Geschenke machen Freude. Deshalb verteilen Politiker gerne Subventionsgelder, um ihre Wahlchancen zu erhöhen. Wie wäre es also, wenn die Schweizer Regierung jedem Einwohner 250 Franken auszahlen würde? Gerade angesichts des starken Frankens wäre das eine willkommene Konjunkturspritze. Das Beste: Dieses Geschenk würde unser Land rein gar nichts kosten! Den Negativzinsen sei Dank!

Das würde so funktionieren: Die Regierung emittiert Schweizer Bundesobligationen, beispielsweise im Umfang von 80 Milliarden Franken und mit einer Laufzeit von fünf Jahren. Aktuell beträgt der Zins für eine solche Anleihe minus 0,5 Prozent. Das heisst, weil der Franken so begehrt ist und die Schweiz das höchste Bonitätsrating aufweist, sind die Gläubiger derzeit sogar bereit, etwas dafür zu bezahlen, dass sie dem Land ihr Geld leihen können. (In der Praxis würde der Zins bei einer so hohen Anleihe natürlich steigen, also näher in Richtung null gehen, doch handelt es sich hier ja lediglich um ein Gedankenexperiment.)

2 Milliarden Zins und billige Tricksereien in Italien

Die Gläubiger würden der Schweiz für diese Anleihe also fünf Jahre lang 0,5 Prozent Zins zahlen, das ergibt insgesamt 2 Milliarden Franken. Danach würde der Bund den Gläubigern, welche ihr Geld in dieser Zeit sicher parkieren konnten, die 80 Milliarden wieder zurückzahlen. Verteilt man die Zinseinnahmen von 2 Milliarden auf alle 8 Millionen Einwohner, so ergibt das pro Person einen einmaligen Betrag von 250 Franken.

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«Was für eine billige Trickserei», werden Sie nun einwenden. Ich gebe Ihnen Recht! Und doch kommen solche ökonomischen Kunstgriffe in der Praxis regelmässig vor, in immer wieder neuen Varianten. So etwa beim neuen italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi: Kurz vor seinem Wahlsieg im letzten Jahr hat er für rund 10 Millionen Bürger einen sogenannten Bonus von 80 Euro pro Monat eingeführt. Zwar finanziert der italienische Staat dieses Geschenk nicht über Negativzinsen, wie dies bei uns möglich wäre, aber dank der expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank zahlt das Land für eine dreijährige Staatsanleihe nur noch einen Zins von 0,5 Prozent, trotz der hohen Staatsschuld von mittlerweile 2000 Milliarden Euro.

Geschenke vom Staat und das Prinzip rechte Tasche, linke Tasche

Wo also liegt der wunde Punkt bei solchen Geschenken? Zwar stimmt es tatsächlich, dass bei Negativzinsen die Regierung kostenlos Geld an ihre Bürger verteilen könnte – solange man nur die direkten Kosten für den Staat betrachtet. Ausgeblendet sind dabei allerdings die indirekten Kosten, und diese sind beträchtlich, denn die Zinsflaute tangiert auch das Vorsorgevermögen und die Sparguthaben der Bevölkerung, welche keine Rendite mehr abwerfen (eine konkrete Berechnung zu den Auswirkungen in der Schweiz finden Sie hier). Somit könnten sich die Italiener den Bonus von 80 Euro im Monat auch gleich von ihrem eigenen Spar- oder Vorsorgekonto abbuchen – der Effekt wäre im Prinzip derselbe. Die Tief- oder Negativzinsen führen also nicht dazu, dass ein Staat nun plötzlich Geld aus dem Nichts schaffen kann.

Der 80-Euro-Bonus habe noch nicht zur gewünschten Stimulierung der italienischen Konjunktur geführt, musste Matteo Renzi kürzlich eingestehen. Trotzdem wird das Projekt weitergeführt – und sogar ausgebaut. Solange die Zinsen dermassen tief sind, ist die Verlockung, generös Geschenke zu verteilen, wohl einfach zu gross.

P.S.: Wegen der extrem expansiven Geldpolitik der Notenbanken gibt es immer mehr Staatsobligationen mit einer negativen Verzinsung. Gemäss Daten der Agentur Bloomberg sind weltweit Staatsanleihen im Volumen von über 4 Billionen Dollar ins negative Renditeterrain gerutscht. Wenig überraschend verzeichnet die Eurozone den stärksten Anstieg. Bereits haben europäische Staatsobligationen in der Höhe von 1,4 Billionen Euro einen Negativzins.

Albert Steck ist Experte für die Markt- und Produktanalyse bei Migros Bank

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