Nach einer Einstellung des Handels ab dem 29. Juni wird an der Börse in Athen voraussichtlich erst wieder ab der kommenden Woche gehandelt. Auf den mit der EU ausgehandelten Kompromiss dürfte der Athens Exchange General Index dann mit einem deutlichen Plus reagieren.

Wie lange die Freude anhält, bleibt abzuwarten, denn eine echte langfristige Lösung für die Schuldenproblematik des Landes scheinen die Verhandlungsergebnisse selbst bei einer Absegnung durch die verschiedenen beteiligten Landesparlamente nicht zu bringen. Eher sieht es so aus, als ob wieder einmal nur eine Zwischenlösung gefunden wurde und Griechenland spätestens mittelfristig wegen der weiterhin viel zu hohen Schuldenlast und der fehlenden Wettbewerbsfähigkeit wieder als Krisenfall auf der EU-Agenda auftauchen sollte.

Kurzfristiges Grexit-Risiko vom Tisch

Diese Perspektive spricht für einen weiterhin volatilen Handel an der griechischen Börse, nachdem sich die Notierungen beim FTSE/ATHEX Large Cap Index schon in den vergangenen zwölf Monaten in einer sehr breiten Spanne von 652 bis 1257 Punkten bewegt hatten. Auch in den kommenden Wochen und Monaten ist mit starken Ausschlägen zu rechnen, wobei das erreichte Bewertungsniveau im Grunde genommen deutlich steigende Kurse zulassen würde, sobald Anleger wieder Vertrauen in eine bessere konjunkturelle Zukunft des Landes haben. Genau das scheint aber auch mit dem jetzt gefundenen Kompromiss weiter fraglich zu sein und vor allem drohen neue politische Turbulenzen. Denn es ist nicht sicher, dass die griechische Regierung die auf den Deal vermutlich folgende Zerreissprobe überstehen wird.

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Trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit für den zuletzt immer intensiver diskutierten Euro-Austritts Griechenlands zunächst einmal gesunken. Während Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater die Grexit-Wahrscheinlichkeit nun bei unter 50 Prozent sieht, ist nach Einschätzung der Landesbank Baden-Württemberg dieses Risiko sogar von 60 auf 20 Prozent zurückgegangen. Dabei ist es genau dieser Euro-Austritt, der eventuell den grossen Befreiungsschlag bringen könnte. Kurzfristig wären nach so einem Schritt zwar grosse Schwierigkeiten zu erwarten, langfristig bestünde aber die Chance auf eine Wiedererlangung der Wettbewerbsfähigkeit über die Schiene der Abwertung einer dann eingeführten eigenen Währung.

Griechenland – im internationalen Vergleich weit abgeschlagen

Der Handlungsbedarf ist jedenfalls gewaltig. Die Konjunktur, die zuletzt wieder in eine Rezession gerutscht ist, präsentiert sich mit einem Niveau der Wirtschaftsleistung von 27 Prozent unter dem Vorkrisenniveau auf einem schlechten Stand. Die Arbeitslosenquote ist mit fast 26 Prozent die höchste in der Euro-Zone und in der Rangliste des Ease of doing business, welche das Umfeld für Unternehmen definiert, bewegt man sich weltweit mit Rang 61 nur zwischen Tunesien und Russland.

Laut den Volkswirten bei Natixis würde ein Euro-Austritt des Landes zwar zunächst durch die Währungsabwertung zu höheren Importpreisen und damit niedrigeren Realeinkommen führen. Doch wie schon 2009 durch eine Verringerung der Arbeitskosten geschehen, würde sich dadurch auch die Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Bei einer unterstellten Abwertung von 30 Prozent würden sich laut Modellberechnung die Realeinkommen um zehn Prozent verringern, während das Bruttoinlandsprodukt unter dem Strich einen Schub von drei Prozent bekommen dürfte.

Ein Grexit könnte griechische Aktien beflügeln

Nach Einschätzung von John Higgins, Chefvolkswirt bei Capital Economics, wurde ein Grexit durch das Fehlen eines Schuldenschnitts im ausgehandelten Kompromiss erneut nur zeitlich nach hinten verschoben. Letztlich ist es aus seiner Sicht nur eine Frage der Zeit, bis es dazu kommen wird. Für den lokalen Aktienmarkt muss dies laut Higgins aber nicht den endgültigen Absturz bedeuten. Im Gegenteil: Bei einem Ausstieg aus dem Euro sollte es vielmehr nicht lange dauern, bis sich ein neuer Kurs-Boom einstellen dürfte.

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Diese Prognose habe auch mit der Grundsatzhaltung zu tun, dass das Land für eine Wiederbelebung der heimischen Wirtschaft eine Abwertung benötige. Für ein aufwärts gerichtetes Kursszenario spreche bei dieser Konstellation aber auch der Vergleich mit Grossbritannien. Denn als auf der Insel im September 1931 und im September 1992 die Währung effektiv abgewertet wurde, kam es zu deutlichen Kursgewinnen am lokalen Aktienmarkt. Weil es durchaus Parallelen zur heutigen Situation in Griechenland gebe, sei es sehr gut möglich, dass die Athener Börse letztlich von einer Währungsabwertung profitieren würde, so Higgins.

Argentinien – Kursgewinne nach der Abwertung

Auch nach Ansicht von LGT Capital Partners-Analyst Mikio Kumada muss ein Grexit für Griechenland langfristig nicht zwingend negativ sein. Um abzuwägen, was so ein Schritt für die Athener Börse bedeuten könnte, vergleicht er die Börsenentwicklungen in Argentinien und Griechenland nach dem jeweiligen zyklischen Hoch im August 1997 bzw. im Oktober 2009 und somit ab Beginn des Abstiegs in die jeweilige Schuldenmisere. Dabei ergibt sich für griechische Aktien eine schlechtere Performance als seinerzeit für argentinische Aktien. Auch konnten sich die Valoren in Griechenland mit bisher mehr als drei Jahren viel länger nicht von den tiefen Niveaus lösen. Trotzdem könnte ein Grossteil der Probleme Griechenlands laut Kumada inzwischen in den Kursen eingepreist worden sein. Der genaue Tiefpunkt und die Kraft und Dauer der Erholung werde aber von den kommenden politischen Entwicklungen abhängen. Auch wenn es zwischenzeitlich noch sehr volatil bleiben dürfte - allzu weit von diesem Moment eines Neubeginns dürften wir uns aber auch nicht mehr befinden, so Kumada.

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Interessant ist zudem der Blick auf die argentinische Börsenentwicklung in US-Dollar und Peso, beginnend mit der Einführung der Kapitalkontrollen am 1. Dezember 2001. Innerhalb eines Monats gab es damals in Argentinien Strassenschlachten, einen Regierungswechsel, die offizielle Bankrotterklärung und eine Bankenkrise. Am 6. Januar 2002 gab Buenos Aires schliesslich die US-Dollar-Bindung auf und liess den Peso fallen. Bis Mitte Juni 2002 wertete die Währung um 75 Prozent zum Dollar ab. In lokaler Währung markierte die Einführung der Kapitalkontrollen den Tiefpunkt der damaligen Krise. In US-Dollar wurde die Talsohle sechs Monate danach erreicht, als sich auch der Wechselkurs stabilisierte. Anschliessend vervierfachte sich der argentinische Merval-Index laut Kumada bis Ende 2013. Gegenüber dem 1. Dezember 2001, also kurz vor dem Bankrott und der Abwertung, betrug der Gewinn in Dollar gerechnet rund 25 Prozent.

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Soll es in Griechenland doch noch zu einem Grexit kommen, dann lässt sich der lokale Aktienmarkt nach dem Abwertungsschub am einfachsten mit Index-Zertifikaten oder ETFs wie dem Lyxor UCITS ETF FTSE Athex Large Cap EUR(ISIN: FR0010405431) spielen. Der ETF enthält die 25 marktschwersten Aktien der Athener Börse.