen bescheidenen Anteil am Umsatz.

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Novartis hat Anfang Woche den Abgang von Joe Jimenez und seinen Nachfolger bekannt gegeben. Welche Faktoren sind bei solchen Chefwechseln wichtig für die Börse?
Daran, dass der Aktienkurs kaum reagierte, kann man sehr gut erkennen, dass Kontinuität und Stabilität besonders wichtig sind. Man erwartet, dass die Strategie unter der Führung von Vas Narasimhan weitergeführt wird. Ebenso wichtig ist auch, dass der Wechsel in einer Phase vollzogen wird, in der wichtige Aufgaben bereinigt worden sind. Novartis hat gute Voraussetzungen, einen Wachstumsschub anzustossen, da der Druck aufgrund auslaufender Patente abnimmt, neue Medikamente bereits eingeführt sind oder kurz davor stehen. Zudem kam der Führungswechsel ja auch nicht komplett überraschend.

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  *Alberto Chiandetti ist seit 2006 bei Fidelity und verwaltet seit 2011 den Aktienfonds FF - Switzerland Fund. Der Mailänder verfügt über 15 Jahre Anlageerfahrung, zuerst als Research Analyst, seit 2008 als Portfolio Manager von verschiedenen europäischen Aktienfonds.