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Gastkolumne
Grexit und keine Angst vor Ansteckung

Peter Westaway: Chefökonom bei Vanguard Europa

Obwohl der Austritt Griechenlands aus der Eurozone wahrscheinlicher wird, reagierten Investoren bisher gelassen auf mögliche Ansteckungsrisiken für andere Euro-Schuldenländer. Eine Lagebeurteilung.

Von Peter Westaway
am 19.03.2015

Dass die radikale Syriza-Partei an die Macht kommen und ein Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone herbeiführen könnte, hat die Finanzmärkte schon 2012 in Aufruhr versetzt. Damals schossen die Renditen für Staatsanleihen aus Griechenland und aus anderen Euro-Randstaaten in die Höhe, da die Märkte die Gefahr eines Zusammenbruchs der gesamten Eurozone in die Kurse einpreisten.

Damals wurde eine Regierung gewählt, die zu harten Sparmassnahmen und zu Strukturreformen bereit war, um die Bedingungen der Gläubiger des Rettungspakets zu erfüllen. Trotz des Forderungsverzichts und der Umschuldung hielten schon damals einige Beobachter einen Austritt des Landes aus der Währungsunion für unvermeidlich.

Grexit wird wahrscheinlicher

Mit der jüngsten Wahl hat sich, in Anlehnung an die Worte von Mark Twain, die griechische Geschichte zwar nicht wiederholt, aber es gibt auffallende Parallelen. Dieses Mal hat es Syriza an die Macht geschafft. Die Partei hat gesagt, sie wolle Griechenland in der Eurozone halten. Gleichzeitig hat sie jedoch auch klargemacht, dass sie die Bedingungen, die ihr von der sogenannten Troika (IWF, Euro-Gruppe und Europäische Kommission) für die Finanzhilfen auferlegt worden sind, so nicht anerkennen will. Dadurch ist ein Grexit, also der Austritt Griechenlands aus der Eurozone, wieder wahrscheinlicher geworden.

Ob das tatsächlich eintreten wird oder nicht, ist für die wirtschaftliche Zukunft Griechenlands von zentraler Bedeutung. In meinen Augen wiegen die Chancen, die der Verbleib in der Eurozone bietet, weitaus schwerer als die Nachteile. Wirklich wichtig wird diese Frage aber erst vor dem Hintergrund der Betrachtung, welche Auswirkungen ein Grexit auf andere Euroländer hätte. Wenn man Griechenland erleichterte Finanzierungsbedingungen zugesteht, warum sollten sich dann andere Randstaaten weiter anstrengen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern? Und sollte Griechenland tatsächlich aus dem Euro austreten: Welche Risikoaufschläge würden die Anleger dann für Investments in andere Länder fordern, angesichts der Gefahr, dass das Beispiel der Hellenen Schule machen könnte?

Ansteckungsrisiken und warum der Markt gelassen reagiert

Aufgrund dieser Ansteckungsrisiken ist man überrascht, wie unbekümmert die Marktteilnehmer auf die aktuelle Krise reagieren. Doch es gibt eine Erklärung dafür: Die Finanzlage Europas hat sich seit 2012 grundlegend geändert. Zunächst bekräftigte EZB-Präsident Mario Draghi im Sommer 2012, man werde «tun, was auch immer nötig sein wird, um den Euro zu retten» («whatever it takes»). Damit machte er klar, dass sich die Notenbank verpflichtet fühlt, die Einheitswährung vor Spekulationen um ein mögliches Auseinanderbrechen der Eurozone zu schützen. Zudem haben die Währungshüter jüngst ein Programm der geldpolitischen Lockerung (QE-Programm) ins Leben gerufen, das Liquidität in die Märkte für Staatsanleihen pumpt und damit deren Renditen auf kaum nachhaltige Tiefst-Niveaus drückt.

Aber die vielleicht überzeugendste Erklärung dafür, dass die Märkte so gelassen auf die jüngste Zuspitzung der Griechenlandkrise reagieren, ist folgende: Letztlich war klar, dass die neue griechische Regierung bei ihren Verhandlungen mit der von Deutschland angeführten Gläubigergruppe am kürzeren Hebel sass. Sicher, die Troika heisst jetzt nicht mehr Troika, sondern «Die Institutionen». Möglicherweise wird man Griechenland auch in Bezug auf den künftig zu erzielenden Primär-Haushaltsüberschuss entgegenkommen, der durch eine vernünftige Umschuldung der griechischen Schulden begleitet wird.

Griechenland – minimaler Spielraum für einen Kompromiss

Die griechische Regierung musste dennoch bei den Verhandlungen ihre Positionen weitgehend aufgeben. Dabei half ihr auch die Tatsache nicht, dass Finanzminister Varoufakis Professor für Spieltheorie ist. Die griechische Bevölkerung hatte mit ihrem Stimmzettel zum Ausdruck gebracht, dass sie die an die Rettungskredite geknüpften Bedingungen ablehnt. Allerdings ist die Wirtschaft des Landes derart abhängig von den Finanzspritzen der EZB für die Banken und von der Troika für die Regierung, dass die griechische Seite nur einen minimalen Spielraum für einen Kompromiss hatte.

Zudem hätten weder die Steuerzahler noch die Regierungen der Gläubigerländer eine andere Lösung akzeptiert. Allerdings kann der neue Deal durchaus noch platzen und ein Ausscheiden des Landes aus der Währungsunion nach sich ziehen. Viel wahrscheinlicher ist es aber, dass Griechenland den langen und schmerzhaften Weg der Reformen weitergehen wird, den auch andere Randstaaten wie Irland, Spanien und Portugal schon eingeschlagen haben. Auf lange Sicht kann das für Griechenland nur von Nutzen sein, ebenso wie für all jene Länder, die das erste Jahrzehnt der Währungsunion damit vergeudet hatten, sich in einem vermeintlichen Wirtschaftsboom zu sonnen, der in Wirklichkeit nur den laxen Steuer- und Kreditbedingungen zu verdanken war.

Geldpolitik wird locker bleiben

Die Anleger sind nach wie vor geteilter Meinung über Europa. Während sich die einen von zurückgefallenen Börsen überdurchschnittliche Renditen für die kommenden Jahre versprechen, sind die anderen wegen der ungelösten Probleme in Sachen Haushaltskonsolidierung, Strukturreformen und politische Führungsstärke skeptisch gegenüber der künftigen Entwicklung. Klar ist, dass die Geldpolitik der EZB bis auf Weiteres extrem locker bleiben wird, denn die Entscheidungsträger wollen das zarte Pflänzchen der Erholung nicht gefährden.

Peter Westaway, Chefökonom bei Vanguard Europa

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