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Ausblick
«Finale der Frankreich-Wahl hält das Momentum hoch»

Bleiben politische Überraschungen in der EU aus, dürften die Börsenkurse weiter steigen, ist Analyst Christos Maloussis von IG Bank überzeugt. Dennoch könne eine Sell-in-May-Strategie Sinn machen.

Von Julia Fritsche
am 05.05.2017

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Christos Maloussis*: Seit dem Ausbruch der Finanzkrise haben wir massive Interventionen der Zentralbanken weltweit gesehen. Erst vergangene Woche machte Mario Draghi klar, dass eine Normalisierung der Zentralbankpolitik derzeit nicht geplant ist. Meiner Meinung nach steckt da ein gewisses Kalkül dahinter, um sich Zeit bis zu den Wahlen in Italien zu erkaufen. Bereits im vergangenen Jahr kamen mit dem Brexit Votum und den US-Wahlen politische Themen weit oben auf die Agenda der Händler. Die Wahlen in Frankreich dieses Wochenende und die Bundestagswahl in Deutschland im Herbst können wegweisend sein für die Zukunft Europas und dürften sowohl den Euro als auch die Aktienmärkte bewegen.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Die charttechnischen Widerstände fallen derzeit ohne grosse Gegenwehr. Beflügelt vom Ergebnis der ersten Wahlrunde in Frankreich und der jüngsten TV-Debatte zwischen Macron und Le Pen konnte der SMI den Widerstand zunächst bei 8700 Punkten und nun bei 8915 Punkten dynamisch überschreiten. Das anstehende Finale der französischen Präsidentschaftswahl am kommenden Sonntag hält das Momentum hoch und es bleibt keine Zeit für eine Konsolidierung. Meine Prognose: bei einem Wahlsieg Macrons ist mit einem raschen Anstieg und Überschreiten der Marke von 9080 Punkten zu rechnen. Gibt es einen Sieg von Marine Le Pen, steht uns ein schwarzer Montag bevor.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Die Schweizer Wirtschaft hat sich seit dem Frankenschock überraschend gut entwickelt. Auch die Banken zeigen mit den jüngst vorgelegten Zahlen der UBS und der CS, dass sie das negative Zinsumfeld besser als erwartet verkraften. Im SMI sehe ich deshalb Aufholbedarf. Sollten die Wahlen in Frankreich, Deutschland und Italien keine negativen Überraschungen liefern, würde dies zu einer Stärkung des Euro führen, somit den Schweizer Franken abwerten und die SNB entlasten. Dies sollte wiederum den Schweizer Unternehmen helfen und den SMI anschieben. Ein Erreichen des Allzeithochs bei 9548 Punkten ist also durchaus realistisch.

Macron versus Le Pen: Bei den französischen Präsidentschaftswahlen geht es in die zweite Runde. Worauf sollen Schweizer Investoren spekulieren?
Seit der ersten Wahlrunde liegt Emmanuel Macron in den Prognosen mit grossem Abstand vor Marine Le Pen.  Geschieht nichts Unvorhergesehenes, dürfte der künftige Präsident Frankreichs Emmanuel Macron heissen. Macron steht für eine stärkere und zukunftsorientierte Europäische Union und will notwendige Strukturreformen angehen. Kurzfristig dürfte dies zu einer Rallye im Euro und den europäischen Aktienmärkten führen. Auf das Alternativszenario mit einer Präsidentin Marine Le Pen sind die Märkte kaum vorbereitet und es würde wohl die Aktienmärkte und den Euro stark belasten.

Seit der ersten Runde der französischen Wahlen schwächt sich der Franken ab. Erwarten Sie, dass dieser Trend anhält?
Die Frage ist, ob die Umfrageinstitute für die zweite und entscheidenden Wahlrunde am 7. Mai richtig liegen. Dort sehen sie den europafreundlichen Macron mit 60 zu 40 Prozent klar vor seiner europafeindlichen Herausforderin Le Pen. Nach der ersten Wahlrunde hat der Euro bereits deutlich zugelegt. Gegenüber dem Schweizer Franken sprang der Euro um 200 Pips von 1.07 Franken auf 1.09 Franken. Sollte Macron tatsächlich gewinnen, könnte der Euro noch stärker zulegen und eine Abschwächung des Schweizer Franken weiter beschleunigen – etwas Erholung also für die Schweizerische Nationalbank.

Bei welchem Titel sollten Schweizer Anleger zugreifen?
Die zwei Schweizer Grossbanken UBS und Credit Suisse haben dieses Jahr mit sehr guten Ergebnissen für das erste Quartal 2017 aufgetrumpft. Insbesondere in der Vermögensverwaltung konnten beide Banken stark zulegen und die Märkte somit positiv überraschen. Ein steigendes Zinsumfeld sollte den Banken weiteren Auftrieb in ihrer Profitabilität geben. Da die Credit Suisse derzeit mit der anstehenden Kapitalerhöhung und den fortlaufenden Umstrukturierungen beschäftigt bleibt, ist mein Favorit die UBS, auch charttechnisch. Falls die Hürde bei 17,80 Franken genommen wird, ist der Weg frei bis auf 20 Franken oder gar 22,50 Franken.

Was ist dran an der Börsenweisheit «Sell in May and go away»?
Um diese Frage zu beantworten, habe ich mir die Monatsresultate des SMI seit seiner Normierung auf 1500 Punkte im Juli 1988 einmal genauer angeschaut. Und dabei habe ich drei interessante Beobachtungen gemacht. Zum einen ist der Mai, nach den Monaten Oktober und Dezember, in Sachen Performance der drittbeste Monat des Jahres. Zum anderen habe ich festgestellt, dass von Anfang Juni bis Ende September eine Sommerdelle zu verzeichnen war. In diesen Monaten verlor der SMI im Durchschnitt 0.4 Prozent pro Monat. Zu guter Letzt kann man festhalten, dass von Oktober bis Dezember eine Jahresendrallye mit Zuwächsen von durchschnittlich 1.4 Prozent pro Monat stattfindet.

Das heisst?
Basierend auf diesen Vergangenheitswerten kann man schlussfolgern, dass eine Buy and Hold Strategie mit einer Haltedauer von Anfang Oktober bis Ende Mai durchaus lukrativ sein könnte, bevor man sich dann in den wohlverdienten Sommerurlaub verabschiedet. 

*Christos Maloussis ist Market Analyst - Premium Client Manager bei IG Bank S.A. und liefert regelmässig Marktkommentare zu Mikro- und Makroökonomischen Themen. Seit 1999 ist er im Finanzsektor als Bankkaufmann tätig. Maloussis hat Betriebswirtschaft studiert und arbeitete als Sales Trader bei der Hypovereinsbank. Die Antworten reflektieren die persönliche Meinung des Analysten und müssen nicht mit der Position von IG Bank übereinstimmen.

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