Die Nervosität an den Aktienmärkten war vor Beginn der Berichtssaison Anfang Oktober unübersehbar. Konjunkturängste in Europa, das Ende des Anleihenkaufprogramms der US-Notenbank sowie die Skepsis gegenüber der Geldpolitik der EZB versetzten die Investoren in Angst. Starke Korrekturen an den wichtigsten Aktienmärkten innerhalb von wenigen Tagen waren die Folge. Mit den ersten guten Unternehmensberichten nahm das Vertrauen der Investoren wieder zu, und die Aktienmärkte haben sich bis dato weitgehend erholt.

Die Mehrheit der Unternehmen war im dritten Quartal in der Lage, dem raueren globalen Konjunkturwind zu trotzen. Die regionalen Unterschiede sind jedoch gross. In den USA haben 75 Prozent der Unternehmen die Analystenerwartungen für die Gewinne übertroffen, das unterstreicht somit die brummende US-Konjunktur. In Japan lag der Wert bei 65 Prozent, nicht zuletzt gestützt auf die kontinuierliche Abwertung der japanischen Währung. In Europa, das sich im Konjunkturzyklus hinter den USA befindet, konnten lediglich 52 Prozent der berichtenden Unternehmen überzeugen. Diese «Schere» zwischen Europa und den USA ist schon länger offen und untermauert die divergierenden Pfade der wirtschaftlichen Entwicklung.

Prognose 2015: Zuversicht gegenüber Japan steigt …

Die Berichtssaison ist abgehakt, die Aktienmärkte schauen wieder nach vorne und ich ebenfalls. Vor dem Hintergrund, dass die Zunft der Konjunktur-Auguren für 2015 weiterhin von einer robusten Entwicklung in den USA beziehungsweise einer schwachen in der Eurozone ausgeht, frage ich mich, ob ich aus taktischer Sicht US-Titel den europäischen weiterhin vorziehen soll. Bekanntlich richtet sich die Börsenentwicklung nach der Zukunft, und die aktuelle Situation ist nicht immer ein guter Gradmesser für die Aktienkursentwicklung von morgen.

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Aus diesem Grund lohnt es sich, einen Blick auf die Gewinnerwartungen der Unternehmen für das Jahr 2015 zu werfen. Während die Zuversicht der Analysten – und auch meine – gegenüber japanischen Unternehmen steigt, schrauben sie ihre Gewinnschätzungen bei europäischen Unternehmen weiter nach unten. Bei amerikanischen Firmen haben die Schätzungen seit Oktober eine negative Dynamik entwickelt. Ob also die «Schere» zwischen Europa und Amerika, die wir im aktuellen Quartal sehen, auch im nächsten Jahr offen bleiben wird, ist unklar.

… Schätzungen für die USA und für Europa werden nach unten geschraubt

Aktuell revidieren die Analysten ihre Schätzungen für Europa und Amerika gleich stark nach unten. Dabei lässt die relative Attraktivität, die die amerikanischen Aktien gegenüber den europäischen besitzen, nach. Für die grosse Umschichtung von US-amerikanischen zu europäischen Aktien ist es aber noch zu früh. Wenn ich jedoch zwischen einem US-amerikanischen und einem europäischen Mitstreiter auf dem globalen Markt wählen muss, werde ich mich aus Bewertungsüberlegungen für den europäischen (z.B. für den französischen Reifenhersteller Michelin) entscheiden.

Andreas Knörzer, Leiter Asset Management, Notenstein Privatbank