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Uhren
Gegenwind für den Weltmarktführer

Swatch und die Analysten sehen die Zeiger der Uhr nicht am selben Ort.  Keystone

Gewinnwarnung und schwache Halbjahreszahlen bei der gebeutelten Swatch im schwierigen Branchenumfeld. Der Konzern hat ein besseres zweites Halbjahr angekündigt, Analysten sind weniger optimistisch.

Von Annika Janssen
am 11.08.2016

Aus Anlegersicht waren die Halbjahreszahlen des Uhrenherstellers Swatch ein Schock. Der Gewinn brach in den ersten sechs Monaten des Jahres 2016 im Vergleich zur Vorjahresperiode um 52 Prozent auf 263 Millionen Franken ein. Und auch beim Umsatz musste der Konzern ein Minus verbuchen: Er sank um 11 Prozent auf 3,7 Milliarden Franken.

Obwohl Swatch schon vor der Präsentation der Halbjahresergebnisse vor dem Gewinn- und Umsatzeinbruch gewarnt hatte, sorgten die Zahlen bei Anlegern und Analysten für Ernüchterung. Die Aktie stürzte im Anschluss an die Präsentation ab, verlor zeitweise 11 Prozent.

Gegenwind hält an

Inzwischen ist der Kurs daran, allmählich wieder aufwärtszuklettern. Wer die Tage nach dem Kurseinbruch zum Einstieg in den Swatch-Valor genutzt hat, kann aber nicht unbedingt auf starke Anstiege hoffen: Denn Swatch ist arg gebeutelt von den Entwicklungen in der Uhrenindustrie.

Ob das zweite Halbjahr tatsächlich wesentlich besser verlaufen wird als das erste, so wie es der Konzern angekündigt hat, ist fraglich. «Swatch hat weiterhin mit Gegenwind und zahlreichen Unsicherheiten zu kämpfen», sagt Helen Brand, Analystin der UBS.

Swatchs Hoffnung auf wiederkehrende Konsumlaune

Vor allem der Rückgang der Touristenzahlen in Europa hat dem Uhrenhersteller im ersten Halbjahr das Geschäft verhagelt. Das Geschäft des Unternehmens hängt stark von der Konsumlaune kauffreudiger Touristen ab, die ihre Reisen in europäische Grossstädte wie Paris zum Shoppen nutzen. Nach den Terroranschlägen in Frankreich und Belgien herrschte auf europäischen Prachtsstrassen aber in den vergangenen Monaten Flaute. Auch die Zahl der sonst sehr ausgabefreudigen Besucher aus China und Russland ist zuletzt zurückgegangen.

Aber nicht nur die Flaute auf dem europäischen Markt setzte Swatch im ersten Halbjahr zu. Auch im wichtigen Absatzmarkt Hongkong sind die Bestellungen zurückgegangen. Immerhin ist es aber im Haupt-Absatzland China wieder aufwärtsgegangen. Dort greifen die Käufer wieder stärker zu Luxusuhren von Konzernmarken wie Breguet, Blancpain, Omega oder Longines, erklärte Swatch im Juli.

Nahe am Vorjahresergebnis

Nun hofft der Konzern, dass es in den kommenden Monaten in China weiter bergauf gehen wird und dass auch die Europa-Touristen wiederkehren und in Grossstädten wie Paris Uhren und Schmuck erwerben werden. Frage ist, ob diese Hoffnung bestätigt werden wird und ob Swatch zu einem Umsatzplus zurückkehren kann. «Wir halten das für wenig wahrscheinlich und die Swatch-Ziele für ambitioniert», sagt UBS-Analystin Brand.

Mit Blick auf den Negativtrend in der Tourismusbranche und auf das rückläufige Geschäft in Hongkong geht sie eher von einem weiteren Umsatzrückgang im zweiten Halbjahr aus. Die Schweizer Grossbank stuft den Swatch-Titel derzeit als «neutral» ein und hat das Kursziel zuletzt von 281 Franken auf 250 Franken gesenkt.

Auch Mario Ortelli, Analyst bei Bernstein, hält die Versprechungen von Swatch-CEO Nick Hayek für das zweite Halbjahr für zu optimistisch. Hayek hatte gesagt, er rechne damit, dass das Ergebnis am Ende des Jahres zumindest nahe beim Vorjahresergebnis liegen werde. «Es sind allerdings die aktuell schwierigen Marktbedingungen zu berücksichtigen», sagt Ortelli. Er betrachtet sowohl die Swatch-Aktie als auch andere Titel der Uhrenindustrie mit Pessimismus.

Gebeutelte Luxusgüterbranche

Der Schweizer Weltmarktführer ist nicht der einzige Uhrenhersteller, der mit Problemen zu kämpfen hat. Die gesamte Luxusgüterbranche ist gebeutelt von den Entwicklungen im Tourismusgeschäft, vor allem die Schweizer Uhrenindustrie leidet seit Monaten unter sinkenden Verkaufszahlen. Der Juni brachte mit einem Minus von 16,1 Prozent den bis dato stärksten Rückgang der Uhrenexporte in diesem Jahr.

Nebst der Swatch-Aktie zählte in den vergangenen Tagen auch der Titel des Luxusgüterherstellers Richemont zu den Verlierern im Schweizer Leitindex SMI, nachdem die Credit Suisse den Titel mit Blick auf das schwächelnde Uhrengeschäft heruntergestuft hatte.

Konkurrenz der Smartwatches

Die Misere der Uhrenindustrie wird wohl noch eine Zeitlang anhalten, sagen Marktbeobachter – auch, weil die Hersteller den Smartwatch-Trend verschlafen haben. Produzenten von Smartwatches haben sich innert kürzester Zeit zu scharfen Konkurrenten der alteingesessenen Unternehmen entwickelt.

Apple etwa hat sich mit ihrer Apple Watch in nur wenigen Monaten zum grössten Uhrenhersteller der Welt entwickelt, und auch Fitbit hat ihre Marktanteile innert kurzer Zeit ausgebaut und verbuchte 2015 einen Umsatz von 1,78 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Swatch schaffte nur 720 Millionen. Die LVMH-Tochter TAG Heuer war bislang die einzige Schweizer Uhrenmarke, die eine reine Smartwatch angeboten hat – und dies mit grossem Erfolg. Swatch und Co. haben viel aufzuholen, wenn Gewinn, Umsatz und Aktienkurse in Zukunft wieder steigen sollen. 

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