Die Aktienkurse steigen, weil Unternehmen und deren Mitarbeitende eine zunehmende Investition in Produktivität und Technologie darstellen. Die Menschen akzeptieren die Natur des Marktes und gehen davon aus, dass die Volkswirtschaften immer weiter wachsen werden. Ein Grund dafür ist, dass sich die Demografie viele Jahrzehnte lang positiv entwickelt hat. Wir hatten ganz einfach Rückenwind durch positive Impulse für unsere Volkswirtschaften, aufgrund der steigenden Bevölkerungszahl. Denn eine wachsende Bevölkerung geht einher mit höheren Produktions-, Verkaufs- und Konsumbedürfnissen.

Nun, da Europa, die USA und China älter werden, kommt dieses Modell unter Druck. In Japan ging die Bevölkerungszahl 2012 beispielsweise um 183'153 Personen zurück, und Europa ist davon nicht weit entfernt. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung liegt in Deutschland bei 46 Jahren, in den USA bei 37 Jahren. Das scheint nicht viel zu sein, aber da die Deutschen früher in Rente gehen und weniger Stunden pro Woche arbeiten, hat die Differenz von neun Jahren einen grossen Einfluss auf das Bruttoinlandprodukt. Deutschland hat ausserdem eine negative Geburtenrate gegenüber der Sterblichkeitsrate. Laut Schätzungen lag sie 2013 bei -0,28 Prozent, oder genauer gesagt: Die Geburtenrate lag bei 8,37 Prozent auf 1000 Einwohner, die Sterblichkeitsrate im Vergleich dazu bei 11,17 Prozent auf 1000 Einwohner.

Der Bevölkerungsrückgang belastet das Bruttoinlandprodukt

Sowohl Deutschland als auch Japan müssen beginnen, jedes Jahr diesen Rückgang zu kompensieren. Die Berechnung für Japan lautet wie folgt: Ein Nettorückgang der Einwohnerzahl von 183'153 mal ein Pro-Kopf-Bruttoinlandprodukt von 39'473 US-Dollar, oder, im Bruttosozialprodukt ausgedrückt, ein Nettorückgang um 7,2 Milliarden Dollar! Eine beträchtliche Summe, die durch weniger Einwohner erwirtschaftet werden muss.

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Damit schliesst sich der Kreis. Die Unternehmen steigen auf, weil sie ihren Umsatz, ihr Volumen und ihren Gewinn vergrössern. Der Gewinn ist jedoch abhängig vom Wachstum des Markts, jedenfalls war dies bisher so. Von nun an muss ihr Fokus stärker darauf liegen, besser, günstiger und schneller zu werden. Es ist eine einfache Tatsache, dass wir die Produktivität um 0,2 bis 0,5 Prozent pro Jahr steigern müssen, um stabil bleiben zu können. Und das nur, um die Bücher im Vergleich zum letzten Jahr im Gleichgewicht behalten zu können!

Die Produktivität wächst zu langsam

Hinzu kommt, dass wir zu einer insgesamt höheren Produktivität in der Wirtschaft zurückfinden müssen, da die Produktivitätsraten während der Krise zusammengebrochen sind. In den vergangenen vier Jahren stieg die Arbeitsproduktivität in den USA um schwache 1,0 Prozent pro Jahr, im Vergleich zu 2,2 Prozent seit 1983. Noch schlechter sieht es aus, wenn wir die Gesamtproduktivität betrachten: Von 2012 bis 2013 sank die Produktivität der USA von 1,8 Prozent auf 1,7 Prozent – ein grosser Verlust! In Europa ging währenddessen die Arbeitsproduktivität 2012 um 0,1 Prozent zurück und zeigte 2013 ein leichtes Wachstum von 0,4 Prozent.

Anders ausgedrückt: Die beiden wichtigsten strukturellen Faktoren, die unsere Wirtschaft in der Vergangenheit angetrieben haben und dies auch heute tun, nämlich die Demografie und die Produktivität, sind beide schwach und werden noch schwächer. Das verheisst nichts Gutes für die vielzitierte Erholung, die die EZB und andere Entscheidungsträger sowie die Politiker uns versprechen. Sie lassen ausser Acht, dass das geringe Wachstum struktureller und nicht konjunktureller Natur ist. Es ist die Aufgabe der Zentralbanken, die konjunkturellen Faktoren des Wirtschaftskreislaufs anzupassen, während es der Politik obliegt, sich mit den strukturellen Fragen auseinanderzusetzen. Das stimmt mich schwermütig für das restliche 2014!

Politiker konzentrieren sich nur auf kotierte Unternehmen

Während der gesamten Dauer der Krise haben die Politiker NICHTS unternommen, um Reformen aufzustellen oder um die strukturellen Fragen anzugehen. Sie konzentrieren sich nur darauf, die 20 Prozent der Wirtschaft, die aus den börsennotierten Unternehmen bestehen, mit künstlich billig gehaltenem Geld am Leben zu erhalten, während die anderen 80 Prozent, die kleinen und mittleren Unternehmen (KMUs), sich selbst überlassen werden.

Dies wird umso problematischer, wenn wir uns anschauen, welcher Teil der Wirtschaft Wachstum und Produktivität erzielt. Eine Studie der EU – ausgerechnet! – vom Januar 2012 zeigt auf, dass KMUs einen wesentlichen Beitrag zur europäischen Wirtschaft leisten und für mehr als zwei Drittel der gesamten Beschäftigung im Privatsektor sowie für mehr als 85 Prozent des Nettobeschäftigungswachstums verantwortlich sind. Nochmals: 85 Prozent des Nettobeschäftigungswachstums kommt von KMUs, die weniger als 5 Prozent aller Kredite und weniger als 1 Prozent des politischen Kapitals erhalten. Stattdessen konzentrieren sich die politischen Entscheidungsträger darauf, die europäischen Banken über Wasser zu halten und subventionieren genau diese Banken mit Geldern und Krediten, die eigentlich dort investiert werden sollten, wo Produktivität erzielt wird, also im kredithungrigen KMU-Bereich.

Die grossen Wirtschaftsblöcke sind im Umbruch

Das ist er dritte wichtige Faktor für die Erholung oder für deren Ausbleiben. Die frühen Daten für 2014 bestätigen meine skeptische Sicht: Der Einkaufsmanagerindex Frankreichs liegt deutlich unter 50,00, und Deutschland wird bald eine Verlangsamung erleben, nicht nur bei den Forschungsdaten, sondern auch beim Export. Die Zahlen aus dem ersten Quartal werden für die deutsche Industrie hoch sein, da sich derzeit die ganze Welt neu ausrichtet und sich vom Import abwendet. Asien strebt nicht mehr nach Umsatzwachstum, sondern neu nach qualitativem Wachstum. Die USA reduzieren ihr aktuelles Leistungsbilanzdefizit und konsumieren weniger von anderen Ländern der Welt. Sie importieren insbesondere weniger Energie, da der Einfluss des Schiefergases auf die Erdgaspreise die Konkurrenzfähigkeit steigerte und gleichzeitig die Reduzierung des Energieimports förderte. Das führt zu einem Ausblick unter den Konsenserwartungen bezüglich Wachstum und Bilanz für 2014.

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Ich habe soeben anhand der Frühindikatoren unsere Konjunkturprognosen für das restliche 2014 aufgestellt. Schlussfolgerung: Ende des zweiten Quartals wird die US-amerikanische Notenbank aufgrund mangelnden Wachstums aktiv werden. Ähnliches zeigt sich auch in Europa: Der hohe Eurokurs, die Deflationsgefahr und das mangelnde Wachstum werden die Europäische Zentralbank dazu bewegen, das Rezessionsrisiko in voller Kampfmontur, mit aggressiver quantitativer Lockerung und mit ähnlichen Massnahmen zu bekämpfen.

Ab dem zweiten Quartal 2015 könnte die Weltwirtschaft abheben

Das Weltwirtschaftswachstum wird im ersten Quartal 2015 die Talsohle erreichen, danach aber richtig abheben und echte Erholung erleben. Der Auslöser für diese Veränderungen wird der Flirt Europas und der USA mit der Deflation sein. Die drei oben genannten strukturellen Faktoren werden zwar nicht verschwinden, aber die Produktivität und die KMUs sind durch Politik miteinander verbunden. Ich glaube, dass wir nur wenige Quartale von einem Aha-Erlebnis entfernt sind, wenn die politischen Entscheidungsträger endlich erkennen, welches Potenzial ausgeschöpft werden kann, wenn man den KMUs und den Einzelunternehmern erlaubt, die Wirtschaft in neue Bahnen zu lenken.

Es gibt nur einen Weg, wie die Krise beendet werden kann: Die Angebotsseite der Wirtschaft und nicht wie in der Sowjetunion makroökonomische Politik muss bestimmen können. Der zusätzliche Vorteil davon ist, dass volles Vertrauen in den Einzelnen und in seine Fähigkeiten, durch die Krise steuern zu können, gesetzt wird. Die Geschichte lehrt uns, dass dieses Prinzip nicht bloss auf Hoffnung basiert, sondern auf Tatsachen.