Grossbritanniens Notenbank ist zur Tat geschritten: Nach dem historischen geldpolitischen Entscheid liegt der Zinssatz auf einem neuen Rekordtief. Kann die Bank of England (BoE) so eine Rezession verhindern? Und was bedeutet der Entscheid für Investoren und Anleger? Die Antworten auf die drängendsten Fragen:

1. Welche Massnahmen ergreift die Bank of England?
Die britische Zentralbank stemmt sich mit ganzer Kraft gegen den drohenden Wirtschaftsabschwung. Gleich vier Massnahmen verkündete Gouverneur Mark Carney: Neben der Zinssenkung um 0,25 Punkte auf 0,25 Prozent und damit den tiefsten Stand seit dem Jahr 1694 stockt die Bank of England  (BoE) ihr Anleihenkaufprogramm um 60 Milliarden auf 435 Milliarden Pfund auf. Zudem kaufen die Notenbanker Unternehmensanleihen im Wert von 10 Milliarden Pfund.

Darüber hinaus soll ein Kreditprogramm für Banken dafür sorgen, dass die Zinssenkung vollständig an die Kunden weitergegeben wird. Das «Term Funding Scheme» soll zusätzlich gewährleisten, dass der Finanzsektor nicht so stark unter den niedrigen Zinsen leidet. Zuletzt hatte sich BoE-Chefökonom Andew Haldane für ein umfassendes Paket ausgesprochen. Die Notenbank müsse schnell und kraftvoll handeln, hatte er gesagt. Genau das ist nun passiert.

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2. Wie schlimm steht es um die britische Wirtschaft?
Das Brexit-Votum am 23. Juni hat in der Wirtschaft eine massive Verunsicherung ausgelöst. Darauf deuten die ersten veröffentlichten Daten nach dem Urnengang hin: Die Bauwirtschaft erlebt derzeit den grössten Einbruch seit der Finanzkrise 2009, zeigen Umfragen. Der entsprechende Einkaufsmanagerindex steht mit 45,9 Zählern deutlich unter der Expansionsmarke von 50 Punkten. Auch Industrieproduktion und Konsumentenvertrauen haben sich deutlich eingetrübt. Die Kauflaune der privaten Haushalte ist gemäss GfK so stark gesunken, wie zuletzt vor 26 Jahren.

Obwohl sie die Prognosen drastisch nach unten geschraubt hat, veranschlagt die britische Zentralbank noch keine Rezession mit zwei Quartalen sinkender gesamtwirtschaftlicher Produktion. Für 2017 steht ein erwarteter Zuwachs um 0,8 Prozent an, nach zuvor 2,3 Prozent. Trotz der drastischen Korrektur sind viele Beobachter skeptisch und halten die BoE-Vorhersage für zu optimistisch. Das renommierte Londoner Forschungsinstitut Niesr beziffert die Wahrscheinlichkeit für eine Rezession auf 50 Prozent. Die Credit Suisse etwa ist noch skeptischer.

3. Was hat der Entscheid ausgelöst?
An den Finanzmärkten fiel die Reaktion deutlich aus: Das Pfund verlor 1,5 Prozent. Der FTSE 100, der wichtigste Aktienindex des Landes, legte um knapp 1,6 Prozent auf 6740 Punkte zu. Während Beobachter im Vorfeld mit der Zinssenkung gerechnet hatten, überraschte der Umfang der zusätzlichen Stimuli. Die Bank of England habe sich «für den Vorschlaghammer» entschieden, urteilten Ökonomen.

Weil die Bank of England mit dem Massnahmenpaket eine über steigende Importpreise ausgelöste kräftigere Inflation in Kauf nimmt, überrascht auch die Kritik von einigen Wirtschaftsexperten und Politikern nicht. Es gebe noch keinen Beweis für einen dramatischen Abschwung, sagte John Redwood, Sprecher der britischen Kampagne für einen EU-Austritt. Die Massnahmen seien «unverantwortlich». Andere Kritiker betonten, die Notenbank könne ohnehin nichts gegen die politische Unsicherheit ausrichten, die das Brexit-Votum ausgelöst habe. Immerhin: Gemäss Niesr-Analyse könnte die Wirtschaft in den kommenden beiden Jahren dank des Pakets um ein halben Prozent stärker wachsen.

4. Kommen nun auch in Grossbritannien negative Zinsen?
Zwar hat London noch Spielraum nach unten und dürfte diesen auch ausnutzen wollen – für viele Beobachter scheint klar, dass die Zentralbank einen weiteren Zinsschritt um 0,15 Prozentpunkte auf 0,1 Prozent in den kommenden Monaten vollziehen dürfte. Doch Carney sprach sich am Donnerstag vehement gegen negative Zinsen aus. Er verwies auf alternative expansive Massnahmen wie das Anleihenkaufprogramm. Entsprechend dürften die Briten nicht den Weg der Schweizerischen Nationalbank gehen.

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Doch der Schritt der Briten verzögert wohl weltweit die Rückkehr zur geldpolitischen Normalität. Eigentlich schien klar, dass die US-Notenbank Fed ihrerseits den Leitzins bald ein zweites Mal anheben wird. Diese Tür sei nun zugeschlagen, heisst es nun bei CNBC. Denn eine Zinserhöhung dürfte den Dollar zusätzlich stärken, was jedoch die Konjunktur belasten würde.

5. Wie können sich Anleger positionieren?
Der britische Aktienmarkt legte auch am Freitagvormittag weiter zu. Gemäss Wei Li, Chef Investmentstrategie beim Fondsanbieter iShares, dürften die Aktien grosser Firmen weiter besser laufen als jene von kleinen und mittleren Unternehmen. Der Grund: Diese hätten mehr Möglichkeiten, angesichts des schwachen Pfunds Gewinne zu erwirtschaften. Mit dem Anleihenkaufprogramm der BoE bieten sich zudem Möglichkeiten bei Investitionen in britische Unternehmensanleihen an, so Wei.

Während die Geldpolitik Aktien weiter unterstützen werde, so Mitul Patel von Henderson Global Investors, dürfte sich der Fokus in den kommenden Monaten zunehmend auf die Regierung verschieben: Möglich scheint ein Konjunkturprogramm, sollte die Wirtschaft doch stärker als heute befürchtet unter dem Brexit-Entscheid leiden.