Der Ölpreis fällt wieder. Ein Fass der US-Sorte WTI kostete vergangene Woche kurzzeitig sogar weniger als 50 Dollar. Das ist der stärkste Rückgang seit einem Jahr. Auch die Nordsee-Sorte Brent verbilligte sich. Die Treiber des Preissturzes waren vielfältig. Eigentlich hatte der Markt damit gerechnet, dass die Förderkürzungen der Opec-Länder den Markt ausbalancieren würden.

Doch die US-Schieferölproduktion läuft seit Monaten auf Hochtouren und entsprechend füllen sich die Lager. Die US-Ölreserven stiegen zuletzt um 8,2 Millionen Fass auf ein Rekordhoch, wie die US-Energieagentur (EIA) meldete. Der Anstieg war um 2 Millionen Fass grösser, als von den Analysten erwartet wurde. Angesichts dieser Lagerdaten überdachten die Marktteilnehmer offenbar ihren Optimismus und die Preise gaben nach.

Hedgefonds hielten Long-Positionen

Laut Ole Hansen, Leiter Rohstoffstrategie der Saxo Bank, haben die fallenden Preise auch die spekulativen Händler überrascht. «Sie waren kaum noch in der Lage, solide Gebote abzugeben», erklärt er. Zudem hielten Hedgefonds, die mit Futures und Optionen handeln, ungewöhnlich grosse Long-Positionen, was nicht nachhaltig war. Dabei, so fügt er an, ist der Markt im Moment eigentlich ausgeglichen. «Das Überangebot wird nur viel zu langsam abgebaut», fügt er an.

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Auch die uneinheitliche Haltung der Opec spielt bei der Entwicklung der Ölpreise gegenwärtig eine wichtige Rolle. Die Mitglieder des Ölförderkartells können sich nicht einigen, ob sie auch im zweiten Halbjahr 2017 die Fördermengen begrenzen und die Preise so stabilisieren wollen. Angola und Irak sind beispielsweise für eine Förderbegrenzung, Saudi-Arabien dagegen gibt sich unentschlossen. «Die Opec ist zunehmend unter Druck.

Verhandeln über Förderkürzungen

Um eine Produktionsbeschränkung auch in die zweite Jahreshälfte 2017 auszudehnen, müssen sich die Opec-Mitglieder aber auch mit Ländern ausserhalb der Opec einigen», so Ole Hansen. Ohnehin halten sich die Opec-Länder nur zu 90 Prozent an ihre eigenen Vorgaben. Daher ist es fraglich, ob die Ölförderung in den kommenden Monaten tatsächlich gedrosselt wird. Die 50-Dollar-Marke jedenfalls gilt bei Händlern als Schmerzgrenze, welche die Staaten zum Verhandeln über weitere Fördermengenkürzungen zwingt. Das nächste Treffen der Opec-Minister ist für Mai terminiert.

Hansen geht davon aus, dass der Preis für Rohöl der Sorte Brent auch darüber hinaus zwischen 50 und 60 Dollar pro Fass schwanken wird. Die kurzfristigen Risiken sollten geringer werden. Dass der Ölpreis wieder auf einen Tiefstand wie 2016 fällt, glaubt er nicht. Dies könnte nur eintreffen, wenn die Opec-Staaten nicht mitspielen und Saudi-Arabien sich deshalb nicht mehr an eine Förderbegrenzung hält. «Die untere Grenze für Brent dürfte bei 45 Dollar liegen», glaubt er.

60 bis 65 Dollar pro Fass möglich

Investoren sollten mit Blick auf die Volatilität am Rohölmarkt gelassen reagieren, raten auch die Analysten der UBS. Zum einen sind auch sie der Meinung, dass die Reserven wieder zurückgehen. Und zum anderen ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Opec ihre Produktion doch reduziert, sehr hoch, schreibt UBS-Wealth-Management-Rohstoffexperte Wayne Gordon. Er sieht den Rohölpreis diesen Sommer sogar wieder bei 60 bis 65 Dollar pro Fass.

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Wer nicht direkt auf die Ölpreisentwicklung spekulieren will, kann alternativ Titel von Energiekonzernen ins Depot legen. Die gross angelegten Kostensenkungsprogramme der vergangenen Jahre erlauben es den Konzernen mittlerweile, mit einem niedrigeren Ölpreis zu leben. In den Quartalsberichten hat sich dies bereits teilweise eindrücklich gezeigt.

Keine Gefährdung der Dividenden

So konnten etwa Total, Chevron und BP im vierten Quartal 2016 schwarze Zahlen schreiben. Total erhöhte den Gewinn im Vergleich zum Vorjahr sogar um 16 Prozent und ist gemäss eigenen Angaben selbst bei einem Ölpreis von 40 Dollar pro Fass noch profitabel. BP benötigt dagegen 60 Dollar pro Fass, was daran liegt, dass die Gesellschaft mehr als andere investiert und die Kosten für die Katastrophe Deepwater Horizon weiterlaufen. Bis 2020 sind Zahlungen fällig.

Die Dividenden seien dadurch aber nicht gefährdet, wie BP versicherte. Gegenwärtig liegt die Dividendenrendite der Briten bei branchenweit sehr hohen 6,9 Prozent (siehe Box). Auch die Bewertungen der Aktien sind mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis 15 für die nächsten zwölf Monate ansprechend. Gleiches gilt für die Titel der Konkurrenten Total (KGV 12) und Royal Dutch Shell (KGV 14). Sehr gut entwickelt haben sich die Aktien des österreichischen Ölmulti OMV. Auch hier können Anleger immer noch einsteigen.

Verschuldung wird geringer

Die verbesserten Unternehmensergebnisse führen bei den meisten grossen Unternehmen zu höheren Cashflows. Das wiederum hilft, die Verschuldung abzubauen. Denn viele konnten ihre Dividenden in den vergangenen Jahren nur durch Fremdkapital oder den Verkauf von Betriebseigentum sicherstellen. Auch hier eine Trendwende: Shell etwa erwirtschaftete in den vergangenen zwei Quartalen ausreichende flüssige Mittel, um Dividenden und Investitionsausgaben zu decken.

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Auch Total und BP rapportierten einen positiven Cashflow. Wenn sich jetzt noch der Ölpreis tatsächlich um 60 Dollar stabilisiert, stehen für Anleger viele Zeichen auf Grün. Die Internationale Energieagentur (IEA) rechnet ab 2020 sowieso wieder mit stärker steigenden Ölpreisen, weil der Energiebedarf weltweit zunehmen dürfte. Das wiederum führe dazu, dass die Nachfrage das verfügbare Angebot übersteige, was sogar einen sehr starken Preisschub auslösen könnte.

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